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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum manche Kinder ganz alleine nach Deutschland flüchten

Auf der Flucht: Dieses syrische Mädchen kümmert sich in einem mazedonischen Flüchtlingscamp um sein Geschwisterchen. Bild: obs

Tausende Kinder kommen ohne ihre Eltern nach Deutschland – auf der Suche nach Schutz und Sicherheit. Wovor fliehen sie? Und warum kommen viel mehr Jungs als Mädchen zu uns?

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          Kinder sind das Wertvollste, was Eltern haben. Wenn sie alleine oder nur von Bekannten oder Verwandten begleitet tausende von Kilometern weit in ein anderes Land fliehen, ohne ihre Eltern – dann muss es dafür schwerwiegende Gründe geben. Die Behörden nennen diese Kinder und Jugendlichen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Ganz Europa ist sich darin einig, dass sie besonders beschützt werden müssen.

          Das ist aber gar nicht so einfach. Denn das bedeutet, dass sie nicht einfach mit lauter fremden erwachsenen Flüchtlingen untergebracht werden können. Die kleinen Flüchtlinge ziehen deshalb meist in Häuser, die Kinderheimen ähneln. Weil im Moment viel mehr von ihnen zu uns kommen als in den Vorjahren, ist es gar nicht so leicht, für alle einen Platz zu finden. Schon 2013 waren es mehr als 5500, die bei den Jugendämtern Hilfe gesucht und bekommen haben, aber ihre Zahl steigt schnell. Die Kinder und Jugendlichen werden gefragt, wie alt sie sind und warum sie nach Deutschland gekommen sind. Wenn Erwachsene darauf keine gute Antwort haben, werden sie meistens zurück in ihr Heimatland geschickt. Bei den Kindern passiert das so gut wie nie. Dass sie hier sind, reicht eigentlich schon, damit sich die deutschen Jugendämter um sie kümmern. Ob sie dann aus Afghanistan kommen, aus Äthiopien  oder gar aus Frankreich, das ist egal: Kind bleibt Kind und damit schutzbedürftig.

          Aus Afghanistan kamen im vergangenen Jahr übrigens die meisten allein reisenden Kinder zu uns. Viele flüchteten auch aus den afrikanischen Ländern Eritrea, Somalia und Marokko. Und vor fünf Jahren kam tatsächlich ein Kind aus Frankreich alleine hier an und wollte bleiben. Das ist ein bisschen erstaunlich, weil wir Frankreich überhaupt nicht als Land sehen, aus dem man fliehen müsste. Aber da hat jeder seine eigenen Gründe.

          Denn wir nehmen nicht nur Flüchtlinge auf, die unter grausamen Herrschern oder Bürgerkriegen leiden. Sondern auch solche, die vor ihren Eltern fliehen, weil die sie schlagen oder auf andere Arten misshandeln. Die meisten Kinder haben aber andere Gründe. Sie wurden zum Beispiel ihren Eltern weggenommen und gezwungen, als Soldaten zu kämpfen. Das war so schlimm, dass sie ganz alleine geflohen sind. Mädchen kommen oft aus Ländern, in denen sie Grausamkeiten zu befürchten haben, weil sie eben Mädchen sind: Im Iran etwa gibt es Menschen, die ihnen auf der Straße Säure ins Gesicht schütten, weil sie ihre schönen Gesichter hassen. Und in einigen Ländern wie Somalia und Eritrea werden viele Mädchen aus einer schrecklichen Tradition heraus verstümmelt: Man schneidet ihnen das empfindlichste Körperteil ab, das Frauen haben. Bei manchen schmerzt die Stelle danach ihr ganzes Leben lang. Auch wenn ein Mädchen gegen seinen Willen verheiratet werden soll, oft mit einem viel älteren Mann, und ihm die Flucht gelingt, muss es sich alleine durchschlagen – denn seine Familie ist ja für die Hochzeit.

          Manche Eltern schicken ihre Kinder aber auch ganz bewusst alleine weg. Schließlich ist eine Flucht teuer. Man muss sogenannte Schlepper bezahlen, die einen in Autos und Booten nach Europa bringen. Das können viele Familien sich nicht leisten – oder eben nur für einen von ihnen. Da fällt die Wahl meistens auf einen der Söhne, auf denjenigen, der am gesündesten und kräftigsten und schlauesten ist. Die Eltern hoffen, dass er es zum Beispiel nach Deutschland schafft, einen Job findet und den Rest der Familie nachholen kann. Weil die meisten Flüchtlinge aus Ländern kommen, in denen man so etwas eher Jungen zutraut als Mädchen, kommen viel mehr Jungen zu uns nach Deutschland. Von hundert unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen sind nur etwa fünfzehn Mädchen.

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          Aber viele Eltern glauben auch gar nicht daran, dass sie später ihren Kindern hinterher reisen können. Sie schicken sie weg, um sie zu beschützen. Etwa aus Ländern wie Syrien, wo der Bürgerkrieg auf der Straße tobt und durch die Fenster in die Wohnungen ganz normaler Leute geschossen wird. Unsere eigene Sicherheit ist nicht so wichtig, denken da viele Eltern, aber unsere Kinder, die sollen leben. Deshalb schicken sie sie weg. Nicht obwohl, sondern gerade weil ihre Kinder das sind, was sie auf der Welt am meisten lieben.

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