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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum es Streit gibt über die Masern-Impfung

  • -Aktualisiert am

Ein kleiner Stich, eine große Diskussion: Masernimpfung Bild: dpa

In Berlin sind die Masern ausgebrochen. Trotzdem sind manche Eltern weiter gegen Impfungen. Sind sie „verantwortungslos“, wie viele jetzt sagen — oder gibt es tatsächlich Impfnebenwirkungen?

          In Deutschland reden viele Politiker und Fachleute für Medizin im Moment darüber, ob man Eltern dazu verpflichten sollte, ihre Kinder impfen zu lassen. Anlass für diese Überlegungen sind die vielen Masernfälle in Berlin. Seit dem Herbst haben sich in der deutschen Hauptstadt mehr als sechshundert Menschen mit Masern angesteckt. Die Krankheit, die durch ein Virus ausgelöst wird, wurde im Oktober mit Asylbewerbern aus Bosnien-Hercegovina nach Berlin eingeschleppt. Hier konnte sie sich dann schnell in der Bevölkerung verbreiten, weil viele Menschen überhaupt nicht oder nicht ausreichend gegen die Masern geimpft sind.

          Masern sind eine gefährliche Krankheit, die durch ein winzig kleines Virus ausgelöst wird, einen Krankheitserreger, der sich in der Atemluft von Erkrankten befindet. So können die Viren rasch auf andere Menschen übertragen werden. Es reicht, mit jemandem zu sprechen, der Masern hat, oder von ihm angehustet zu werden.

          Was Masern so gefährlich macht

          Oft weiß man am Anfang nicht, ob ein Mensch Masern hat oder nur ein bisschen Schnupfen. Die Kranken wissen das selbst nicht, und sogar Ärzte können es zu Beginn einer Masernerkrankung oft nicht sicher sagen. Erst nach einiger Zeit kommt zu typischen Erkältungszeichen und Fieber auch ein roter Ausschlag hinzu. Aber die Erkrankten sind schon ansteckend, bevor ihnen durch den roten Ausschlag auffällt, dass sie sich besser von anderen Menschen fernhalten und auch nicht in den Kindergarten, zur Schule oder zur Arbeit gehen sollten. So kommt es dazu, dass immer neue Menschen sich anstecken.

          In Berlin infizieren sich im Moment pro Tag bis zu dreißig Menschen. Ein kleines Kind, das anderthalb Jahre alt war, ist an den Masern gestorben. Denn Masern können nicht nur den gesamten Körper schwächen, sondern auch eine Entzündung im Gehirn auslösen, eine sogenannte Enzephalitis. Das ist lebensgefährlich. Außerdem beeinträchtigen die Masern das Immunsystem, so dass die Betroffenen sich noch andere Krankheitserreger zuziehen und beispielsweise Mittelohrentzündungen oder Lungenentzündungen bekommen können.

          Den Erreger abwehren

          Viele Politiker und Ärzte sagen jetzt, dass alle diese Krankheitsfälle und auch der Todesfall zu verhindern gewesen wären, wenn sich mehr Menschen an die Impfempfehlungen halten würden, die in Deutschland gelten. Eine Gruppe von Wissenschaftlern, die „Ständige Impfkommission“, hat Richtlinien herausgegeben, zu welchen Zeitpunkten Kinder geimpft werden sollten. Gegen Keuchhusten zum Beispiel gibt man vier Impfungen im ersten Lebensjahr eines Kindes, also wenn ein Kind noch ein Baby ist. Die erste Impfung von diesen vier sollen Babys bekommen, wenn sie zwei Monate alt sind. Bei Kinderlähmung ist es so ähnlich.

          Gegen Masern kann man frühestens im Alter von neun Monaten impfen, also etwa in dem Alter, wenn ein Baby gerade angefangen hat, zu krabbeln und sich an Tischen und Stühlen zum Stehen hochzuziehen. Wenn es dann gerade laufen gelernt hat, aber noch vor dem zweiten Geburtstag, impft man ein zweites Mal gegen Masern. Nach diesen zwei Impfungen ist das Kind geschützt gegen Masern, denn eine Impfung gibt dem Abwehrsystem des Körpers die Chance, sich auf den Masernerreger — sollte er in der Kita, in der U-Bahn oder im Hausflur vorbeifliegen — so gut vorzubereiten, dass man ihn wieder hinauswerfen kann aus dem Körper.

          Die Impfung wird mit einer Spritze gegeben, man spürt dabei einen winzigen Pieks am Oberarm. Auf diese Weise wird eine sehr kleine Menge stark abgeschwächter Masernviren in den Körper eingeschleust. Es gibt auch Krankheiten, gegen die man mit toten Viren impft. Aber der Masernimpfstoff ist ein sogenannter „Lebendimpfstoff“. Masern kann man davon trotzdem nicht bekommen. Wenn der Impfstoff im Körper ist, erkennen die Zellen des Immunsystems, dass ein Krankheitserreger eingedrungen ist. Weil es sich aber um einen stark veränderten, schwachen Erreger handelt, wird das Immunsystem mit ihm fertig. Die Abwehrzellen des menschlichen Körpers lernen auf diese Weise, Masernviren zu erkennen. Sie können ab diesem Zeitpunkt auch Proteine bilden, sogenannte Antikörper, die speziell so gestaltet sind, dass sie zu Masernviren passen und sie abfangen und unschädlich machen können. Wenn der geimpfte Mensch dann eines Tages einem Masernkranken begegnet und sich ansteckt, kommen die Viren in seinem Körper nicht weit: Die Zellen des Abwehrsystems sind ja schon durch die Impfung vorbereitet und in der Lage, sich gegen die Viren durchzusetzen.

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