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Generalprobe in Rutschsocken: Lilly Among Clouds tritt beim deutschen Vorentscheid zum ESC an. Bild: EPA

Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum es so schwer ist, einen ESC-Kandidaten zu finden

Heute Abend wird bestimmt, wer Deutschland beim nächsten Eurovision Song Contest vertreten soll. Aber warum ist das immer so kompliziert – und warum führt es am Ende meist doch nicht zum Erfolg?

          Die Kolumne „Wie erkläre ich's meinem Kind?“ gibt es auch zum Hören – und zum Abonnieren, als Podcast. Auch diese Folge.

          Aly Ryan, BB Thomaz, Linus Bruhn, Gregor Hägele, Lilly Among Clouds, Makeda und S!sters. So heißen die Sänger, die beim deutschen Vorentscheid zum ESC antreten. Schon mal gehört? Wahrscheinlich nicht – die Kandidaten sind meist eher unbekannt, jedenfalls in Deutschland und in den letzten Jahren. 2018 hat das ganz gut funktioniert: Michael Schulte kam auf Platz vier. Davor hatten wir ein paar echt katastrophale Jahre beim ESC. Und dafür gibt es gleich mehrere Gründe.

          Theoretisch hat Deutschland ein paar tolle Sänger zu bieten. Das ist wichtig, obwohl der ESC ja ein Song Contest, also ein Liederwettbewerb ist. Ausgezeichnet wird das beste Lied und nicht der beste Sänger. Aber das schönste Lied verliert, wenn jemand es nicht schön vorträgt, und wenn jemand sensationell singen kann, sieht man über einen langweiligen Text eher hinweg. Im Idealfall kommt also beides zusammen: ein gutes Lied und ein toller Sänger. Bei Michael Schulte war das letztes Jahr so, er hatte das Lied sogar selbst geschrieben. Und bei Lena, die 2010 für Deutschland den Sieg holte, ebenfalls.

          Nun sind aber viele tolle Sänger sowieso schon berühmt und deshalb nicht mehr bereit, beim ESC anzutreten. Das scheint daran zu liegen, dass sie eher etwas zu verlieren haben: 2003 trat das russische Pop-Duo t.A.T.u. an, das damals international ziemlich erfolgreich war, und landete nur auf Platz drei, hinter einer belgischen Folkgruppe, die ein Lied in einer ausgedachten Sprache sang und zuvor nie in den Charts war. Die Siegerin Sertab Erener war zwar zuvor schon ein Star – aber nur in der Türkei.

          Und da fangen die Probleme an: Es gibt fantastische Sänger, die noch keiner kennt, aber die haben eben auch nicht viel Erfahrung auf der Bühne. Beim ESC stehen sie dann plötzlich vor einer riesigen Halle voller Menschen und haben durch die Fernsehübertragung um die 200 Millionen Zuschauer aus aller Welt. Das kann einen schon mal überfordern. Wer sich davon aus der Ruhe bringen lässt, ein bisschen schief singt oder die ganze Zeit verkrampft lächelt, macht auf die Zuschauer nicht den besten Eindruck.

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          Der zweite Punkt ist, dass gute Lieder nicht vom Himmel fallen. Es gibt das, was man als klassische ESC-Powerballade bezeichnet: Geigen im Hintergrund, man singt von der Liebe, beim Refrain wird es laut und dramatisch. Das hat Conchita Wurst für Österreich 2014 so perfekt gemacht, dass man diese Disziplin jetzt eigentlich aufgeben müsste, weil es eh niemals jemand besser hinkriegen wird.

          Aber es gibt ja noch unendlich viele andere Möglichkeiten, es soll ja auch nicht alles gleich klingen. Denn die besondere Schwierigkeit bei einem ESC-Song liegt darin, dass er keine zweite Chance bekommt. Manche Lieder hört man ja zwei-, dreimal und findet sie langweilig, aber wenn sie öfter im Radio kommen, findet man sie doch irgendwann richtig gut. Darauf kann man beim ESC nicht warten. Die meisten Länder sind zwar schon beim Halbfinale dabei, aber das schauen nicht so viele Leute an. Für den Großteil der Zuschauer sind am Abend des Finales alle Lieder neu. Und es sind so viele! Es muss also etwas Besonderes haben, damit man sich daran erinnert. Die Erfahrung zeigt, dass schrille, auffällige Nummern gar nicht so schlecht abschneiden. In diesem Zusammenhang sollte man Kindern von heute unbedingt Guildo Horn vorstellen, der 1998 Platz sieben belegte.

          Ein Beitrag für den ESC muss also alles haben: Das Lied muss auffallen, aber die Menschen auch berühren. Der Sänger muss sympathisch sein, gut singen und dabei souverän wirken. Und dann muss das Ganze auch noch Leute in aller Welt begeistern, die ganz unterschiedliche Vorstellungen von Musik haben: Türkische Musik klingt zum Beispiel ganz anders als deutsche, weil im arabischen Kulturkreis traditionell andere Tonleitern benutzt werden. Manche von diesen Tönen gibt es auf dem Klavier gar nicht. Außerdem entscheiden ja nicht nur die Zuschauer, sondern auch noch Jurys, die weniger auf den großen Effekt schauen sollen und mehr auf die Qualität des Liedes.

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          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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          Jetzt käme eigentlich die Stelle, an der man erwähnen sollte, dass es ja auch darum geht, ein schönes, internationales Musikfest zu feiern, und dass das Gewinnen nicht immer im Vordergrund stehen sollte. Dass Dabeisein alles ist und man sich für die anderen freuen sollte, wenn sie gewinnen. Das stimmt ja auch alles. Aber machen wir uns nichts vor: Gewinnen ist einfach super.

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