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Wie erkläre ich es meinem Kind? : Warum es immer das Allerneuste sein muss

Anstehen vor dem Apple-Store: An diesem Freitag Morgen in London Bild: dpa

In der Werbesprache heißt „neu“ soviel wie „gut“. Und wenn ein neues Smartphone auf den Markt kommt, sieht die vorige Version auf einmal ganz alt aus. Warum zieht uns das Neue so an?

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          Das Beste ist das Neueste. Auf den ersten Blick stimmt das. Und manchmal braucht man das Neueste auch ganz dringend, als Allererster. Darum haben sich gerade Zeltlager vor den Apple-Stores gebildet. Wer möchte schon das Alte behalten haben, wenn es eine neue Version davon gibt?

          Zwar sehen wir das nicht bei allen Sachen so. Fast niemand wünscht sich zum Beispiel eine Stiefmutter als neueste Version der Mutter, nur weil die eigene schon eine Weile da ist. Auch zieht kaum jemand dauernd um, weil die neueste Heimat die beste wäre. Und dass die schönsten Bilder diejenigen sind, die gerade erst gemalt wurden, wird auch selten behauptet. Bei manchen Dingen liegt es umgekehrt sogar gerade an ihrem Alter, dass man sie gut findet: Bäume, Ritterburgen, Dinosaurier.

          Bei Handys jedoch, Popsongs, Klamotten und Autos liegt die Sache anders. Hier muss es für Viele immer das Neueste sein. Und zwar auch dann, wenn das Alte noch funktioniert und noch passt. Wie kommt das? Um diese Frage zu beantworten, ist es nützlich, zunächst zwischen Handys und PKWs auf der einen Seite, Popsongs und Klamotten auf der anderen zu unterscheiden. Denn es gibt zwei Arten, auf die ein Ding veralten kann.

          Geplantes Veralten

          Die eine ist technisch. Das neue Gerät kann einfach mehr, ist schneller, hat mehr Speicherplatz oder erkennt automatisch die Person im Sucher und findet ihre Telefonnummer sowie ihre Lieblingsgesprächsthemen heraus (iBagger 6.0). Schon an diesem Beispiel erkennt man, dass „mehr können“ wiederum Verschiedenes bedeutet: dasselbe besser oder zusätzlich etwas ganze Neues können. Das Interesse am Neuesten kann darum eines an bloßer Leistungssteigerung sein – weniger Benzinverbrauch, mehr Pixel – oder eines der Neugier und der Entdeckung von Wünschen, von denen man soeben noch gar nicht wusste, dass man sie hatte.

          Bild: Johannes Thielen

          Der andere Grund, warum etwas veralten kann, liegt in der Mode. Hier kommen die Neuerungen nicht aus der Forschung oder der Entwicklung, hier kommen sie selber vom Verkauf her. Mode ist geplantes Veralten. Denn es ist gar nicht vorgesehen, dass die neueste Mode lieferbar bleibt, dass die Farben der Saison über die Saison hinaus beliebt sind, dass die Pop-Band auch in fünf Jahren noch existiert, dass die Prominenz von heute auch morgen noch interessant ist.

          Wozu? Falsche Frage

          So weit, so übersichtlich: Technik hier, Mode dort. Schaut man sich nun noch einmal die Zeltlager vor den Apple-Store, aber auch die neuesten Automobile an, dann erkennt man, dass diese Unterscheidung bei Smartphones und Luxuslimousinen zusammenschmilzt. Denn hier wird technischer Fortschritt zur Mode. Irgendwelche Fortschritte werden immer geliefert – größer, dünner, schärfer – und von den Testzeitschriften, die in Wahrheit Reklamezeitschriften sind, auch ins Schaufenster gestellt. Aber übernachtet jemand wegen mehr Energieeffizienz oder jetzt wieder – wieder! – abgerundeten Kanten in der Fußgängerzone? Und Zigtausende von Euro nur dafür, dass die Karre eine Wärmebildkamera hat, um Tiere fernanzuleuchten, und man ins Navi die Zielorte auch handschriftlich eingeben kann?

          Nein, hier dienen die technischen Verbesserungen selber dazu, einen Neukauf zu begründen, dessen wahre Gründe woanders liegen. Es geht um Dabeisein, Statusgewinn und Chic. Das Kaufen selbst ist der Nutzen, samt dem Haben und Herzeigenkönnen, der Gebrauch im engeren Sinne ist zweitrangig. Die griechische Philosophie hätte das so formuliert: Einkaufen ist hier keine Technik, um etwas anderes zu erlangen, sondern eine Praxis, die um ihrer selbst Willen erfolgt. Die Frage „Wozu?“ geht am Zeltlager vor dem Apple-Store völlig vorbei.

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