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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum die Bahn nicht fährt

Die Reisenden sind da, nur der Zug fährt nicht: Am vergangenen Wochenende am Berliner Hauptbahnhof Bild: dpa

In den letzten Tagen und Wochen blieben S-Bahnen und Züge oft stehen. Manchmal dauerte es Stunden oder sogar Tage, bis sie wieder fuhren. Bleibt das jetzt auch in den nächsten Wochen so? Und wer ist schuld daran?

          Normalerweise liegt es an Unwettern oder umgestürzten Bäumen, wenn die Bahn nicht kommt.  Oder an kaputten Loks oder kaputten Weichen. Jetzt gerade fahren Züge aber auch deshalb nicht, weil die Lokführer und Zugbegleiter (früher sagte man Schaffner) ihre Arbeit nicht tun. Das ist eigentlich erstaunlich, weil sie einen Arbeitsvertrag mit der Bahn haben. Darin steht, dass sie jeden Monat ihren Lohn überwiesen bekommen – dafür müssen sie aber auch jeden Tag pünktlich zur Arbeit kommen und tun, was die Bahn von ihnen erwartet.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Zurzeit tun sie das nicht, weil sie sich auf ein Recht berufen, das - jedenfalls unter bestimmten Umständen - höher steht als der Arbeitsvertag: das Streikrecht. Dazu braucht man eine Gewerkschaft, die mit der Bahn über einen Tarifvertrag verhandelt, zum Beispiel einen Tarifvertrag über höhere Löhne. Einigen sich beide Seiten auf diesen Tarifvertrag, dann wird der Lohn erhöht - auch wenn im Arbeitsvertrag früher einmal ein niedrigerer Lohn festgelegt worden war.

          Wenn sich die Gewerkschaft mit der Bahn allerdings nicht einigen kann und der Ansicht ist, dass sich die Bahn in den Verhandlungen bockig verhält, dann darf sie ihre Mitglieder zum Streik aufrufen. (Manchmal verhält sich allerdings auch die Gewerkschaft selbst bockig, aber das Ergebnis ist dasselbe: Sie beschuldigt die Vertreter der Bahn, bockig zu sein - und ruft deswegen ihre Mitglieder, also zum Beispiel Lokführer und Schaffner zum Streik auf.) Dann kann die Bahn nicht fahren, weil Lokführer und Schaffner einfach die Arbeit verweigern. Und weil sie von ihrer Gewerkschaft zur Arbeitsverweigerung aufgefordert worden sind, kann die Bahn diese Mitarbeiter auch nicht einfach entlassen - oder ihnen mit Entlassung drohen, damit sie Angst bekommen und lieber auf den Streik verzichten. Auch das gehört zum Streikrecht.

          Besonders bockig

          Bei der Bahn ist es in diesem Herbst besonders schwierig. Denn die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), die in den vergangenen Jahren immer Tarifverträge für Lokführer ausgehandelt hat, ruft diesmal nicht nur Lokführer zum Streik auf - sondern auch Zugbegleiter, also Schaffner. Dabei gibt es für diese Berufsgruppe eigentlich schon eine andere Gewerkschaft: die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Und mit dieser Gewerkschaft will die Bahn weiterhin Tarifverträge für Zugbegleiter abschließen. Aber das gefällt der GDL nicht, weil sie auch einen solchen Tarifvertrag haben will. Und einige Zugbegleiter sind eben Mitglied der Lokführergewerkschaft und streiken deshalb zusammen mit den Lokführern, wenn die GDL ruft.

          Die GDL findet die Bahn besonders bockig, weil sie nicht beiden Gewerkschaften einen Tarifvertrag für Zugbegleiter zugestehen will. Die Bahn findet dagegen die GDL besonders bockig, weil diese unbedingt einen zweiten Tarifvertrag mit anderen Regelungen für Zugbegleiter haben will. Die GDL will nämlich, dass ihre Mitglieder nur 37 Stunden pro Woche arbeiten müssen, wahrend die anderen Mitarbeiter der Bahn 39 Stunden pro Woche arbeiten sollen. Und die Bahn sagt: Das kann gar nicht funktionieren, wenn in Zukunft die einen Schaffner 39 Stunden arbeiten und die anderen Schaffner schon nach 37 Stunden nach Hause gehen.

          Nur ein Randproblem

          Am Ende würde dann der Zug deshalb nicht fahren, weil niemand mehr das Durcheinander im Dienstplan für Schaffner überblickt. Soweit ist es aber noch nicht. Vorerst werden die Züge weiterhin vor allem deshalb ausfallen, weil sich GDL und Bahn nicht einigen können und die GDL deswegen ihre Mitglieder - Lokführer und einige Schaffner - streiken lässt. Da nützt es auch nichts, dass die andere Gewerkschaft, die EVG, bisher keine Streiks will. Denn wenn die Lokführer nicht zur Arbeit kommen, nützt der eifrigste Schaffner nichts.

          Außerdem geht es in den Tarifverhandlungen beider Bahn natürlich auch um Löhne. Die GDL will 5 Prozent mehr, die EVG 6 Prozent. Aber das ist in dem aktuellen Streit nur ein Randproblem, das sich leicht lösen ließe.

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