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Wie erkläre ich es meinem Kind? : Warum am 3. Oktober alle freihaben

Am 3. Oktober 1990 vor dem Reichstag in Berlin Bild: Wolfgang Haut

Seit 1990 ist der 3. Oktober unser Nationalfeiertag. Doch was ist da eigentlich passiert? Nichts, könnte man sagen. Die ganz großen Aufregungen, die Revolution im Osten und der Mauerfall, das war doch alles schon vorbei.

          Die Franzosen haben immer am 14. Juli ihren Nationalfeiertag. Zur Erinnerung an einen Angriff einfacher Leute auf eine Festung in Paris, den Sturm auf die Bastille, das Symbol ihrer großen Revolution. Für Deutschland hieße das: Der 9. November, an dem vor 25 Jahren die Mauer fiel, müsste unser Feiertag sein.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Nachgedacht wurde darüber. Doch dieses Datum erinnert eben auch und für immer an die finsterste deutsche Geschichte: 1938 brannten am 9. November die Synagogen, Juden wurden ermordet, ihre Geschäfte zerstört. An einem Tag, der mit dieser schrecklichen Erinnerung verbunden ist, sollte nicht etwas so Schönes gefeiert werden. Die Idee wurde verworfen. Über zwei andere Tage wurde auch noch nachgedacht. Der eine war der 17. Juni zur Erinnerung an den großen Volksaufstand in der DDR für eine Wiedervereinigung, den sowjetische Panzer 1953 niederwalzten. Er war in Westdeutschland bis 1990 ein Feiertag. Warum er dann abgeschafft wurde, ist ein deutsches Rätsel, jedenfalls gibt es keine vernünftige Erklärung dafür. Franzosen würde so etwas nie einfallen.

          Dann wäre da noch der 18. März. Der erinnert an eine gescheiterte deutsche Revolution im Jahr 1848. Außerdem fanden am 18. März 1990  in der nur noch kurz existierenden DDR die ersten freien Wahlen seit dem Kriegende 1945 statt. Das wäre doch was? Aber es gefiel offenbar denen nicht, die das entscheiden durften, und der Vorschlag wurde verworfen. Ich glaube, so etwas Unordentliches wie eine Revolution darf in unserem ordentlichen Land irgendwie kein Grund zum Feiern sein, nicht mal eine erfolgreiche.

          Im Herbst vor 25 Jahren

          So kam wahrscheinlich der 3. Oktober in die erste Wahl. Aber an diesem Tag zog 1990 wieder Ordnung ein im ganzen Land, nach immerhin mehr als einem ganzen Jahr ziemlicher Unordnung, zumindest im Osten. Im Sommer 1989 verließen, zum Beispiel, Hunderttausende Menschen die DDR. Sie packten die Koffer und die Kinder ins Auto, schnitten Grenzzäune durch, besetzten Botschaften und gingen in den Westen. In die freie Welt ohne Mauern, mit ehrlichen Zeitungen und besseren Schulen und vielem mehr. Sie hatten genug vom Sozialismus, der ungemütlich, grau und ziemlich freudlos war.

          Diese Fluchten waren zwar verboten, die DDR existierte ja noch, aber das interessierte nur noch die Beamten und eine Regierung, die nichts mehr geregelt bekam und die niemand mehr ernst nahm. Eine Abstimmung mit den Füßen nennt man das. Jede Woche gingen damals so viele weg, wie eine mittelgroße Stadt Einwohner hat. Wer blieb, gründete Parteien, ging nicht nur montags demonstrieren und stürzte schließlich die verhasste Regierung. Ein ganzes Land war im Aufruhr. Und dann fiel in Berlin die Mauer. Nicht allen war gleich klar, dass sich die DDR und die deutsche Teilung damit endgültig erledigt hatte. Aber es war so, andernfalls hätte man ja all die glücklichen Menschen, die sich damals auf den Straßen umarmten und tagelang feierten, wieder einsperren müssen. Weil das natürlich nicht in Frage kam, begannen die Verhandlungen für die Wiedervereinigung.

          Das deutsche Grundgesetz ist schuld

          Nicht, dass alle das gleich wollten. Vor allem in Westeuropa, in Paris und in London war man ziemlich skeptisch. Und in Moskau? Die DDR gehörte zum sowjetischen Imperium, im Land standen Hunderttausende schwer bewaffnete sowjetische Soldaten. Aber Moskau schwieg vorerst, ratlos und unsicher. Dass Menschen so deutlich den Kommunismus ablehnten, konnte man dort nicht begreifen. Und dann gab es noch das deutsche Grundgesetz, unsere Verfassung, in deren Artikel 23 seit 1949 (damals wurde die Teilung Deutschlands besiegelt) unter anderem stand, dass es „zunächst“ nur für die Bundesrepublik (nicht für die DDR) gilt, aber auch: „In an anderen Teilen Deutschlands ist es nach deren Beitritt in Kraft zu setzen.“ Also trat die DDR bei. Das klingt bürokratisch und langweilig, und bürokratisch war es auch, aber es war für Millionen Menschen vor allem eine großartige Sache, die wichtigste in ihrem Leben.

          Ein gigantischer Vertrag wurde ausgehandelt, es ging um Geld und Eigentum, eine Armee (die der DDR) musste aufgelöst werden, Steuergesetze mussten her. Zwei Schulsysteme mussten zu einem einheitlichen werden und vieles mehr. Es ist ein viele Hundert Seiten dickes Vertragspaket und so etwas braucht seine Zeit. Unzählige Behörden mussten es prüfen, die Abgeordneten lesen. Dann war es endlich fertig und verabschiedet und trat am 29. September als „Einigungsvertrag“ in Kraft. Die DDR war nun Geschichte und Deutschland wieder ein Land.

          Und wie kommt nun der 3. Oktober 1990 ins Spiel? Es war nicht einmal ein Sonntag, an dem sowieso alle Zeit gehabt hätten zum Feiern. Es war ein Mittwoch, aber es war der erste freie Termin, nachdem alle europäischen Außenminister darüber informiert worden war, dass auch Moskau nichts mehr gegen die Wiedervereinigung hatte. Naja, ein aufregender Feieranlass ist daraus nie geworden. Vergessen die Minister, auch wenn das wichtig war. Machen wir also einfach das Beste daraus, denken zum Beispiel an all die Revolutionen, die dazu geführt haben, die vergeblichen und die erfolgreichen, die von 1848 oder 1953 und den Fall der Mauer. Ohne die wäre jeder 3. Oktober einfach nur ein Datum unter anderem geblieben.

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