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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Wie Muslime das Opferfest feiern

Muslime in Kairo versuchen Ballons zu fangen, die nach den Gebeten am ersten Tag des islamischen Opferfests in die Luft gelassen wurden. Bild: dpa

Gerade feiern Muslime in aller Welt den religiösen Höhepunkt und Abschluss der Pilgerfahrt nach Mekka. Über die uralte Geschichte, den Grund und die Glückwünsche des Opferfests.

          Jetzt gibt es die Kolumne „Wie erkläre ich's meinem Kind?“ auch zum Hören – und zum Abonnieren, als Podcast. Auch diese Folge.

          Aylin Güler

          Redakteurin für Social Media.

          Für mehr als eine Milliarde Muslime weltweit hat am Dienstag ein Fest begonnen. Es ist das wichtigste Fest im Islam, ähnlich wie Weihnachten im Christentum, und findet zum Höhepunkt der Wallfahrt nach Mekka statt. Vier Tage lang, bis zu diesem Freitagabend, feiern gläubige Muslime das Opferfest, das auf Türkisch „Kurban Bayrami“ und auf Arabisch „Eid al Adha“ heißt.

          Mit dem islamischen Opferfest ehren Sunniten und Schiiten den Propheten Abraham, der aus Loyalität und im Vertrauen zu Gott bereit war, seinen Sohn Ismael zu opfern. Obwohl diese Vorstellung Abraham leiden ließ, war er bereit, dem Wunsch Gottes Folge zu leisten – doch im letzten Augenblick verhinderte Gott das Opfer. Aus Dankbarkeit opferte Abraham stattdessen einen Widder.

          Diese Geschichte ist für die gläubigen Muslime ein Beweis dafür, dass man Gott vollkommen vertrauen kann. Zur Erinnerung daran führte der Prophet Mohammed während seiner ersten Pilgerfahrt das Opferfest ein. Bis heute reisen dazu jedes Jahr Millionen Muslime nach Mekka, in die heiligste Stadt des Islam.

          Die Prüfung Abrahams ist nicht nur im Koran, sondern auch in der Bibel und in der Tora überliefert. Abraham gilt wegen seines uneingeschränkten Gottvertrauens als Stammvater der drei monotheistischen Religionen – so werden die Religionen genannt, in denen ein einziger Gott verehrt wird.

          Der Beginn des Opferfestes wird nach dem Mondkalender berechnet und verschiebt sich somit im Sonnenkalender, wie wir ihn kennen, rückwärts jeweils um elf Tage im Jahr. In diesem Jahr war der erste Tag des Festes der 21. August. Die Feierlichkeiten beginnen allerdings schon am Vorabend, am „Tag Arafat“. An diesem Tag beten die Mekka-Pilger am Berg Arafat und konzentrieren sich vom Mittag bis zum Abend vollständig auf Gott. Das Fasten ist an diesem Tag – anders als im Ramadan – freiwillig. Jedem, der es tut, sollen die Sünden des vergangenen und des kommenden Jahres verziehen werden.

          Schafhändler auf einem Tiermarkt in Ankara vor dem Opferfest

          Am Morgen des ersten Feiertags beginnt der Tag mit einem Gebet in der Moschee. Auch Frauen und Kinder sind zu diesem festlichen Gebet eingeladen. Anschließend findet die rituelle Schlachtung eines Tieres statt. Meistens handelt es sich hierbei um Lämmer, die älter als zwei Jahre sind, oder große Tiere wie Rinder. Das Opfertier wird nach islamischen Regeln geschächtet – das heißt, es wird an der Halsschlagader ausgeblutet –, da Blut im Islam als unrein gilt. Der Tradition zufolge ist es der Älteste der Familie, der das Tier schlachtet. Heutzutage wird diese Aufgabe aber Fachkräften überlassen. Die Opferung eines Tieres ist für alle Muslime Pflicht, die finanziell dazu in der Lage sind.

          Das Fleisch wird anschließend in drei Teile geteilt: Der erste Teil geht an Bedürftige, ein weiterer Teil wird an Verwandte und Freunde verteilt, und nur der dritte Teil wird behalten und direkt nach der Schlachtung verzehrt. Dazu sind Freunde und Verwandte eingeladen. Zur Begrüßung wünscht man sich gegenseitig ein gesegnetes Opferfest („Kurban Bayramin kutlu olsun“) und hofft auf viele weitere, gemeinsame Festlichkeiten. Nach dem Essen wünscht man dem Gastgeber traditionell, dass Allah das Tieropfer akzeptiert („Allah kabul etsin“). Die Tage nach dem Festmahl stehen – ähnlich wie bei vielen Christen die Weihnachtsfeiertage – im Zeichen der Familie.

          Das öffentliche Leben steht fast still

          Für die Kinder gilt während des Opferfests: Wer Opa oder Oma die Hand küsst, bekommt Geld, Süßigkeiten oder Geschenke zugesteckt. Das Handküssen ist im Islam eine beliebte Geste, um Achtung, Liebe, Treue und Respekt gegenüber der älteren Person auszudrücken. Die älteren Personen können Eltern, Verwandte, Bekannte oder Lehrer sein. Die Hand von jüngeren oder gleichaltrigen Personen wird nicht geküsst. Auch im Westen gibt es die Handkuss-Tradition. Beispielsweise wird bei den Katholiken der Ring an der rechten Hand des Papstes geküsst.

          In Bangladesh wird notfalls aufs Zugdach geklettert: Zum islamischen Opferfest reisen weltweit Millionen Menschen in ihre Heimat zurück.

          In muslimisch geprägten Ländern steht das öffentliche Leben zum Opferfest fast still: Viele Geschäfte, öffentliche Einrichtungen, Schulen und sogar die Börse haben in diesen Tagen geschlossen. Viele Muslime nutzen die Feiertage auch, um zu ihren Familien im ganzen Land zu reisen.

          Schulfrei auf Anfrage

          Die türkischen Behörden warnen jedes Jahr die Bevölkerung vor den Gefahren auf den Straßen rund um „Kurban Bayrami“. So verteilen Polizisten Trillerpfeifen an Kinder auf den Straßen, die ihre Eltern ermahnen sollen, wenn sie zu schnell Auto fuhren. Im letzten Jahr kamen im Opferfest-Verkehr nach Medienangaben mehr als hundertzwanzig Menschen zu Tode. Für 2018 meldet die „Hürriyet“ bereits 82 Tote und 361 Verletzte.

          Türkische Polizisten verteilen zum Opferfest in Antalya Trillerpfeifen und T-Shirts an Kinder.

          In Deutschland gelten strengere Regeln zum Schächten eines Tieres. Aus dem Grund verzichten viele von den 4,5 Millionen Muslimen in Deutschland auf das Schlachten und schicken stattdessen Geld zu ihren Verwandten ins Ausland, die die Schlachtung vornehmen oder das Geld an bedürftige Einrichtungen spenden.

          Gläubige in Deutschland, die auf das Ritual nicht verzichten wollen, können Tiere für das Fest sogar per eBay Kleinanzeigen bestellen. Dort werden schon Wochen vorher Schafe, Lämmer oder Hühner angeboten. Der Großteil des Fleisches für die in Deutschland lebenden Muslime wird aber importiert.

          Muslimische Schüler können sich am ersten Feiertag des Opferfests vom Unterricht befreien lassen. Meistens muss diese Befreiung mindestens 1 Woche bis 10 Tage vor dem entsprechenden Termin beim Klassenlehrer schriftlich eingegangen sein.

          Nicht-Muslime können während den Festtagen ihren muslimischen Freunden und Bekannten Respekt vor ihrem Fest zeigen, in dem sie ihnen ein gesegnetes, friedvolles Opferfest wünschen. Kurz: „Eid Mubarak“. Diesen arabischen Ausdruck verstehen so gut wie alle Muslime. Generell wird jedoch nicht erwartet, dass Nicht-Muslime gratulieren.

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