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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Wie ein Ohrwurm ins Ohr kommt

Leider hat nicht nur der LIeblingssong Ohrwurm-Potential. Bild: Picture-Alliance

Morgens beim Frühstück läuft „Despacito“ im Radio – und für den Rest des Tages in Dauerschleife im Kopf. Ein Ohrwurm kommt unerwartet und in den merkwürdigsten Formen. Warum bleiben eigentlich manche Lieder im Kopf kleben?

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          Die Kolumne „Wie erkläre ich's meinem Kind?“ gibt es auch zum Hören – und zum Abonnieren, als Podcast. Auch diese Folge.

          Es gibt Musik, die ist so klasse, dass man sie immer und immer wieder hören könnte. Dann gibt es Musik, bei der möchte man sich schon beim ersten Mal nur die Ohren zuhalten. Welche davon zum Ohrwurm wird, können wir uns leider nicht aussuchen. Generell hat ein eben gehörtes Lieblingslied genauso das Zeug zum Ohrwurm wie ein unliebsames Stück, das man nicht zu Ende gehört hat. Das Zeug, das heißt: Sie haben einen hohen Wiedererkennungswert und eine Mischung aus Vertrautheit und Überraschungseffekt.

          Der Aberglaube hat ihn zum Namensgeber gemacht: Gemeiner Ohrwurm (Forficula auricularia).

          Die Melodie sollte einfach, rhythmisch einprägsam und gut singbar sein. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die Wiederholung eines Drei-Ton-Motivs ideal für einen Ohrwurm ist. Je leichter man sich auch nach längerer Zeit an eine Melodie erinnern kann, umso größer die Gefahr, dass sie „kleben“ bleibt. Meistens ist die Dauerschleife im Kopf auch tanzbar und hat einen emotional ansprechenden Text, so dass wir mit den paar Takten, die das Gehirn uns immer wieder gibt, singend durch die Gegend hüpfen. Wer einmal Mary Poppins „Superkalifragilistischexpialigetisch“ singen gehört hat, weiß, was ich meine. Reine Instrumentalstücke hingegen werden seltener zum Ohrwurm. Der zusätzliche Text sorgt nämlich dafür, dass unser Kopf mehr mit dem Song befasst ist, weil größere Bereiche eines bestimmten Teils unseres Gehirns, der Großhirnrinde, aktiviert werden.

          Woher dieses Phänomen seinen lustigen Namen hat? Der Ohrwurm, eigentlich Ohrenkneifer, ist ein Käfer, der einem mittelalterlichen Aberglauben zufolge gern ins Ohr kriecht und sich mit seinen Zangen am Hinterteil dort festhält. Einprägsame Musikstücke nennt man seit ungefähr 150 Jahren so: Ebenso wie man – jedenfalls glaubten die Menschen das lange Zeit – das Insekt nicht mehr loswird, wenn es sich einmal im Ohr festgesetzt hat, bekommt man auch den Ohrwurm nicht mehr aus dem Kopf.

          Den Ohrwurm gibt es schon so lange, wie es Musik gibt. Er kommt scheinbar aus dem Nichts und dreht im Kopf seine Kreise bis er genauso schnell wieder verschwindet wie er gekommen ist. Meistens bekommen wir einen Ohrwurm, nachdem wir Musik gehört haben, wenn wir entspannt sind, oder wir uns an etwas erinnern, das unser Gehirn mit einem Lied in Verbindung bringt. Ausgelöst wird der Ohrwurm durch unterschwellige Hinweisreize aus der Umwelt, zum Beispiel einen Gegenstand oder einen Geruch, den unser Gehirn mit einem Lied verknüpft hat ohne, dass wir es bemerkt haben. Ist ein besonders starkes Gefühl wie Freude oder Trauer mit einem Song verbunden, erhöht dies sein Ohrwurm-Potential.

          Genauer: Sind wir entspannt, müde oder hat unser Kopf gerade nichts zu tun, gehen unsere Gedanken wandern – und treffen dabei häufig auch auf Musik. Die Musikverarbeitung findet im auditorischen Kortex statt, so nennt die Wissenschaft das Hörzentrum des Gehirns. Bei einem Ohrwurm taucht jedoch nicht das komplette Lied im Bewusstsein auf, sondern nur ein Ausschnitt. Unser Gehirn versucht, die Melodie in Gedanken zu vervollständigen, um die Lücke zu schließen. Auch der Effekt, dass wir uns an Unvollständiges besser erinnern als an abgeschlossene oder vollständige Dinge, hat einen wissenschaftlichen Namen, man nennt ihn Zeigarnik-Effekt. Durch das innere Hören versuchen wir, innerlich mitzusingen. So schaukeln sich Hören und Singen gegenseitig hoch, bis der Liedausschnitt auf Dauerschleife läuft. Übrigens sind sensible Menschen, Frauen und Musiker anfälliger für diese Plagegeister. Bei tauben oder demenzkranken Menschen kann ein Ohrwurm sogar krankhaft sein.

          Um das Lied-Karussell im Kopf zu stoppen, hilft Ablenkung. Ein ignorierter Ohrwurm verschwindet nach ungefähr zwanzig Minuten wieder von allein. Je stärker man sich aber darauf konzentriert, das Lied zu vergessen, umso hartnäckiger hält es sich. Als Ablenkung für das Gehirn kann man seinem gelangweilten Arbeitsgedächtnis eine Aufgabe geben, beispielsweise ein Rätsel oder eine Geschichte. Wenn man weiß, wie das Lied heißt, kann man es auch im Ganzen anhören und so seiner Erinnerung an die fehlenden Stücke auf die Sprünge helfen. Alternativ kann man auch andere Musik hören, allerdings besteht dabei die Gefahr, sich einen neuen Ohrwurm einzufangen. Es gibt aber noch einen anderen, sehr effektiven Trick: Kaugummi kauen. Das funktioniert, weil einige Hirnregionen für Kaubewegungen und für Ohrwürmer verantwortlich sind, aber nicht beides auf einmal können. Je länger wir also kauen, umso weniger schafft es das Gehirn, an dem Lied festzuhalten. Tschüs, Ohrwurm!

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