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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Der Superschurke Zucker und seine Kräfte

Sechs Teelöffel am Tag genügen eigentlich, doch wir essen deutlich mehr: Griff in einen Zuckersack Bild: Picture-Alliance

Früher hieß es schlicht, er sei schlecht für die Zähne. Heute werden ihm Zerstörungskräfte wie einem Superschurken zugeschrieben. Warum Zucker im Übermaß schädlich ist.

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          Wer Süßes liebt, muss jetzt ganz stark sein. Und das sind viele. Fast alle von uns werden mit Nahrung groß, die Zucker enthält, viel Zucker. Zucker liefert uns Energie, gemessen in Kalorien, und davon brauchen Kinder und Jugendliche viel. Zu viel ist aber zu viel, und deshalb wird Zucker inzwischen als „Gefahr“, als „Droge“ oder sogar als „Gift“ gesehen. Zucker ist ein Politikum geworden. In zwei Jahren wird Großbritannien eine Strafsteuer auf gesüßte Limonaden einführen wie schon vor zwei Jahren Mexiko. Warum  aber ist der Zucker böse, wenn er doch nicht Chemie ist, keiner dieser künstlichen Zusatzstoffe, sondern ein Naturprodukt?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Nehmen wir eine Halbliterflasche zuckergesüßte Limonade oder Cola. Sie liefert massig Energie, eine Flasche enthält mindestens 13 Teelöffel Zucker. Zucker sind lange Ketten von Molekülen, Kohlenhydrate, in denen die Energie quasi gespeichert ist. Werden sie in Einzelteile gespalten, wird die Energie frei und ist für den Körper nutzbar. Wenn wir uns vernünftig ernähren, wenn wir also der Weltgesundheitsbehörde folgen, dann sollte der tägliche Energiebedarf auf Dauer mit höchstens sechs Teelöffeln Zucker gedeckt werden. Im Durchschnitt schlucken wir das Dreifache. Warum das gefährlich wird auf Dauer, ist einfach, und da unterscheiden sich Naturstoffe nicht von Chemikalien: Die Dosis macht das Gift. Gleich, ob der Stoff schmeckt oder nicht. 

          180.000 Todesfälle

          Zucker schmeckt dem Menschen vorzüglich, mit dieser Vorliebe kommen wir auf die Welt. Zucker gibt vielen Lebensmitteln außerdem die Farbe und ein leckeres Aussehen. Mit hoch konzentriertem Zucker können wir sogar Früchte, beispielsweise in Marmeladen, haltbar machen. Vor allem aber: Schneller als mit Zucker können wir uns kaum mit Energie versorgen. Wir können unseren Energiebedarf zwar auch völlig ohne Zucker decken, aber er ist der perfekte Treibstoff. Unsere Verdauung und Stoffwechsel wandeln den Zucker in Minuten in pure Energie um, und unser Gehirn und die Muskeln, die das meiste dieser Energie verbrauchen, danken es: Zucker wird im Gehirn, ohne dass wir es verhindern könnten, als Belohnung angesehen. Zucker kann, so gesehen, auch ein Heilmittel sein. Das „Belohnungszentrum“ schüttet Glückshormone aus, wenn wir es mit Zucker füttern. Ähnlich wie nach einem gewonnenen Fußballspiel oder wenn wir verliebt sind – oder wenn wir Drogen nehmen. Zucker liefert sogar das Gerüst, um daraus das Glückshormon Serotonin zu erzeugen.  Aber genau deshalb ist der Zucker tückisch. Einmal angefixt, wollen wir immer mehr belohnt werden. Ein bittersüßer Sog, den die Industrie für ihr Marketing nutzt. Irgendwann waren praktisch alle Lebensmittel gesüßt. Nimmt man die Statistik, nimmt ein Fünfjähriger in wohlhabenden Ländern heute so viel Zucker in einem Jahr auf, wie er selbst wiegt.

          In solchen Mengen, in einer Überdosis also, ruiniert Zucker mit der Zeit die Gesundheit und die Figur. Jedenfalls dann, wenn wir die überschüssige Energie nicht abbauen, indem wir uns viel bewegen und Kalorien abbauen, Sport machen. Die zunehmende Fettleibigkeit, die Mexiko und Großbritannien dazu gebracht hat, auf  Zuckerlimonaden Steuern zu erheben, damit weniger davon gekauft und geschluckt wird, ist dabei nicht einmal das Schlimmste. Zu viel Zucker kann – immer nur im Übermaß! –  die Organe zerstören  wie zu viel Alkohol: Wir bauen Fettpolster auf und können die Leber mit Zucker mästen, bis sie fett und krank wird. Im Gehirn werden die Nervenzellen geschädigt, weil die Kraftwerke, die die Zuckerbausteine in Energie umsetzen, schrumpfen können.

          Unser Körper reagiert auf Dauer viel empfindlicher auf Zuckerüberdosen als man lange dachte. Sobald der Zuckerspiegel  im Blut ansteigt, und das passiert sehr schnell nach dem Essen, produziert der Körper das Hormon Insulin, das dafür sorgen soll, dass der Zucker schnell vom Körper aufgenommen und verwertet wird und aus dem Blut verschwindet. Wird dauerhaft zu viel Insulin produziert, gehen die Drüsenzellen, die das Insulin herstellen sollen, zugrunde. Der Insulinmangel führt zur „Zuckerkrankheit“ – Diabetes. Entzündungen und verstopfte Blutgefäße sind die Folge. Die amerikanische Gesellschaft für Herzmedizin, die seit Jahren gegen den Zuckerkonsum wettert, meint, dass allein die Zuckerlimonaden für 180.000 Todesfälle verantwortlich sein sollen. Exakt nachprüfbar sind solche Zahlen nicht. Aber die nun aufgedeckten, Jahrzehnte langen Versuche der Lebensmittelindustrie, mit viel Geld die Mediziner von der Harmlosigkeit des Zuckerkonsums zu überzeugen, zeigt: Es steht viel auf dem Spiel. Für die Industrie geht es um Geld, für uns um die Gesundheit.

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