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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum wir ausgerechnet am Tag der Arbeit frei haben

  • -Aktualisiert am

Gute Arbeit: Lebkuchenherz bei einer Gewerkschafts-Demonstration in München Bild: dpa

Der 1. Mai läutet den Feiertagsreigen im Mai ein. Aber warum haben wir überhaupt frei am Tag der Arbeit? Und wie sieht es in anderen Ländern aus?

          Der Monat Mai hat für gewöhnlich zwei nennenswerte Vorzüge: das schöne Wetter und die zahlreichen Feiertage. Bei letzteren macht, wenig überraschend, der erste Mai den Anfang. Aber ausgerechnet am Tag der Arbeit nicht arbeiten zu müssen, das ist ja irgendwie widersprüchlich. Wie erklärt man das am besten?

          In der Regel arbeiten Erwachsene acht Stunden am Tag. Doch so war es nicht immer. Früher, als die Menschen überwiegend in Fabriken arbeiteten, waren Arbeitszeiten von 11 bis 13 Stunden ganz normal. Das gefiel den wenigsten Arbeitern. Auch Robert Owen, ein britischer Unternehmer, hatte etwas dagegen. Er forderte schon im Jahr 1830, dass die Arbeitszeit an einem Tag nicht mehr als acht Stunden betragen soll. Ganz nach seinem Motto: „Acht Stunden arbeiten, acht Stunden schlafen und acht Stunden Freizeit und Erholung.“

          Doch das war zu dieser Zeit utopisch und der Achtstundentag erst einmal nicht in Sicht. Fünfzig Jahre später war er noch immer ein Thema. So begann am 1. Mai 1886 in den Vereinigten Staaten ein mehrtägiger Generalstreik, um endlich den Achtstundentag durchzusetzen. Das Datum ist kein Zufall, denn am 1. Mai, dem sogenannten Moving Day, endeten traditionell die Arbeitsverträge. Ein passender Anlass, um die Forderung in den neuen Verträgen festzuhalten.

          Im Mittelpunkt stand die Industrie- und Arbeiterstadt Chicago. Auf dem Haymarket versammelten sich tausende Menschen. August Spies, Sprecher der amerikanischen Arbeiterbewegung und Herausgeber der Arbeiter-Zeitung, hielt eine Rede. Es kam zu heftigen Ausschreitungen, bei denen sowohl Demonstranten als auch Polizisten starben. Am 4. Mai eskalierte die Lage: Bei einer eigentlich friedlichen Versammlung warf ein Unbekannter eine Bombe in die Menschenmenge; ein Polizist kam ums Leben. Die anderen Polizisten gerieten in Panik und schossen um sich. Am Ende gab es mehr als zwanzig Tote und dreihundert Verletzte. Die Organisatoren, darunter der Redner Spies, wurden wegen Verschwörung angeklagt und zum Tode verurteilt. Dabei weiß man bis heute nicht, ob sie überhaupt etwas mit der Bombe zu tun hatten.

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          Im Gedenken an diese Ereignisse, die unter dem Namen „Haymarket Riot“ in die Geschichte eingehen, legte der internationale Arbeiterkongress in Paris 1889 den 1. Mai als Tag für Kundgebungen fest, in Deutschland wurde der Tag zum „Kampftag der Arbeiterbewegung“ ausgerufen. Ein Jahr später wurde er zum ersten Mal auf der ganzen Welt begangen. In Deutschland gingen 100.000 Arbeiter für bessere Arbeitsbedingungen auf die Straße, denn den Achtstundentag gab es immer noch nicht. Erst 1918 wurde er gesetzlich vorgeschrieben.

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          Während der Weimarer Republik scheiterten alle Versuche, den 1. Mai zu einem gesetzlichen Feiertag zu machen. Das Klima war durch Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit unruhig, und im Jahr 1929 wurden Demonstrationen am 1. Mai aus Angst vor Ausschreitungen sogar verboten. Erst zur Zeit des Nationalsozialismus wurde der erste Maitag in Deutschland ein gesetzlicher Feiertag. Mit den Rechten der Arbeiter hatte der „Nationale Feiertag des deutschen Volkes“, so hieß der Tag zeitweise, aber nichts zu tun. Die Nationalsozialisten nutzten ihn für Propaganda und um die Industrie zu feiern.

          Heute hat ganz Deutschland am 1. Mai zum Gedenken an die Arbeiterbewegung frei, und es finden viele Kundgebungen statt. Trotzdem läuft dieser Tag in Deutschland nicht immer friedlich ab, immer wieder kommt es zu Ausschreitungen. Die meisten Menschen nutzen den Tag allerdings privat für Ausflüge mit der Familie oder Dorffeste, auf denen in manchen Regionen Maibäume aufgestellt werden. In vielen Ländern ist der 1. Mai heute ein Feiertag. Interessant ist, dass ausgerechnet in den Vereinigten Staaten, wo der Tag seinen Ursprung hat, der Tag der Arbeit auf ein anderes Datum fällt. Der „Labor Day“, die englischsprachige Entsprechung, wird dort nämlich erst im September gefeiert.

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