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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum Leute einander mit Farbe bewerfen

Indische Studentinnen feiern 2016 in Bhopal das Holi-Fest. Bild: Picture-Alliance

Wenn Pulverwolken in lila, grün, rot, gelb und orange über der Stadt liegen, dann wird Holi gefeiert. Das ist ein altes indisches Fest – aber worum geht es da? Und wie kam es hierher?

          Die Kolumne „Wie erkläre ich's meinem Kind?“ gibt es auch zum Hören – und zum Abonnieren, als Podcast. Auch diese Folge.

          Laute Musik wummert, viele Menschen tanzen unter freiem Himmel. Dann kommt ein Kommando und sie bewerfen sich mit buntem Pulver. Wolken in allen Regenbogenfarben schweben durch die Luft und färben allen Haut und Haare. Was ist das für ein Spektakel?

          Roland Hardenberg muss es wissen. Er ist Professor für Völkerkunde an der Frankfurter Universität und kennt sich besonders gut mit Indien aus. Er erklärt: „Das Holi-Fest geht auf die Legende um Krishna zurück.“ Krishna ist einer der vielen Götter im Hinduismus, der Religion, an die in Indien viele glauben. In einer Geschichte über Krishna geht es um die Dämonin Holika. Nach ihr ist das Fest benannt.

          Holikas Vater will unsterblich sein und handelt mit den Göttern aus, dass er nicht bei Tag, nicht bei Nacht, nicht im Wasser, nicht auf dem Land oder in der Luft getötet werden kann. Er fühlt sich durch diese Eigenschaften so unbesiegbar, dass er nun auch selbst als Gott angebetet werden will. Sein Sohn weigert sich aber; er glaubt nur an Krishna. Holika soll ihren Bruder deshalb bestrafen. Sie besitzt einen feuerfesten Mantel, ihr Bruder aber nicht. Holika lockt ihn auf eine Feuerstelle und entfacht einen Brand, um ihren Bruder zu töten. In dem Moment kommt aber ein Windstoß, fegt den Mantel von Holika fort und bedeckt den Bruder damit. Holika verbrennt.

          Das Holi-Fest, das in Indien gefeiert wird, beginnt darum auch nicht mit Farbpulver und Musik, sondern mit einem großen Feuer. Es steht für den Sieg des Guten über das Böse, so, wie in der Geschichte um Holika. Der gute Bruder, der nur an den echten Gott glaubt, wird gerettet. Die hinterlistige Holika verbrennt.

          Erst am zweiten Tag des Festes wird es dann bunt. Um den Neuanfang nach dem Sieg über das Böse zu begrüßen, bewerfen die Feiernden sich mit gefärbtem Reismehl und tanzen wild. Der Neuanfang fällt auch auf den Neubeginn des Jahres, den Sieg des Frühlings über den Winter. In diesem Jahr feiern die Hindus nächste Woche Holi. Durch das Fest können die Menschen einmal aus der gewöhnlichen Ordnung ausbrechen, über die Stränge schlagen. Solche Veranstaltungen gibt es eigentlich überall auf der Welt: Bei uns ist der Karneval ein Beispiel dafür.

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          Professor Hardenberg sagt, dass es Menschen hilft, einmal im Jahr „Dampf abzulassen“. In Indien ist die Gesellschaft noch immer geteilt. Die Oberschicht hält sich von der Unterschicht fern. Jemand aus der Oberschicht würde zum Beispiel niemanden aus der Unterschicht heiraten, nicht einmal berühren. Während des Holi-Festes verschwinden diese strengen Grenzen: Alle dürfen miteinander tanzen, sich mit Farbe bewerfen und Spaß haben. „Konflikte werden kurz zugelassen und so bewältigt“, sagt Hardenberg. Er meint, dass es den Menschen leichter fällt, sich das ganze Jahr über in eine Ordnung zu fügen, wenn sie wissen, dass sie sich einmal im Jahr über alle Regeln hinwegsetzen dürfen.

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          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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          Und wie wird das Holi-Fest nun außerhalb von Indien gefeiert? An den Orten, wo viele Inder leben, wie etwa in London, haben diese Auswanderer das Fest mitgebracht. Aber die großen Festivals, die in Deutschland gefeiert werden, haben Deutsche auf die Beine gestellt. Sie finden in größeren Städten statt und es gehen zehntausende Besucher hin. „Anders als in Indien stehen in Deutschland mehr die Musik und das ungezwungene Feiern im Vordergrund“, sagt der Veranstalter Fritz Fischer. „Trotzdem genießen es die Teilnehmer sichtlich, auch mal aus der traditionellen Rolle ausbrechen zu können und gemeinsam mit anderen bunten Personen feiern zu können.“ Das passt zu dem, was Professor Hardenberg sagt: Durch das gemeinsame Feiern entsteht eine Gemeinschaft. Das fühlt sich schön an, die Menschen haben das Gefühl, dass sie zusammengehören. Wenigstens für ein paar Stunden – die Farben, die herumgeworfen werden, lassen sich nach der ausgelassenen Party übrigens leicht wieder abwaschen.

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