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Wie erkläre ich’s meinem Kind : Warum Gewalt ansteckend sein kann

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Die Fassungslosigkeit im Blick: Am Tag nach der Pogromnacht macht sich ein junger Mann in Frankfurt daran, die Schaufensterscherben zusammenzukehren. Bild: dpa

In Gruppen kann es manchmal passieren, dass selbst friedliche Menschen brutal werden. Das ist vor achtzig Jahren passiert, und kann auch heute passieren. Warum schreitet keiner ein?

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          Ganz gleich, ob man noch ein Kind ist oder schon erwachsen: Es gibt Dinge, die kann man eigentlich gar nicht fassen. Überall in Deutschland haben die Nationalsozialisten vor achtzig Jahren Juden angegriffen, ihre Geschäfte zerstört und ihre Gotteshäuser in Brand gesetzt. Die Verbrechen der Nazis an den Juden sind später noch sehr viel schlimmer geworden. Aber die Ereignisse rund um den 9. November 1938, die man heute meist Reichspogromnacht oder Novemberpogrome nennt, wertet die Geschichtsschreibung als Einschnitt: Schon vorher haben die Nazis die judenfeindliche Stimmung in Deutschland gezielt angeheizt. Jetzt gab es Verletzte, Tote, Zerstörung, für alle überall sichtbar: offene Gewalt.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wenn man sich das klarmachen will, an einem ganz normalen Tag, bleibt so ein Gewaltausbruch eigentlich unvorstellbar. Warum Menschen bei so etwas mitmachen. Und warum keiner etwas dagegen unternimmt. Es gibt viele Fotos aus dem November 1938, die zeigen, wie Leute in Scharen auf der Straße stehen und in Rauchwolken oder zersplitterte Schaufenster gucken, Männer mit Hüten und Frauen in Mänteln, wie man sie damals ganz gewöhnlich trug. Man weiß heute, dass Nazi-Banden diese Überfälle organisiert haben. Aber man weiß auch, dass sich unter die plündernden Horden ganz normale Jugendliche mischten.

          Von heute aus betrachtet, so wie man sich und das Leben kennt, denkt man vielleicht: Geht gar nicht. Hätte ich nie gemacht. Aber damit macht man es sich zu leicht. Entscheidend ist nämlich nicht, ob man grundsätzlich ein eher friedlicher, anständiger Mensch ist oder ein Wutbolzen und Krawallheimer. Da gibt es zwar Unterschiede, die etwas mit Persönlichkeit und Erfahrungen zu tun haben: Menschen, die als Kind von ihren Eltern verprügelt wurden, neigen als Erwachsene eher dazu, selbst gewalttätig zu werden. Bei Exzessen jedoch kommt oft etwas anderes ins Spiel: die Gruppe. Früher dachte man, eine Menschenmasse reiße den Einzelnen einfach mit. „Beim Mob haben wir die Rückentwicklung der Gesellschaft auf die Rinderherde“, hat ein berühmter Denker einmal gesagt. Heute weiß man, das Gegenteil ist der Fall. Menschen verlieren sich nicht in Gruppen, sondern sie gewinnen dort etwas für sich, weil sie sich in der Gruppe aufgehoben fühlen: Identität nennt man das. Es ist schön, Teil einer Gruppe zu sein, und noch besser fühlt es sich an, wenn die Gruppe stark ist, was sie sich am ehesten dadurch beweisen kann, dass sie stärker ist als andere.

          Aber die Gruppe verändert Menschen: Meistens gibt es so etwas wie Anführer, an denen die anderen sich orientieren. Und die unausgesprochenen Gruppenregeln – etwa: wer zuhaut, ist mutig und cool – werden wichtiger als die Grundsätze, nach denen die Mitglieder normalerweise handeln. Deshalb kann man sagen, Gewalt ist ansteckend. Und schlimmstenfalls wird ein Übergriff zum Rausch. Aggression kann nämlich Spaß machen. Von einem Hooligan, also einem Fußballfan, dem es weniger um Sport als um Randale geht, stammt der kluge Satz: „Gewalt ist wie ein Zaubertrank.“

          Im Kleinen kann man diese Mechanismen auf jedem Schulhof beobachten. Jeder Fall von Mobbing, jede Prügelei, die ausartet, funktioniert nach ähnlichen Prinzipien. Denn wer ist nicht gern Teil einer Clique oder Bande? Und was, wenn der Kopf der Truppe sich ein Opfer herauspickt, um es zu hänseln, zu ärgern, zu drangsalieren? Einige machen mit. Und die anderen sagen nichts, vielleicht aus Angst, selbst zur Zielscheibe zu werden. Forscher kennen den Zuschauereffekt: Je mehr Menschen anwesend sind, umso geringer wird die Wahrscheinlichkeit, dass jemand einschreitet. Denn dann denken alle, irgendwer wird sich schon kümmern. Und solange es keiner tut, wird es so schrecklich nicht sein. Dabei gilt: Hilfe holen wäre wichtig. Gewalt muss man früh stoppen, damit sie nicht immer schlimmer wird. Auch deshalb ist es wichtig, selbst nach achtzig Jahren noch über den November 1938 nachzudenken.

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