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Wie erklär ich’s meinem Kind? : Warum es Streik gibt

Einer von vielen Streiks: Am Montag gingen in Wiesbaden die Erzieher auf die Straße statt in die Kita. Bild: dpa

Erzieher, Briefträger, Lokführer: Gerade gehen Leute aus vielen Berufen lieber auf die Straße als zur Arbeit, und noch mehr Leute leiden darunter. Warum Streik trotzdem eine gute Sache ist.

          Manche Kinder fragen sich in diesen Tagen vielleicht, warum ihre Mutter gerade morgens so gestresst ist und sie jeden Tag mit einer anderen Kindergartenmutter im Park verbringen. Oder warum ihre Erzieherinnen auf der Straße mit Plakaten herumlaufen, anstatt mit ihnen in der Kita zu spielen. Oder warum Oma am vergangenen Wochenende nicht mit dem Zug zu Besuch kommen konnte. Der Grund heißt Streik. Das ist ein sperriges Wort. Es bedeutet, dass einige Leute sich weigern, zur Arbeit zu gehen, zum Beispiel die Lokführer oder die Erzieherinnen. Deswegen fahren keine Züge, und die Kitas bleiben zu. Sie machen das, weil sie von ihrer Firma oder vom Staat mehr Geld bekommen möchten oder weniger arbeiten wollen. Mehr haben und weniger tun, denken viele Kinder jetzt vielleicht, wer möchte das nicht? Keine Hausaufgaben machen und doppeltes Taschengeld. Aber oft gibt es gute Gründe, warum Menschen streiken.

          Anne-Christin Sievers

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Kinder müssten sich nur einmal vorstellen, sie bekämen von ihren Eltern 4 Euro Taschengeld in der Woche. Davon kaufen sie gern eine Süßigkeitentüte beim Kiosk um die Ecke, die kostet 2 Euro. Nun will der Kioskbesitzer aber auf einmal 3 Euro für die Süßigkeitentüte haben. Eine Gemeinheit, denn jetzt können sie nicht mehr jede Woche zwei Tüten kaufen. Wahrscheinlich werden sie in diesem Fall auch versuchen, mehr Taschengeld von ihren Eltern zu bekommen – schließlich kriegen sie für ihr Geld jetzt weniger Süßigkeiten.

          Eine alte Erfindung

          So ähnlich ist es auch bei Leuten, die streiken. Sie müssen für viele Sachen immer mehr Geld bezahlen, für den Bus, für die Wohnung, für das Essen - für ihre Arbeit bekommen sie aber weiter den gleichen Lohn. Oder, so ist es bei den Erzieherinnen, sie müssen für ihren Beruf viel mehr wissen und haben mehr Aufgaben als früher: Sie spielen nicht nur mit den Kindern, sie bringen ihnen nebenbei englisch bei, sie helfen Kindern, die eine andere Muttersprache haben, besser deutsch zu sprechen, und sie sorgen dafür, dass auch behinderte Kinder mitspielen können. Obwohl sie viel mehr zu tun haben, bekommen sie aber trotzdem nicht mehr Geld dafür. Das ist doch schon ungerecht – zumal es eine sehr wichtige Aufgabe ist, sich gut um Kinder zu kümmern.

          Der Streik ist übrigens keine neue Erfindung: Schon im alten Ägypten, zur Zeit der Pyramiden und Pharaonen, hörten die Arbeiter in der Stadt Theben eines Tages auf, ihrem Tagwerk nachzugehen. Sie sollten eigentlich Gräber für die Könige bauen, bekamen aber tagelang nichts zu essen – deshalb traten sie in einen Streik. Früher mussten die Menschen unter viel schlechteren Bedingungen arbeiten als heute. In der Zeit der Industriellen Revolution zum Beispiel, das ist schon mehr als 150 Jahre her, da dauerte der Arbeitstag in der Fabrik manchmal 13 Stunden, es gab kaum Pausen, in den Hallen war es staubig, die Maschinen waren laut und die Arbeit anstrengend, viele wurden krank und starben früh.

          Nur, wenn es stört

          Weil die Arbeiter ein besseres Leben wollten, schlossen sie sich damals in Gruppen zusammen, um für ihre Rechte zu kämpfen. Diese Gruppen nannte man Gewerkschaften. Auch heute gibt es für viele Berufe verschiedene Gewerkschaften, es gibt welche für Lokführer und für Piloten, für Ärzte und für Polizisten. Wenn Menschen in diesen Gewerkschaften Mitglied sind, haben sie ein Recht zu streiken. Und sie bekommen in den Tagen, in denen sie nicht zur Arbeit gehen, das Geld von der Gewerkschaft anstatt von der Firma, damit sie weiter Essen kaufen und die Miete zahlen können. Dass wir heute unter viel besseren Bedingungen arbeiten und leben können, haben wir also auch denen zu verdanken, die sich in der Geschichte für die Arbeitsrechte eingesetzt haben. In anderen Ländern streiken die Menschen übrigens noch viel öfter als in Deutschland, in Frankreich zum Beispiel oder in Spanien.

          Streiken funktioniert aber nur, wenn es auch viele Leute stört, dass man seine Arbeit nicht macht. Wenn Lokführer streiken, können Tausende Menschen nicht mit dem Zug fahren. Wenn Piloten streiken, fällt der Flug in den Urlaub flach. Wenn die Post streikt, kommen in ganz Deutschland Briefe nicht an. Und wenn die Kindergärtnerin streikt, dann haben viele Eltern Stress.

          Kein Recht darauf

          Ungerecht ist nur, dass es viele Menschen gibt, die nicht streiken können, weil es niemanden betrifft – und das, obwohl es ihnen sehr schlecht geht, viel schlechter noch als all denen in den Gewerkschaften: Menschen, die auf der Straße leben müssen, Flüchtlinge, Arbeitslose oder Mütter, die arm sind, weil sie ihre Kinder allein erziehen müssen und deshalb keine Arbeit finden.

          Streiken kann aber auch ganz allgemein heißen, dass man sich weigert, etwas zu tun, was von einem erwartet wird. Kinder streiken, wenn sie ihr Zimmer nicht aufräumen oder ihre Hausaufgaben nicht machen. Anders als die Leute in den Gewerkschaften haben sie aber kein Recht darauf, weiter Taschengeld zu bekommen – deshalb sollten sie sich das gut überlegen.

          Ein Streik ist für alle, die darunter leiden müssen, eine wirklich nervige Sache. Aber trotzdem ist es gut, dass Menschen streiken dürfen. Denn dürften sie es nicht, müssten sie sich alles gefallen lassen.

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