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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum es ein Erntedankfest gibt

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Wie aus einer anderen Zeit: In einem Freilichtmuseum in der Altmark binden Männer in historischer Feldarbeiterkleidung Roggen zu Garben. Bild: dpa

Es ist ein Fest mit großer Strahlkraft – und wirkt zugleich, wenn fast alle Lebensmittel aus dem Supermarkt kommen, wie aus der Zeit gefallen. Wer Kindern heute das Erntedankfest erklären möchte, muss bei beidem ansetzen: mit Ernte und mit Dankbarkeit.

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          In vielen Teilen der Welt werden Erntefeste gefeiert, im christlichen Europa als Erntedankfest, seit über anderthalb Jahrtausenden. Es hat für Kinder eine große Anziehungskraft und ist ihrer Lebenswirklichkeit doch fremd geworden. Ährenkränze wirken wie ein Symbol von einem anderen Stern. Ihnen heute noch vom Bauern zu erzählen, der das Obst pflückt, das Getreide mahlt und die Kuh melkt, grenzt an Lüge. Aber können Fotobücher vom Hightech-Bauernhof erklären, dass es doch Grund gibt, dankbar zu sein?

          Es ist nicht selbstverständlich, genug zu Essen und zu Trinken zu haben. Kinder in Mitteleuropa verstehen das, aber unbedingt nachvollziehbar ist es für sie deshalb noch nicht. Geschichten, die ihnen das Thema näherbringen, handeln entweder von früher oder spielen zumindest woanders.

          Auch wenn es jedem Kind so scheint: Das Essen ist eben nicht selbstverständlich. Dafür Dankbarkeit zu empfinden, ist ein alter Brauch. Sinnvoll ist er gerade heute, weil so viel Existenzielles vergessen wurde. Der Blick in den Schrebergarten macht es klar: Was ist in diesem Jahr gewachsen und was nicht, was haben die Schnecken gefressen, was hat die Sonne verbrannt? Doch auch wenn alles, was gesät und gepflanzt wurde, auch reif geworden wäre: Die Ernte wäre in jedem Fall für die Familie zu wenig gewesen, und man kann froh sein, dass es mehr und größere Gärten gibt.

          Aber wem sollen wir für die Lebensmittel unseres Alltags danken – globalen Lebensmittelkonzernen wie Coca Cola oder Nestlé? Dem Landwirt, den wir noch nie gesehen haben? Wer an Gott glaubt, richtet seinen Dank an ihn. Doch auch wer an keinen Gott glaubt, kann sich kann sich in Erinnerung rufen, wie abhängig wir davon sind: Das ist der Anfang für Dankbarkeit, auch wenn wir wissen, dass sie nicht so sehr am Regen hängt, sondern an Erdöl und einem intakten Ökosystem.

          Aber Dankbarkeit bedeutet eigentlich noch mehr: ein seltenes und tiefes Glück, das nicht käuflich ist und aus dem Empfinden herkommt, dass jemand meine Hoffnung und einen Mangel mit einem Geschenk beantwortet, ohne dass er das tun müsste – und zwar aus Liebe heraus. Es ist nicht ganz leicht, das einem Kind zu erklären. Aber man kann es ihm schenken.

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