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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum Eltern die Sommerferien verplanen

Faulenzen: dazu sind die Sommerferien da. Bild: Picture-Alliance

Im eigenen Urlaub wollen sie ausspannen, den Rest der Sommerferien ihrer Kinder verplanen sie. Geht’s noch? Über eine Hilflosigkeit von Eltern, die man sich am besten mal genauer anschaut.

          Die Kolumne „Wie erkläre ich's meinem Kind?“ gibt es auch zum Hören – und zum Abonnieren, als Podcast. Auch diese Folge.

          Klar, es gibt auch Eltern, die im Urlaub keinen Tag darauf verzichten können, irgendeine Burg zu besichtigen, einen Berg zu erklimmen oder eine Bootstour zu machen. Aber viele fahren doch weg, um sich dem süßen Nichtstun hinzugeben. Umso seltsamer ist es eigentlich, dass sie für die Zeit der Sommerferien, die sie nicht zusammen mit ihren schulpflichtigen Kindern freihaben, so versessen aufs Verplanen sind: ob Zeltlager oder Woche bei den Großeltern, ob Ferienspiele oder Sportprogramm – Hauptsache, es ist was los. Hauptsache, es bleibt den Kindern zu Hause kaum Zeit zum Chillen.

          Was im Urlaub als süßes Nichtstun genossen wird, beschreiben solche Eltern dann schnell mit deutlich kritischeren Worten: Sie wollten einfach vermeiden, dass ihre Kinder zu Hause rumgammeln oder verschimmeln, hört man dann von ihnen, als ob man bei Kindern wie bei Obst aufpassen müsste, dass sie keine faulen Stellen bekommen. „Faul“ ist noch so ein Wort, das zeigt, wie das gesehen wird.

          Dabei betonen viele Pädagogen, wie wichtig das Ausspannen, der Leerlauf, ja sogar die Langeweile zur Erholung sind. Und zur Kreativität. Dabei können oft genau dieselben Eltern, die heute so ihre Bedenken haben, selbst tolle Geschichten davon erzählen, auf welche wunderbaren Sommerferienideen sie in ihrer eigenen Kindheit gekommen sind, aus purer Langeweile. Oder wie großartig es war, einfach Tag für Tag mit den anderen ins Freibad zu gehen. Auch wenn es eigentlich immer dasselbe war. Das passt doch nicht zusammen!

          Das passt wirklich nicht zusammen, und das liegt an einer Hilflosigkeit der Eltern, die man sich am besten mal genauer anschaut: In ihrer eigenen Kindheit war es die Ausnahme, wenn beide Eltern gearbeitet haben. Oft war ein Elternteil, meistens die Mutter, zu Hause, also da, wenn mal dringend ein Pflaster auf ein Kinderknie musste oder ein Happen in den Bauch. Das ist heute die Ausnahme. Gleichzeitig hat man den Kindern vor dreißig, vierzig Jahren noch eine größere Selbständigkeit zugetraut. Auch Grundschulkinder sind oft einfach nach draußen gegangen, um zu gucken, welche anderen Kinder noch so in der Straße oder auf dem Spielplatz sind, mit denen man spielen könnte – ohne Verabredung, ohne Handy, ohne dass die Eltern genau wussten, wo die Kinder sind. Das ist heute noch so eine große Ausnahme.

          Dafür haben Eltern heutzutage stärker als ihre eigenen Eltern früher das Gefühl, sich nicht ausreichend um die eigenen Kinder zu kümmern. Und dann noch das Gefühl, dass es nicht gut ist, wenn sich die Kinder allein überlassen sind. Und die Sorge, dass sie, zumal, wenn sie ein eigenes Smartphone haben oder an einen Computer kommen, ihre Zeit damit verbringen könnten, sich einfach nur abzulenken, statt sich zumindest so zu langweilen, dass sie irgendwann davon die Nase voll haben. Und da ist schon was dran, das weiß ja jedes Kind: Man kann mit solchen Dingern prima Zeit vertun und merkt es gar nicht. Sie können uns sogar davon abhalten, dass wir uns langweilen und so auf neue Ideen kommen.

          Und noch etwas: Eltern machen sich heute größere Gedanken über die Zukunft ihrer Kinder. Meistens Sorgen. Allerdings nicht nur die, für die viele Schüler an vielen Freitagen selbst demonstrieren, um den Klimawandel, sondern um die berufliche Zukunft ihrer Kinder, sogar wenn die noch in der Grundschule sind. Die naheliegende Folge: Sie fragen sich, was sie jetzt schon dafür tun können, damit aus ihren Kindern mal was wird, und sie springen begeistert an auf die Nachhilfe- und Lernangebote, von denen es in den Sommerferien ja eine Menge gibt. Obwohl viele Pädagogen und auch Lehrer darauf hinweisen, wie wichtig es ist, dass Kinder auch mal eine Pause vom Unterricht brauchen. Überhaupt gibt es natürlich deshalb so viel mehr Beschäftigungsangebote für Schulkinder in den Sommerferien, weil die den Eltern von heute so viel wichtiger sind.

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          Was macht man jetzt damit? Wenn man große Lust auf solche Angebote hat, ist das natürlich prima. Dann muss man nur noch auf die richtige Auswahl achten und darauf, rechtzeitig zu fragen, ob vielleicht Freunde mit den gleichen Interessen auch mitmachen wollen. Zugegeben, das klingt einfacher, als es ist – zum Beispiel, wenn für die Eltern der Sprachkurs Pflichtprogramm ist, obwohl man lieber ins Zirkuscamp gehen würde. Noch komplizierter wird es, wenn die Vorstellungen weiter auseinanderklaffen: Das Kind will chillen, die Eltern wollen Nachhilfe.

          Da helfen nur Kompromisse: eine Woche so, die andere anders, diesmal nach der Vorstellung der Eltern, im nächsten Jahr nach der ihrer Kinder. Es hilft, sich für ein solches Gespräch Zeit zu nehmen und einander geduldig zuzuhören, sonst gibt es schnell Streit. Und es hilft, einander nach den Gründen für die Vorstellungen zu fragen und danach, wie es sein müsste, damit sich diese Vorstellungen ändern können: Wie müsste es denn sein, könnten Kinder ihre Eltern fragen, damit ihr mir zutraut, auch tagsüber allein zu Hause zu sein? Wie, damit ich mir ein Angebot aussuchen kann? Oder umgekehrt, aus Sicht der Eltern gefragt: Mit welchem Rahmen eines solchen einwöchigen Programms würdest du am besten zurechtkommen – nachmittags immer wieder nach Hause kommen oder in einer Jugendherberge, anspruchsvoll oder spielerisch? Und wie können wir am besten anerkennen und ausgleichen, dass dir ein solches Programm einiges abverlangt? Vielleicht ja mit gemeinsamem süßen Nichtstun nach Kinderart, spätestens im Familienurlaub.

          Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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