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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum Anteilnahme so wichtig ist

  • -Aktualisiert am

Jede Stimme hilft gegen die Trauer: Die weltweite Anteilnahme nach dem Terroranschlag von Manchester ist gewaltig. Das hat ein paar gute Gründe. Bild: AFP

Nach Terroranschlägen oder Unglücken zeigen viele Menschen auf Instagram, Twitter und Facebook Flagge. Das kann schon mal nerven, hat aber wichtige Gründe.

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          Eigentlich wollen die Mädchen und Jungen in der englischen Stadt Manchester nur ein wenig Spaß haben. Deshalb kauften sie Karten für ein Konzert der Pop-Sängerin Ariana Grande. Als sie nach dem Auftritt der Musikerin die Arena verlassen, gibt es einen lauten Knall. Eine Bombe, die mit Nägeln gespickt ist, verletzt am Montagabend viele der Konzertbesucher. 22 Menschen sterben durch die Explosion und herumfliegende Geschosse. Noch während die britische Polizei den für das Attentat verantwortlichen Mann ermittelt, sprechen zahlreiche Regierungschefs ihr Bedauern aus, darunter auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Meine tiefe Anteilnahme gilt allen Opfern und Betroffenen sowie den Angehörigen in ihrer Trauer und Verzweiflung“, sagt die Politikerin. Der amerikanische Präsident Donald Trump spricht ebenfalls von „tiefster Anteilnahme“. Aber auch ganz normale Bürger drücken ihr Mitleid mit den Opfern und ihren Familien im Internet aus. Unter den Hashtags „PrayForManchester“ („Bete für Manchester“) und „WeStandTogether“ („Wir stehen zusammen“) finden sich Kommentare wie dieser: „Einfach nur traurig. Warum muss man unschuldige Leute mit reinziehen. Mein Beileid an die Betroffenen.“ Eine Frau schreibt „Ich weine mit Euch.“

          Bild: Johannes Thielen

          Aber warum ist es eigentlich so wichtig, dass fremde Menschen so etwas sagen? Weil diese Sätze ein Gefühl des Miteinanders schaffen oder stärken. Schon der Gedanke, dass dasselbe Ereignis auch woanders hätte eintreten und Menschen aus dem eigenen Umfeld treffen können, ruft zur Solidaritätsbekundung auf. Und Menschen, die lesen, dass überall auf der Welt andere ihr Schicksal bemerken und an sie denken, fühlen sich nicht mehr so alleine und hilflos in ihrer Trauer. Ähnlich ist es, wenn der Hund eines Kindes stirbt. Dann geht es dem Jungen oder Mädchen oft sehr schlecht. Wenn dann aber ein Klassenkamerad einfach bei ihm ist und ihm sagt, dass er aufrichtig mit ihm fühlt, geht es dem Kind schon bald wieder viel besser. Dies beruht auf einem einfachen Gruppenreflex, der aus der Entwicklung des Menschen stammt. Denn seit Jahrtausenden leben Menschen, ebenso wie ihre nahen Verwandten in der Tierwelt, die Affen, in „eusozialen“ Gruppen. Das heißt, sie finden sich in kleineren oder größeren Gemeinschaften zusammen und helfen sich gegenseitig. Manchmal verzichten die Einzelnen dann auf ein Abwägen ihrer Vor- und Nachteile und unterstützen schwächere Gruppenmitglieder, ohne selbst eine Gegenleistung zu erwarten. In vielen Religionen gilt dieses Handeln als wichtiger Grundsatz.

          Erhalt und Abgrenzung

          Im Christentum beispielsweise kennt man es unter dem Namen „Nächstenliebe“. Dazu gehören auch die Mitleidsbekundungen bei Terroranschlägen, Naturkatastrophen und Unfällen. Auch die Anteilnahme in Trauerfällen, selbst wenn sie nur mit wenigen Worten zum Ausdruck gebracht wird, stärkt so nachhaltig das gesellschaftliche Miteinander. Denn Menschen, erklärt beispielsweise der Sozialbiologe Edward O. Wilson, fühlen sich fast automatisch einer Gruppe zugehörig, der sie durch verschiedene Umstände zugeordnet wurden. Verwandtschaftliche Verhältnisse seien dabei gar nicht so wichtig. Gleiche Interessen, wie der Erhalt des eigenen Umfelds als Schutz vor Angreifern oder einfach die bewusste Abgrenzung zu anderen Gruppen wie der Terrormiliz „IS“, sichern nachhaltig – wie in Urzeiten so auch heute noch – das Überleben der Einzelnen. Das bedeutet, Menschen rücken bei Gefahren stets näher zusammen, um sich selbst und die Gemeinschaft zu erhalten, die ihnen wichtig ist. Symbole verstärken dabei zusätzlich diese gemeinsame Erfahrung.

          Seit ein paar Jahren erstrahlen deshalb die Wahrzeichen mancher Länder, wie das Brandenburger Tor in Deutschland und der Eiffelturm in Paris, oft in den Farben des Landes, in dem sich zuvor ein Anschlag oder Unglück ereignete. Allerdings braucht  es für ein öffentliches Zeichen des Mitleids und der Trauer nicht immer eine körperliche Nähe zu den Mitmenschen. Auch im Internet lassen sich virtuelle Gruppen über mehrere Städte, Länder und Kontinente hinweg bilden. So sorgt beispielsweise ein Internet-Beitrag dafür, dass auch andere Nutzer in sozialen Medien wie Facebook, Instagram oder Twitter sich einer Gruppe zugehörig fühlen und so über Freunde und Bekannte ihre Interessen weiter verbreiten. Beispielsweise galt das Bild einer französischen Flagge mit der Aufschrift „Je suis Charlie Hebdo“ („Ich bin Charlie Hebdo“) nach dem blutigen Attentat in den Redaktionsräumen der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ im Januar 2015 als „Gruppen-Erkennungszeichen“ und gleichzeitig als Solidaritätsbekundung mit den Opfern und Angehörigen der Tat. Auch nach dem Terrorangriff auf einen Berliner Weihnachtsmarkt im Dezember 2016 verbreitete sich in hoher Geschwindigkeit ein Spruch in den sozialen Medien: „Ich bin ein Berliner“.

          Dieser Satz des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy sorgte im Juni 1963 schon einmal für Aufsehen, indem er den demokratischen Geist im besetzten West-Berlin beschwor. Kennedy wollte damit ausdrücken, dass er als Amerikaner im Gedanken bei den West-Deutschen war und gleichzeitig seine Interessen als Oberhaupt der amerikanischen Besatzungsmacht gegen die zweite Großmacht auf deutschem Boden verteidigen werde – die damalige Sowjetunion. Die West-Berliner waren jedenfalls begeistert von der Rede. Doch nicht jede Beileidsbekundung eines Regierungschefs trifft den Nerv der Menschen. Weil die mitfühlenden Worte von Spitzenpolitikern wie Angela Merkel sich oft ähneln, können sie routiniert und wenig authentisch wirken. Man hat dann schnell das Gefühl, dass sie sich dazu verpflichtet fühlen, ihre Worte aber nicht von Herzen kommen. Das liegt aber auch daran, dass von Politikern in jeder Situation ein kühler Kopf erwartet wird. Und ein kühler Kopf tut sich schwer, warme Worte zu äußern.

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