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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum alte Geschichten gerade so beliebt sind

Der Zauberer Merlin stammt eigentlich aus den Geschichten um König Artus und ist über tausend Jahre alt. Bild: Picture-Alliance

Percy Jackson, „Das Magische Baumhaus“ und Co.: Kinder- und Jugendbücher, in denen jahrhundertealte Figuren vorkommen, sind gerade sehr beliebt. Woher kommt das?

          Die Kolumne „Wie erkläre ich's meinem Kind?“ gibt es auch zum Hören – und zum Abonnieren, als Podcast. Auch diese Folge.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Es geht um Jugendliche, klar: Percy Jackson und seine Freunde sind Teenager oder junge Erwachsene, genauso wie die meisten Figuren in Büchern für Kinder oder Jugendliche, weil die meisten gern Bücher lesen über andere, die etwa gleich alt sind wie sie selbst. Nur dass in den Percy-Jackson-Romanen von Rick Riordan auch wichtige Figuren vorkommen, die viel älter sind als Percy oder seine Freundin Annabeth: Es sind die alten griechischen und römischen Götter oder Halbgötter, die mit den heutigen Jugendlichen kämpfen oder ihnen schaden wollen. Von ihnen erzählt man seit der Antike, also seit ungefähr 2500 Jahren. Und es scheint so, als seien sie gerade wieder sehr beliebt. Denn die Bücher, die von ihnen erzählen, werden auf der ganzen Welt hunderttausendfach gekauft.

          „Percy Jackson“ ist nicht die einzige Buchreihe von Rick Riordan, in der es um Götter geht – in anderen erzählt er von den germanischen und den ägyptischen Göttern. Und Riordan ist auch nicht der einzige Autor, der sich dieses Thema ausgesucht hat. Es gibt zahlreiche Bücher für Kinder und Jugendliche, in denen jahrhundertealte Stoffe neu erzählt werden oder eine wichtige Rolle in einer Geschichte aus unserer Zeit spielen. Ganz offen geschieht das etwa in den sehr vielen Bänden aus der Reihe „Das magische Baumhaus“, in dem es zwei heutige Kinder mit dem Zauberer Merlin und der Fee Morgana zu tun bekommen – beide stammen aus den Geschichten um König Artus und sind also über tausend Jahre alt. Die beiden Kinder reisen durch die Zeit und erfahren, wie man früher lebte, sie treffen legendäre Künstler und Erfinder wie Leonardo da Vinci, der vor fünfhundert Jahren in Florenz arbeitete. Und sie reisen ins antike Olympia, ins Japan der Samurai-Zeit oder zu den ersten weißen Siedlern Nordamerikas.

          In den Harry-Potter-Büchern dagegen ist es viel weniger offensichtlich, dass Joanne K. Rowling ständig alte Geschichten und Mythen für ihre Romane verwendet. So sind viele der magischen Tiere, allen voran Dumbledores Phönix oder der Basilisk, der in der Kammer des Schreckens lauert, seit dem Mittelalter beschrieben worden. Und wer Latein kann, versteht auch die Zaubersprüche, die Harry lernen muss: Ruft er „Lumos!“, dann wird es hell – das Wort „Lumen“ bedeutet „Licht“. Will man es wieder dunkel haben, ruft man „Nox“ („Nacht“). Wer weder die alten Geschichten um die Fabelwesen kennt noch Latein spricht, kann die Romane trotzdem spannend finden. Alle anderen werden sich über die Anspielungen freuen, gerade weil sie nicht so offensichtlich sind: Man kann etwas entdecken und hat das Gefühl, die Bücher noch ein wenig besser zu verstehen.

          Ist das der Grund, warum gerade so viele Bücher alte Geschichten enthalten, sie verwandeln oder fortschreiben? Wenn ja, ist es sicher nicht der einzige. Ein anderer ist, dass diese Geschichten ja nicht erst in unserer Zeit immer wieder neu erzählt werden, sondern schon in der Antike, auch wenn manche eine Zeitlang vergessen waren und dann wiederentdeckt wurden. Warum? Weil es für Schriftsteller reizvoll ist, sich mit bekannten Stoffen in ihrer eigenen Zeit zu beschäftigen, also etwa über König Artus so zu schreiben, dass er für die Nachbarn, Freunde und Leser des Autors interessant wird, und seinen Artus damit in eine Reihe mit vielen anderen zu stellen. Weitererzählt wird aber vor allem, was viele Menschen interessiert – die besten Geschichten also. Die weniger guten Geschichten und Gestalten geraten dagegen in Vergessenheit.

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          Es gibt aber noch einen Grund. Er hat damit zu tun, wie Bücher zu den Lesern kommen. Denn die allermeisten Bücher für Kinder und ein großer Teil derer für Jugendliche werden nicht von ihnen selbst, sondern von Erwachsenen gekauft. Und die greifen oft zu Texten, von denen sie hoffen, dass sie nicht nur spannend sind, sondern bei denen ihre Kinder außerdem noch etwas lernen. Und sei es nur, dass ein Phönix am Ende seines Lebens in einer Flamme neu geboren wird.

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          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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