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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Wann man arm ist

  • -Aktualisiert am

Obdachlose sind nicht die einzige soziale Gruppe, die in Deutschland mit Armut zu kämpfen hat. Bild: dpa

Der neue Gesundheitsminister Jens Spahn hat eine Debatte über soziale Ungleichheit losgetreten. Doch was ist Armut eigentlich – und was heißt es, in Deutschland arm zu sein?

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          „Niemand müsste in Deutschland hungern, wenn es die Tafeln nicht gäbe“, hat der neue deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn vor ein paar Tagen gesagt. Die Tafeln sind soziale Einrichtungen, die Bedürftige mit Nahrungsmitteln versorgen. Sind sie wirklich überflüssig? Mit seinen Worten hat er in der Öffentlichkeit großes Aufsehen erregt und dafür gesorgt, dass jetzt in Deutschland viel über Armut und Reichtum diskutiert wird.

          Die Tafeln, von denen Jens Spahn gesprochen hat, sind Einrichtungen, die abgelaufene Lebensmittel aus Supermärkten sammeln und an bedürftige Menschen verteilen. Denn viele Nahrungsmittel werden nach Ablauf ihres Haltbarkeitsdatum in den Geschäften aussortiert, weil sie dann nicht mehr verkauft werden dürfen. Aber essen kann man sie noch. An den Tafeln, von denen es 930 in ganz Deutschland gibt, werden diese Lebensmittel an Menschen weitergegeben, die nur wenig Geld zur Verfügung haben, um sich selbst zu versorgen.

          Eigentlich darf jeder Mensch zur Tafel gehen, der nachweisen kann, dass er hilfsbedürftig ist. Vor allem Obdachlose, Arbeitslose, Rentner, Migranten und Menschen, die sehr wenig verdienen, nehmen die Hilfe in Anspruch. In der Stadt Essen hat die Tafel aber im Januar entschieden, dass nur noch Menschen neu aufgenommen werden sollen, die einen deutschen Pass besitzen. Die Entscheidung wurde getroffen, weil sehr viele Ausländer zur Essener Tafel gegangen sind und dadurch nicht mehr alle Menschen ausreichend versorgt werden konnten. Außerdem hieß es, die Ausländer würden drängeln. Viele Leute sehen aber ein noch größeres Problem darin, dass überhaupt so viele Menschen in Deutschland offenbar so arm sind, dass sie die Leistungen der Tafel in Anspruch nehmen müssen.

          Bild: Johannes Thielen

          Deshalb stellt sich die Frage, was Armut überhaupt ist und wann ein Mensch offiziell als arm gilt. Man unterscheidet verschiedene Arten von Armut: absolute Armut, relative Armut und gefühlte Armut. Als absolute Armut versteht man einen Zustand, in dem eine Person nicht in der Lage ist, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen. Das heißt, wenn jemand nicht dafür sorgen kann, dass er genügend Essen und Trinken, einen sicheren Schlafplatz und wärmende Kleidung hat, gilt er als arm. Die „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)“ erklärt, dass es schwierig sei, absolute Armut zu messen. Die Weltbank erklärt einen Menschen für absolut arm, wenn er von weniger als 1,90 Dollar am Tag leben muss – das sind etwa 1,50 Euro. Im Jahr 2013 traf das auf 767 Millionen Menschen auf der ganzen Welt zu.

          Besser messen lässt sich nach der OECD die relative Armut, also eine Armut, die von bestimmten Faktoren abhängig ist. Die sogenannte Armutsgefährdungsquote wird aus dem durchschnittlichen Einkommen aller arbeitenden Menschen in Deutschland errechnet. Die Menschen, die weniger als sechzig Prozent dieses durchschnittlichen Einkommens besitzen, gelten als armutsgefährdet. Das heißt, sie sind zwar absolut gesehen nicht arm, leben aber an der Grenze zur Armut. Obwohl die Arbeitslosigkeit in Deutschland in diesem Jahr auf dem niedrigsten Stand der letzten dreißig Jahre ist, steigt gleichzeitig die Armutsgefährdungsquote, die derzeit bei 15,7 Prozent liegt. Damit sind ungefähr zwölf Millionen von insgesamt 82 Millionen Menschen in Deutschland von Armut bedroht. Darunter befinden sich auch ungefähr zwei Millionen Kinder.

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