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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Wann die Menschen zu lesen begannen

Sie haben geschrieben, sie haben gelesen: männliche Figur aus Uruk, einer fünftausend Jahre alten Stadt. Bild: Picture-Alliance

Das Fährtenlesen ist für Lesehistoriker unbedeutend, ganz anders der Verwaltungskram der alten Ägypter. Was wäre, wenn es sich auch bei rätselhaften Funden auf der Osterinsel um Schrift handelte?

          Jetzt gibt es die Kolumne „Wie erkläre ich's meinem Kind?“ auch zum Hören – und zum Abonnieren, als Podcast. Auch diese Folge.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auf den ältesten erhaltenen Schriftstücken gibt es keine Geschichten zu lesen. Es sind auch keine Briefe oder historische Berichte. Vielmehr handeln sie von etwas, was sich erstmal ziemlich langweilig anhört: In einem Fall sind es Listen von Waren oder Vieh,  geschrieben auf sumerisch und in einer Schrift, die man „Proto-Keilschrift“ nennt. In dem anderen Fall sind es Etikette, die einst an Kisten oder Behältern hingen. Darauf zu lesen sind frühe ägyptische Hieroglyphen mit Angaben zu Menge und Herkunft von Waren wie Wein oder Stoffen. Die Listen wurden in den Ruinen der Stadt Uruk gefunden, im Süden des Landes, das heute Irak heißt. Und die Etikette stammen aus einem Herrschergrab in Abydos in Oberägypten. Beides, die sumerischen Listen und die ägyptischen Etikette, stammt aus der Zeit um 3200 vor Christus.

          Nun kann man sich fragen, ob man die Entzifferung solcher Sachen schon „lesen“ nennen soll. Aber man kann auch ganz anders fragen: Warum soll erst das Lesen irgendwelcher Schriftzeichen als Lesen gelten? Man spricht ja auch von Fährtenlesen, wenn Jäger aus den Spuren in Sand oder Schnee darauf schließen, welches Tier hier vorbeikam – und das dürften die Menschen bereits in der frühesten Altsteinzeit gekonnt haben. Auch das Deuten von Höhlenmalereien – die frühesten sind 37.000 Jahre alt – könnte man als eine Art Lesen sehen.

          Doch wenn man „Lesen“ so weit fasst, kommt man bald in Probleme. So unterscheidet sich das Fährtenlesen mit dem menschlichen Auge letztlich nicht grundsätzlich vom dem, was Tiere machen, wenn sie Witterung aufnehmen. Und Höhlenmalereien könnten ja, zumindest zum Teil, tatsächlich bloß Bilder gewesen sein, die allgemein ein Tier oder eine Jagdszene darstellen, ohne dem Betrachter im eigentlichen Sinne etwas mitteilen zu wollen – niemand kann das wissen.

          Bei den Schriftzeichen aus Uruk und Abydos aber wissen die Forscher heute mit einiger Sicherheit, was die Menschen sagen wollten, die sie in Tontafeln oder Elfenbeinplättchen geritzt oder auf Keramikkrüge aufgemalt haben. Sie wissen es, weil sie die Zeichen als Wörter der sumerischen beziehungsweise altägyptischen Sprache deuten können. Denn das ist Lesen eigentlich: Lesen von Geschriebenem - und Schreiben ist eine Technik zur Aufzeichnung gesprochener Sprache. Ohne Sprache keine Schrift und kein Lesen. Daher kann man umgekehrt von Schriftzeichen, die man nicht lesen kann, weil sie eine unbekannte Sprache wiedergeben, eigentlich gar nicht mit Sicherheit sagen, dass es tatsächlich Schriftzeichen sind.

          Lange glaubte man, das Schreiben (und damit auch das Lesen) hätten die Sumerer erfunden. Die Ägypter hätten die Idee dann abgekupfert, genauso wie viel später die Chinesen. Doch dann wurde spätestens in den achtziger Jahren klar, dass auch die Maya in Mittelamerika ein vollständig entwickeltes Schriftsystem kannten – und zwischen den Menschen in Amerika und denen in der übrigen Welt hatte es seit dem Ende der Eiszeit vor mehr als 12.000 Jahren keinen nachweisbaren Kontakte gegeben. Schließlich wurden in den neunziger Jahren in Abydos jene Etikette gefunden, die vielleicht sogar etwas älter als die Tafeln aus Uruk sind. Daher geht man heute davon aus, dass das Schreiben und Lesen in der Geschichte mindestens viermal unabhängig voneinander erfunden wurde: 3200 vor Christus von den Sumerern und zur gleichen Zeit von den Ägyptern, um 1200 v. Chr. von den Chinesen und dann noch einmal etwa 500 v. Chr. von den Maya.

          Das Schreiben und Lesen kann natürlich auch noch öfter erfunden worden sein, ohne dass dies bisher nachgewiesen werden konnte. Kandidaten dafür sind die Schriftzeichen der Harappa-Kultur, die um 2500 vor Christus im heutigen Pakistan blühte, oder die rätselhafte Schrift von der Osterinsel. Die Entzifferung letzterer – und damit der Nachweis, dass es sich wirklich um eine richtige Schrift handelt – wäre ein Sensation, denn es wäre dann der einzige Fall, in der sich das Schreiben abseits eines großen Staatswesens entwickelt hätte. Bislang sieht es nämlich so aus, als sei Lesen und Schreiben zunächst eine Folge davon gewesen, dass Menschen nicht mehr nur in kleinen Dorfgemeinschaften lebten, sondern sich in Städten zusammenfanden, rings um Tempel und Herrscherpaläste. Zur Ernährung so vieler Menschen wurden komplizierte Bewässerungsanlagen angelegt, und es galt die Arbeiterschaft an Großbaustellen zu versorgen und Steuern zu erheben – kein Wunder also, dass es in den frühesten Schriftstücken aus Sumer und Ägypten nur um langweiligen Verwaltungskram geht. Für die Forscher ist er allerdings alles andere als langweilig, da sie dadurch viel mehr über den Alltag der Menschen dieser Zeit erfahren, als wenn diese nur die Taten ihrer Könige oder Geschichten über ihre Götter aufgeschrieben hätten – was sie später natürlich auch taten.

          Allerdings, für die Chinesen und die Maya hatten die ersten Texte eher mit Religion zu tun, im Fall der Chinesen etwa mit Orakeln. Und es ist auch nicht so, dass eine Kultur das Schreiben und Lesen bräuchte, um als Hochkultur zu gelten. Die Inka im heutigen Peru etwa herrschten im 15. Jahrhundert über ein riesiges Reich mit einer komplexen, hervorragend organisierten Landwirtschaft. Aber statt einer Schrift benutzten sie Bündel aus Schnüren mit Knoten darin, sogenannte Quipus. Ob sie damit aber jemals mehr als bloße Zahlwerke aufgezeichnet haben, ist zweifelhaft. Die meisten Forscher glauben jedenfalls nicht, dass die Inka mit ihren Knoten tatsächlich Sprache aufzeichnen konnten. Vielleicht sind Quipus eher unseren mathematischen Formeln vergleichbar, oder Noten, in denen wir Musik aufschreiben. Nun gut, dann könnte man also auch hier von Lesen reden. Aber nur in gewisser Weise.

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