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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum Alt und Jung einander manchmal nicht verstehen

Streit oder Sprachlosigkeit: Zwischen den Generationen eskaliert eine Diskussion häufiger einmal. Bild: picture alliance / Arco Images

Unverständnis, wechselseitige Vorwürfe: Wenn Ältere und Jüngere unterschiedlicher Meinung sind, geht es schnell hoch her, in der Familie wie in der Gesellschaft. Warum das so ist und nicht so sein sollte.

          Die Kolumne „Wie erkläre ich's meinem Kind?“ gibt es auch zum Hören – und zum Abonnieren, als Podcast. Auch diese Folge.

          Man kann es im Großen beobachten und im Kleinen: Wenn Ältere und Jüngere, Eltern und ihre Kinder, Erwachsene und Jugendliche unterschiedlicher Meinung sind, kommt es schnell zu Streit. Und zwar oft zu einem besonders heftigen, bei dem beide Seiten irgendwann verletzend oder verletzt sein können oder sogar beides, so dass man sich fragt, wie man da überhaupt jemals wieder rauskommen will. Oder, falls der Trotz und die Enttäuschung noch sehr stark sind: ob man da überhaupt jemals wieder rauskommen will.

          Dass sich die Generationen nicht immer gut verstehen, ist seit Ewigkeiten so. Es gibt Lieder darüber, die sind so alt wie die Eltern der heute Jugendlichen. Schon vom griechischen Philosophen Sokrates ist die Beschwerde überliefert, die Jugend habe schlechte Manieren, verachte die Autorität, habe keinen Respekt vor den älteren Leuten, widerspräche ihren Eltern, schwadroniere in der Gesellschaft und tyrannisiere ihre Lehrer. Und Sokrates hat vor zweitausendvierhundert Jahren gelebt.  

          „Du hast doch keine Ahnung“, hört man auch heute noch oft, wenn sich die Generationen streiten, „dafür bist du einfach noch zu jung“ oder „einfach schon zu alt“, „du willst mich gar nicht verstehen“ oder „nicht in diesem Ton“ – und in diesen Vorwürfen kann man die aus dem alten Griechenland wiedererkennen. Was man auch gleich erkennen kann: Sie gehen ans Eingemachte, sie sind nicht konkret, sondern allgemein, es ist schwer, sie zu entkräften, und sie tun weh. Das ist doof in Familien, weil man ja irgendwie miteinander auskommen muss, auch wenn man einander auf die Nerven geht. Und es ist doof in der Gesellschaft, weil niemand, kein Mensch, keine Gruppe von Menschen, keine Partei, keine Schicht und keine Generation allein weiß, was richtig ist. Auch wenn viele so tun als ob.

          Gerade hat es in der Gesellschaft eine Reihe von Streitpunkten gegeben, in denen sich Jüngere und Ältere nicht einig waren. Es waren auch viele Leute unterschiedlicher Meinung, die gleich alt waren, aber trotzdem hatte man den Eindruck, dass sich hier die Generationen streiten. Als es um das Urheberrecht ging und viele Jugendliche sich sorgten, ihr Internet sei in Gefahr, da war das so. Wenn am späten Freitagvormittag Schüler auf die Straße gehen und nicht in den Unterricht, um für einen besseren, energischeren, kompromisslosen Klimaschutz zu demonstrieren, ist es so. Und wenn jetzt gerade über ein Video diskutiert wird, in dem ein populärer Youtuber vor allem einer politischen Partei schlimme Vorwürfe macht, dann ist das auch so.

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          Dass die Klimaaktivistin Greta Thunberg mit dem Flugzeug zu einem Auftritt geflogen ist, obwohl das doch die klimaschädlichste Art zu reisen ist, haben manche Älteren hämisch kommentiert. Und gleich noch empfohlen, die Schüler sollten bitteschön lieber nach Schulschluss demonstrieren. Dass der Youtuber Rezo, der sich in einem Video faktenreich, aber auch frech und manchmal fies über die CDU aufregt, einen blauen Haarschopf hat, haben manche Leute zum Anlass genommen, ihn nicht ernst zu nehmen. Oder, schlimmer noch: zu behaupten, so jemanden könne man doch nicht ernstnehmen.

          Dabei ist das doch der Schlüssel zum Ganzen: dass wir einander ernstnehmen, in unseren Gedanken und unseren Gefühlen, auch wenn sie manchmal unbeholfen oder provokativ formuliert oder einfach rausgeschrien werden. Das heißt ja nicht, dass sie dadurch weniger dringend oder weniger wichtig wären, im Gegenteil: Der Druck, die Wucht, die Wut können gerade ein Zeichen dieser Wichtigkeit sein. Nur passiert es uns leider viel zu oft und viel zu leicht, dass wir auf den Druck und die Wut antworten oder auf die Frechheit („nicht in diesem Ton!“), statt auf das, worum es der anderen Seite eigentlich geht. Klar, dass das dann einfach nur noch immer schlimmer wird.

          Wie wir einander besser zuhören und ausreden lassen können, auch wenn es hoch hergeht, beschäftigt Leute zu Hause, in der Politik und in Unternehmen. Manchmal gibt es so etwas wie Schiedsrichter, die sich darum kümmern, dass niemand immer nur dazwischenruft oder zu lang redet oder zu fies. Oder es gibt, in kleineren Runden, einen Gegenstand, den man in der Hand hält, eine polierte Steinkugel zum Beispiel, und wer sie hat, der darf reden, legt sie dann wieder in die Mitte, und wer sie sich als nächstes greift, ist als nächster dran. Kling seltsam, aber es gibt Leute, die schwören drauf.

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          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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          Dieses fast fünfzig Jahre alte Lied darüber, wie wenig sich die Generationen mitunter verstehen, heißt übrigens „Father and Son“, Vater und Sohn, und stammt von einem Sänger namens Cat Stevens. Während der Vater dem Sohn gut gemeinte Ratschläge gibt, beschwert sich der Sohn. „Du bist eben noch jung, es gibt noch so viel, was du wissen musst“, sagt der Vater, „nimm dir Zeit, denk‘ gründlich nach“, und „du wirst morgen immer noch da sein, aber deine Träume vielleicht nicht“. Und der Sohn: „Wie kann ich es ihm nur erklären? Wenn ich es versuche, wendet er sich wieder ab“, und am eindringlichsten vielleicht: „Seit ich sprechen kann, wurde mir befohlen zuzuhören.“

          Das Tolle an diesem Lied: Beide Stimmen sind eigentlich eine Stimme, Cat Stevens singt beide, den Vater tief, den Sohn hoch. Und das zeigt etwas, das beide Seiten, Jung und Alt, nicht vergessen sollten, wenn sie streiten: Die Älteren waren auch mal jung. Und wenn die sich an ihre Überzeugungen, Ideen und Träume von damals erinnern, unterscheiden sie sich von denen der heute Jungen vielleicht gar nicht so sehr.

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