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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum es Streit über Rassismus gibt

Wie hier in Berlin haben Tausende Menschen am Sonntag an vielen Orten in Deutschland Menschenschlangen als gemeinsames Zeichen gegen Rassismus gebildet. Bildbeschreibung einblenden Podcast starten 04:52

Wie hier in Berlin haben Tausende Menschen am Sonntag an vielen Orten in Deutschland Menschenschlangen als gemeinsames Zeichen gegen Rassismus gebildet. Bild: Picture-Alliance

Dass es falsch ist, Menschen zu verurteilen oder zu benachteiligen, weil sie anders aussehen als andere, weiß eigentlich jeder. Dass trotzdem gerade viel über Rassismus gestritten wird, hat einen Grund.

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          Anton ist schuld, wenn er seine Hausaufgaben nicht macht. Deshalb darf der Lehrer auch eine Strafe aussprechen: Anton muss dann zum Beispiel noch eine Zusatzaufgabe machen. Anton ist auch schuld, wenn er böse zu anderen Kindern ist. Deshalb darf er einen Anpfiff kriegen, wenn er auf dem Schulhof schubst. Woran Anton nicht schuld ist, ist zum Beispiel seine Haarfarbe. Warum? Weil er sich die Haarfarbe nicht ausgesucht hat. Er ist auch nicht schuld daran, eine bestimmte Religion zu haben, weil das meistens die Religion der Eltern ist. Und er kann schon gar nichts für seine Hautfarbe oder den Geburtsort seiner Eltern, weil die Babys im Bauch nicht von Gott gefragt werden, wie sie gerne auf die Welt kommen wollen, und weil es auch keine schlechten oder guten Hautfarben gibt und keine schlechten oder guten Geburtsorte der Eltern.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es gibt also eine einfache Regel: Das, woran man schuld ist, dafür darf man auch Ärger kriegen. Kriegt man aber Ärger  für etwas, an dem man nicht schuld ist, ist das ungerecht. Wenn also jemand zu Anton sagt, er sei blöd, weil er dunkle Haut hat, ist das falsch und rassistisch. Das ist ziemlich einfach zu erklären. Das versteht auch jeder. Da gibt es auch nichts dran zu rütteln. Warum streiten dann viele Erwachsenen so viel über dieses Thema?

          Das liegt am Warum. Wir wissen immer, was Anton macht, aber nicht, warum er es macht. Deshalb kann Anton bei Was-Fragen beim Lügen erwischt werden. Sagt er, er habe die Hausaufgaben wohl gemacht, sagt die Lehrerin, er solle sie mal vorzeigen. Da wird Anton ganz rot und druckst rum. Erwischt! Fragt die Lehrerin aber, warum Anton seine Aufgaben nicht gemacht hat, kann sich Anton die wildesten Geschichten darüber ausdenken, was in seinem Kopf vorging. Er kann sagen, dass er die Aufgabe nicht verstanden hat. Oder dass er vergessen hatte, welche Aufgabe er aufhatte. Oder dass er so überarbeitet war, dass er sich nicht konzentrieren konnte. Das können alles Lügen sein, aber niemand kann ihm die Lüge nachweisen. Warum wir Menschen Sachen machen, ist also unser Geheimnis.

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          In Amerika hat ein Polizist bei einer Festnahme einem schwarzen Mann neun Minuten lang sein Knie in den Nacken gedrückt. Der Mann starb daran. Nun sagen viele: Das hätte der Polizist nicht gemacht, wenn der Mann ein Weißer gewesen wäre. Weil es die Erfahrung gibt, dass Menschen mehr Rücksicht nehmen bei Leuten, die ihnen ähnlich sind und denen sie sich nahefühlen. Und auch, weil es die Erfahrung gibt, dass amerikanische Polizisten öfter auf Schwarze schießen als auf Weiße. Was der Polizist gemacht hat, ist so schlimm, dass viele von Mord sprechen. Aber war es ein rassistischer Mord?

          Das ist eine Warum-Frage. Als Antwort kann es nur Hinweise, aber keine Beweise geben. Man kann nicht den Kopf des Polizisten aufmachen und dort Rassismus finden. Man kann nur Anzeichen sammeln. Vielleicht hat der Polizist mal gesagt, dass er Schwarze nicht mag. Oder er gibt im Gerichtsprozess zu, dass das der Grund war. Es kann aber auch sein Geheimnis bleiben.

          Das Geheimnis des Warums macht alles kompliziert. Anton könnte der Lehrerin sagen, dass er die Drei in Mathe nicht verdient hat und dass die Lehrerin ihm nur eine schlechte Note gibt, weil er dunkle Haut hat. Wie soll die Lehrerin sich verteidigen? Sie kann sagen, dass das nicht stimmt. Aber sie kann es nicht beweisen. Anton kann es auch nicht beweisen. Also gibt es Streit.

          Im Großen ist dieser Streit wichtig, um allen Menschen zu zeigen, dass es falsch ist, aus rassistischen Gründen zu handeln. Deshalb darf es kein Tabu sein zu sagen, dass Rassismus existiert und dass er in diesem Fall vorliegt. Es kann aber auch niemand etwas daran ändern, dass der Rassismusvorwurf oft in gegenseitigen Anklagen und Beleidigungen endet. Wer sein Recht erkämpfen will, redet deshalb nicht nur über das Warum, sondern über das Was. Bei dem Polizisten ist klar: Der Mann ist tot. Es gab keinen Grund, ihn zu töten. Also muss der Polizist für sehr lange Zeit ins Gefängnis. Kriegt Anton eine schlechte Note, die er nicht verdient, muss die Lehrerin sagen, mit welchen Tatsachen sie die Note begründet. Die müssen dann überprüft werden. Nennt die Lehrerin öfter falsche Tatsachen und vergibt ungerechte Noten, sollte sie keine Lehrerin sein.

          Der Streit über Rassismus ist also sehr schwierig, weil man niemandem in den Kopf schauen kann, ob er Rassist ist, und weil alle Rassisten nicht so doof sind, das einfach zuzugeben. Deshalb streiten Erwachsene so viel darüber.

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          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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