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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Ob man anziehen darf, was man will

Stecken Mädchen- oder Jungenfüße in den rosafarbenen Schuhen? Könnte egal sein, sorgt aber schnell für Diskussionen. Bild: Picture-Alliance

Warum gibt es manchmal Diskussionen darüber, was man anhat? Beim Sommerkleidchen für den Schnee ist es noch einfach. Aber für viele sind Anziehsachen mit Aussagen verbunden, ob man will oder nicht.

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          Neulich hat der Vater eines drei Jahre alten Jungen bei Twitter erzählt, wie er einmal von seinem Sohn berichtigt worden ist: Der Kleine hatte sich von einer Freundin transparent-rosafarbene Prinzessinnenstöckelschuhe ausgeliehen und von seinem Vater gehört, er sei ja eine süße Prinzessin. Nein, war die Antwort, er sei einfach ein Mann, der schöne Schuhe trägt.

          Fridtjof Küchemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Geschichte ist lustig, sie ist rührend, und man kann an ihr ganz gut erkennen, wie das ist mit den Anziehsachen: Sie sagen etwas aus. Selbst dann, wenn der, der sie trägt, das vielleicht gar nicht will. Was sie aussagen, kann ganz verschieden sein, und es hängt natürlich davon ab, wo man mit den Anziehsachen hingeht. Jemand, der mit normalen Sachen zum Karneval geht, wird dort genau so seltsam angeschaut wie jemand, der sich an einem ganz normalen Tag als einziger kostümiert.

          Ein Schlips, damit man ernst genommen wird

          „Ich gehöre dazu“, können Klamotten aussagen, genau so aber „ich gehöre nicht dazu“ oder „ich weiß, was sich gehört“. Sie können sagen „ich kann mir was leisten“, „ich bin etwas Besonderes“, „ich möchte nicht weiter auffallen“ oder „mir ist egal, was andere von mir denken“. Wer sich fragt, ob das wirklich so wichtig ist, muss nur daran denken, dass es sogar Schulen und ganze Länder gibt, in denen Schuluniformen oder (etwas weniger genau festgelegte) Schulkleidung vorgeschrieben sind. Damit wird letzten Endes eine Aussage geregelt: Statt „ich kann mir teure Markenklamotten leisten“, „ich bin Punk“ oder „ich bin schon sehr erwachsen“ sagt die einheitliche Kleidung der Schüler einfach: „Ich gehöre zu einer bestimmten Schule.“

          Bild: Johannes Thielen

          „Ich gehöre dazu“ und „ich weiß, was sich gehört“ sind in der Arbeitswelt ganz wichtige Kleidungsaussagen: Männern, die nicht mit Schlips und Anzug ins Büro kommen, wurde früher insgeheim schnell mal unterstellt, sie würden die Arbeit vielleicht nicht so wichtig nehmen. Inzwischen kann zumindest der Schlips in den meisten Büros wegbleiben. Und vielleicht ist es eines Tages sogar so, dass die Leute mit Schlips nicht als oberseriös, sondern einfach nur als unentspannt gelten.

          Im Sommerkleidchen in den Schnee

          Vor acht Jahren haben sich vier Schüler aus Österreich etwas Lustiges ausgedacht: Sie haben die anderen in ihrer Klasse überredet, an einem Tag in Jogginghosen zur Schule zu kommen. Wer eine Jogginghose anhat, trägt nicht nur etwas sehr Gemütliches, sondern wirkt damit auch so entspannt, dass es fast schon schlurig sein könnte. Ein berühmter Modeschöpfer, Karl Lagerfeld, hat einmal gesagt, wer eine Jogginghose trägt, habe die Kontrolle über sein Leben verloren. Das ist für manche eine schreckliche, für andere eine ziemlich lustige Aussage, die sich mit einem einfachen Kleidungsstück machen lässt. Die vier Österreicher haben ihren Spaß noch weiterentwickelt und den 21. Januar kurzerhand zum Internationalen Tag der Jogginghose erklärt. Mittlerweile machen Hunderttausende mit und wissen, was sie an diesem Tag in die Schule, in die Uni oder ins Büro anziehen. An einem Samstag (wie in diesem Jahr) fällt das nur leider nicht so auf. Und Karl Lagerfeld, der alte Schelm, hat inzwischen auch eigene Trainingshosen auf den Markt gebracht. Wahrscheinlich, um den Kontrollverlust einzuschränken.

          Dann gibt es natürlich noch Anziehsachen, die zu dem nicht so gut passen, was man damit unternehmen will. Jeder, der schon mal sein Sportzeug vergessen hat, weiß, wie unangenehm Aufwärmübungen in Jeans sind. Und das luftige Sommerkleidchen ist zum Spielen im Schnee einfach nicht ideal. Manchmal wünscht man sich aber eben so sehr, dass wieder Sommer ist, oder das Kleidchen mit den Schmetterlingen ist einfach so schön, dass man es am liebsten immer anziehen würde. Und schon gibt es Diskussionen, in denen es auf der einen Seite um Geschmack, auf der anderen um so etwas Langweiliges wie Eignung geht.

          Was ist schon normal?

          Ganz andere Diskussionen gibt es vor allem dann, wenn Leute Sachen schön finden, die andere an ihnen nicht sehen wollen. Vielleicht am stärksten kann man diese Ablehnung spüren, wenn es um Anziehsachen geht, die im Allgemeinen entweder Mädchen oder Jungen zugeordnet werden. Das geht schon bei der Farbe los. Wer als Junge Rosa mag, wird in der Schule schnell verspottet. Vor ein paar Jahren gab es die Geschichte von einem Jungen im Kindergartenalter irgendwo auf dem Land, der es super fand, einen Rock zu tragen. Sein Vater überlegte sich, was er tun könnte, um seinen Sohn vor Spott zu schützen – und zog sich einfach selbst auch einen Rock an.

          Es ist noch nicht so lange her, und in manchen Familien ist es vielleicht auch heute noch so, dass ein Junge mit Prinzessinnenschuhen von seinem Vater wohl zu hören bekommen hätte, solche Schuhe seien was für Mädchen, er sei wohl nicht normal und solle sie gefälligst ausziehen. Dabei macht es Spaß, sich zu verkleiden. Und manchmal eben auch, einfach Prinzessinnenschuhe zu tragen, selbst als Junge. Auch wenn man gar keine Prinzessin sein will, sondern weil man sie schlicht und ergreifend schön findet.

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