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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Ob Schulstreiks für das Klima in Ordnung sind

Und Greta Thunberg mittendrin: „Fridays for Future“-Demonstranten am 1. März in Hamburg Bildbeschreibung einblenden Podcast starten 06:09

Und Greta Thunberg mittendrin: „Fridays for Future“-Demonstranten am 1. März in Hamburg Bild: Florian Sonntag

Schüler streiken für den Klimaschutz – am kommenden Freitag auf der ganzen Welt: Was kann man schon dagegen haben? Höchstens die Schulpflicht. Sie betrifft nämlich nicht nur Schüler. Ein paar Erklärungen und Ideen.

          3 Min.

          Wie bitte? Zehntausende Schüler nehmen nicht am Unterricht teil, und die Bundeskanzlerin findet das auch noch gut? Wo es doch eine allgemeine Schulpflicht gibt? Wo Schulschwänzer und ihre Eltern doch sogar Bußgelder zahlen müssen, bis zu mehreren tausend Euro, wenn die Sache überhandnimmt? Wo an Tagen vor oder nach Schulferien Polizisten an manchen Flughäfen nachschauen, ob auch keine Familien mit Schulkindern einfach ein paar Tage früher losfliegen in den Urlaub oder später wiederkommen, obwohl die Kinder doch in die Schule müssten?

          Im letzten Sommer hat ein damals fünfzehn Jahre altes Mädchen in Schweden damit angefangen, am Freitag dafür zu demonstrieren, dass sein Land eine internationale Klimaschutzvereinbarung einhält, auf die sich die ganze Welt geeinigt hatte: das Übereinkommen von Paris vom Dezember 2015. Sie hat sich, statt zur Schule zu gehen, vor das Parlament in Stockholm gesetzt, mit einem Schild, auf dem „Skolstrejk för klimatet“ steht, Schulstreik fürs Klima. Heute ist Greta Thunberg berühmt, sie hat mit vielen Politikern über ihr Anliegen gesprochen und viele Schüler in einer ganzen Reihe von Ländern dazu bewegen können, es ihr gleichzutun. Aus ihrem Protest ist eine Bewegung geworden, die sich Fridays for Future nennt. Vor einer Woche war Greta mit Tausenden Demonstranten in Hamburg auf der Straße. Und in einer Woche, am 15. März, soll es auf der ganzen Welt Demonstrationen für den Klimaschutz geben.

          Bundeskanzlerin Merkel sagt dazu: „Ich glaube, dass das eine sehr gute Initiative ist.“ Sie findet es gut, „dass Schülerinnen und Schüler demonstrieren und mahnen, schnell etwas für den Klimaschutz zu tun“. Gleichzeitig wirbt sie um Verständnis dafür, dass es nicht so schnell geht, wie die Demonstranten sich das wünschen. Die Bundesbildungsministerin Anja Karliczek, wie Angela Merkel von der CDU, hingegen sagt deutlich: „Auch unterstützenswertes Engagement gehört in die Freizeit und rechtfertigt nicht das Schulschwänzen.“

          Zwei Ideen, die zueinander passen

          Nur ist es leider so, dass sich die Erwachsenen, die eigenen Eltern vielleicht mal ausgenommen, nicht so besonders dafür interessieren, was Jugendliche in ihrer Freizeit machen. Sofern sie nichts anstellen. Der Klimaschutz ist den Schülern so wichtig ist, dass sie dafür ihre Schulpflicht vernachlässigen. Mit den Worten der zwölf Jahre alten Mathilda: „Viele Erwachsene denken natürlich, die Schule ist wichtig und da darf man nicht einfach so fehlen, aber die leben ja auch alle nicht mehr so lange. Wenn wir erwachsen sind, müssen wir mit den Folgen des Klimawandels leben.“ Auch für Jasper, dreizehn Jahre alt, rechtfertigt das Anliegen einen Streik in der Schulzeit – wenn es nicht nur um ein persönliches Bedürfnis geht: „Der Klimawandel ist etwas anderes, als wenn man mit einem Lehrer nicht gut klarkommt oder das Essen in der Mensa schlecht ist“, sagt er. „Man muss doch nur mal mit den Schülern sprechen, die auf solche Demos gehen“, ergänzt Lilith, ebenfalls 13 Jahre alt: „Die haben sich alle informiert und wissen, weshalb sie dorthin gehen. Die wissen, wer verantwortlich für den Klimawandel ist und was man tun kann.“

          Wer Schülern also unterstellt, sie hätten mit den Fridays-for-Future-Demonstrationen nur einen willkommenen Anlass zum Schuleschwänzen gefunden, macht es sich vielleicht etwas einfach. „Außerdem ist das doch unfair“, sagt Lilith: „Über Erwachsene, die streiken, sagt niemand, dass sie nur die Arbeit schwänzen.“ Selbst der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, glaubt, dass es unter den Demonstranten kaum „echte Abseiler“ gebe, „die nur deshalb zur Klima-Demo gehen, um nicht zum Unterricht zu müssen“.

          Zum einen geht es also darum, das Anliegen der Schüler ernst zu nehmen. Das machen fast alle Erwachsenen, zum Glück. Zum anderen geht es darum anzuerkennen, dass sie für ihr Anliegen den Unterricht sausen lassen wollen. Das machen schon lange nicht mehr alle. Und es ist wieder etwas anderes, das auch noch zu unterstützen, egal in welcher Rolle – ob als Eltern, als Lehrer, als Schuldirektor oder als Politiker. Immerhin ist und bleibt es eine Ordnungswidrigkeit, wenn schulpflichtige Kinder einfach nicht zur Schule gehen, und es drohen im Extremfall sogar Bußgelder, schlimmstenfalls Gefängnis. Allein in Berlin wurden im Schuljahr 2016/17 in mehr als achthundert Fällen Bußgelder fürs Schuleschwänzen verhängt. Ein paar Jahre vorher ist dort eine Mutter zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Ihr Sohn hatte an mehr als tausend Tagen unentschuldigt gefehlt.

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          Es muss also ganz schön was zusammenkommen, damit es schlimm wird. Andererseits sehen unentschuldigte Fehlzeiten im Zeugnis eigentlich immer doof aus, wenn man sich damit um einen Praktikums- oder Ausbildungs- oder Studienplatz bewirbt. Wer das im Zeugnis sieht, könnte meinen, dass es hier jemand mit seinen Pflichten nicht so genau nimmt. Außerdem dürfen Eltern ja gar nicht einfach selbst entscheiden, ob ihre Kinder zur Schule gehen müssen oder nicht, das zeigt das Beispiel mit den Kontrollen am Flughafen. Auch Lehrer dürfen nicht einfach entscheiden, ob sie ihren Schülern für die Demo freigeben, schließlich haben sie eine Aufsichtspflicht. Aber es liegt – fürs erste – im Ermessen der Schulen, wie sie mit den Regelverstößen umgehen.

           „Warum kommen nicht einfach Lehrer mit zu den Demonstrationen?“, fragt Mathilda: „Das wäre dann wie eine Exkursion.“ Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes hatte die umgekehrte Idee: Wieso holen wir das Thema nicht in die Schule? Den zwanzig Schülern, die neulich an seiner Schule, dem Robert-Koch-Gymnasium in Deggendorf, lieber zur Demo als zum Unterricht gegangen sind, hat Heinz-Peter Meidinger aufgetragen, die verpasste Unterrichtszeit nachzuholen – indem sie eine Podiumsdiskussion zum Klimaschutz organisieren. Vielleicht passen die beiden Ideen ja am kommenden Freitag ganz gut zusammen?

          Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
          Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen

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