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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum es bei Demonstrationen zu Gewalt kommt

Ein Wasserwerfer als Feuerwehr: Polizisten löschen am 8. Juli eine brennende Barrikade in Hamburg. Bild: Reuters

Am vergangenen Wochenende ist es in Hamburg passiert, am kommenden kann es in der Türkei passieren: Immer wieder kommt es bei Demonstrationen zu Gewalt. Das finden die meisten schrecklich, manche aber gut.

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          Demonstrationen sind ja an sich schon aufregend: Man geht auf die Straße, um anderen zu zeigen, was einem wichtig ist. Weil man findet, dass es allgemein nicht wichtig genug genommen wird. Dass andere es auch wichtig finden sollten. Dass andere wissen sollten, dass man es wichtig findet – zum Beispiel Leute, die daran etwas ändern können. Das ist aufregend, selbst wenn es einfach nur darum geht zu zeigen, dass man etwas mag, was es gibt, wie bei „Pulse of Europe“. Oder wenn man zum Beispiel feiern will, dass man hierzulande heutzutage offen zeigen kann, als Mann einen Mann oder als Frau eine Frau zu lieben, ohne deshalb Angst vor Gewalt haben zu müssen – wie beim Christopher Street Day.

          Manchmal demonstrieren Leute auch für etwas, das den Mächtigen nicht gefällt, oder sogar gegen das, was die Mächtigen selbst so machen. Dann wird das Ganze gleich noch um einiges aufregender. Es kann Ärger geben: Wenn die Demonstranten auf Leute treffen, die überhaupt nicht ihrer Meinung sind. Wenn sie sich gegenseitig in ihrer Wut so bestärken, dass einige von ihnen aggressiv werden. Oder weil sie nervös werden, sich bedrängt und bedroht fühlen, wenn Polizisten dafür sorgen sollen, dass Wut nicht in Gewalt umschlägt. Es gibt manchmal sogar Leute, innerhalb und außerhalb der Gruppe der Demonstranten, die sind richtig auf Gewalt aus. Dabei macht die Gewalt nicht nur Autos und Fensterscheiben und Straßenschilder und Mülleimer kaputt, sondern sie beschädigt auch die Botschaft der Demonstration.

          Die Bilder, die im Kopf bleiben

          Der türkische Politiker Kemal Kilicdaroglu ist gerade Hunderte von Kilometern zu Fuß zu einem Gefängnis gegangen, um dagegen zu protestieren, dass ein anderer Politiker aus seiner Partei dort eingesperrt worden ist. Diesem „Marsch für Gerechtigkeit“ haben sich viele Tausende Türken angeschlossen. Schnell ging es nicht mehr allein um die Ungerechtigkeit gegen den inhaftierten Politiker, sondern um viele Ungerechtigkeiten, unter denen die Menschen in der Türkei leiden, seit der türkische Präsident sich immer mehr zum Alleinherrscher ihres Landes macht – Hunderte Politiker und Journalisten sind ins Gefängnis geworfen worden, Tausende Lehrer, Richter und Staatsanwälte entlassen, das Parlament hat eigentlich nichts mehr zu sagen, und jedem, der doch noch etwas sagt, wirft Präsident Erdogan schnell vor, er sei für Terrorismus. Auch Kemal Kilicdaroglu. Auf ihrem langen Weg sind die Demonstranten von Leuten am Straßenrand bejubelt worden – und von anderen mit Steinen beworfen. Wenn sie angefangen hätten, sich zu wehren statt sich nur zu schützen, hätte es schnell zu Gewalt kommen können.

          In Hamburg haben sich Ende vergangener Woche Staats- und Regierungschefs aus den wichtigsten und mächtigsten Ländern der Welt zum G-20-Gipfel getroffen. Während sie zusammengesessen und beraten haben, wie sie noch besser zusammenarbeiten können, haben draußen Leute gestanden und protestiert, weil sie finden, dass die Mächtigen nur dafür sorgen, dass sie noch mächtiger werden und die Reichen noch reicher, statt sich auch genügend um die Armen und den Frieden und die Umwelt zu kümmern. Die Bilder dieser Proteste werden uns noch lange beschäftigen, und es sind leider nicht die Bilder all der Leute, die friedlich demonstriert haben, sondern es sind die Bilder von brennenden Autos und ausgeplünderten Geschäften, von Steine werfenden Vermummten und Wasserwerfern der Polizei, die auf die Gewalttäter gerichtet sind.

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