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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum die Volksbefragung in Griechenland heikel ist

Hitzige Diskussion: Beim Streit um Griechenlands Schulden wird auch mal eine angezündet - hier die der EU vor dem Athener Büro der EU-Kommission am 2. Juli. Bild: AFP

Seit langem wird darüber gestritten, wie und wo Griechenland sparen muss, wenn das Land noch mehr Geld von den anderen Euro-Ländern haben will. Jetzt sollen die Griechen selbst bestimmen, wie es weitergeht. Und auch darüber gibt es Streit. Warum?

          An diesem Wochenende steht in Griechenland eine Entscheidung an, die für viel Aufsehen sorgt und von den Leuten überall auch im Fernsehen verfolgt wird: Die Bevölkerung in Griechenland wird in einem „Referendum“, das ist eine Art Volksbefragung, über ihre Meinung zum Sparprogramm für Griechenland abstimmen. Die Leute dürfen auf einem Wahlzettel mit zwei Feldern zum Ankreuzen entscheiden, ob sie für das Sparprogramm („Ja“) oder dagegen („Nein“) sind. Eine große Abstimmung mit großen Folgen. Was steckt dahinter – und warum ist das so umstritten?

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die genauen Formulierungen der Volksbefragung sind etwas kompliziert, und auch darüber gab es Diskussionen. Im Kern aber geht es um Folgendes: Griechenland und die anderen Staaten Europas verhandeln seit längerem darum, ob das hochverschuldete Griechenland noch länger Hilfskredite (also geliehenes Geld von den anderen Staaten) bekommt, wenn es nicht bereit ist, so viel Geld in seinem ganzen Staatsapparat einzusparen, wie die anderen Länder verlangen.

          Kaputtsparen, das gibt es wirklich

          Griechenland ist seit längerem pleite und bekommt von den anderen Ländern, die auch den Euro haben, seit längerem Geld. Dafür ist aber eine Bedingung, dass die griechische Regierung kräftig spart. So soll Griechenland irgendwann dahin kommen, dass es wieder auf eigenen Füßen stehen und womöglich zumindest einen Teil der Schulden zurückzahlen kann. So ähnlich vielleicht wie ein Kind, das sein ganzes Taschengeld schon zur Monatsmitte ausgegeben hat und von der Mutter nochmal einen kleinen Nachschuss bekommt: mit der Auflage, nun aber bitte sparsamer damit umzugehen.

          Die Griechen sind aber nicht sparsam, zumindest nicht in dem Maße, in dem die anderen Staaten das verlangen. Sie sagen, dass in ihrem Land alles nur noch schlimmer geworden ist, seit sie so viel sparen müssen. Sie beklagen, dass die Bedingungen zu streng seien und dass sie „kaputtgespart“ werden sollten. Anders als bei einzelnen Menschen kann es bei Staaten nämlich passieren, dass man am Ende weniger Geld hat, wenn alle sparen. Weil zuerst der Lohn der Menschen sinkt, die beim Staat arbeiten. Dann wird auch weniger eingekauft und hergestellt, und am Ende hat der Staat weniger Einnahmen, weil die Leute weniger Steuern zahlen können.

          Dann sollen eben die Leute in Griechenland entscheiden

          Beide Seiten sind so zerstritten, dass sie sich nicht einig werden. Wenn man sich nun aber auf Dauer gar nicht einig wird, kann es passieren, dass Griechenland unsere gemeinsame Währung, den Euro, abgeben und wieder seine früherer Währung, die Drachme, einführen muss: Wenn das Land auf Dauer den Euro behalten will, muss es mit den anderen Ländern zusammenarbeiten. Sonst funktioniert das nicht.

          Lange hat man darüber hin und her diskutiert. Es ging von beiden Seiten sehr scharf zur Sache. In der vergangenen Woche nun hat die griechische Regierung angekündigt, dass sie ihr Volk dazu befragen will. Die Bürger sollen entscheiden, was sie lieber wollen: Das Sparpaket annehmen, das die anderen Länder Griechenland vorgeschlagen haben und das die Regierung für zu hart hält – oder es zurückweisen, wie die griechische Regierung es für richtig hält.

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