https://www.faz.net/-i35-906gm

Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum der Tempelberg für Muslime und Juden so wichtig ist

  • -Aktualisiert am

Konkurrenz belebt das Geschäft

Forscher glauben, dass es gerade die Verehrung durch fremde, konkurrierende Kulte war, die den Tempelberg in der Vergangenheit für die Menschen so interessant machte. Im Laufe der Jahrhunderte wechselte die Herrschaft über den Tempelberg viele Male. Jede Gruppe, die Jerusalem eroberte, interpretierte das lokale Heiligtum auf neue Art und Weise. Ob Juden, Griechen, Römer, Muslime oder christliche Kreuzfahrer: Sie alle nahmen – teilweise sogar ganz explizit – bereits vorhandene örtliche Traditionen in ihre eigenen Kultpraktiken auf.

So vermutet man heute, dass die Juden die Verehrung des Tempelbergs von heidnischen Stämmen übernahmen, die hier ihre Kultstätte hatten. Später ließen sich die muslimischen Baumeister des Felsendoms wahrscheinlich auch von dem Glauben inspirieren, der Felsen habe zuvor im jüdischen Tempel als Opferaltar gedient – oder gar das „Allerheiligste“ markiert. Die Kreuzritter wiederum wandelten den Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee in Kirchen um. Schließlich spielte der Tempelberg auch im Neuen Testament als Wirkstätte Jesu eine bedeutende Rolle.

Wenig Hoffnung auf Frieden

Während des sogenannten „Sechs-Tage-Krieges“ 1967 eroberte Israel das Westjordanland und die östliche Hälfte Jerusalems mit der Altstadt, die zuvor Teil Jordaniens waren. Zum Tempelberg hat die israelische Regierung seither ein zwiespältiges Verhältnis. Einerseits wurde der Platz vor der Klagemauer zu einem national-religiösen Denkmal ausgebaut, auf dem zum Beispiel Soldaten vereidigt werden.

Andererseits rührte die Regierung die muslimische Hoheit über den Tempelberg selbst nicht an: Aus Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Palästinenser, aber auch, weil viele religiöse Juden das Betreten des ehemaligen Tempelgeländes wegen der dortigen göttlichen Präsenz ablehnen. Bis heute ist es nur Muslimen gestattet, auf dem Tempelberg zu beten, auch wenn Nichtmuslime das Plateau als Touristen besuchen dürfen.

Die digitale F.A.Z. PLUS
F.A.Z. Edition

Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

Mehr erfahren

Doch immer mehr radikale, nationalreligiöse Juden wollen den Tempelberg für jüdische Betende öffnen – notfalls mit Gewalt. In der Vergangenheit deckten die israelischen Behörden Anschlagspläne jüdischer Extremisten auf, Felsendom und Al-Aqsa-Moschee zu sprengen, um anschließend den jüdischen Tempel wieder aufzubauen. Immer wieder dringen einzelne Juden auf den Tempelberg vor, um dort verbotenerweise zu beten.

Nach Jahrzehnten der schleichenden Verdrängung durch jüdische Siedler in Ost-Jerusalem verdächtigen viele Palästinenser die israelische Regierung, insgeheim auf eine Änderung der bestehenden Regelung auf dem Tempelberg hinzuarbeiten, selbst wenn diese stets das Gegenteil beteuert. Die Behauptung, hier habe früher der jüdische Tempel gestanden, lehnen sie als erfundenen Vorwand ab. Selbst christlichen Palästinensern gilt der Tempelberg als nationales Symbol gegen die israelische Besatzung.

Für eine endgültige Friedensregelung, die zurzeit in weiter Ferne scheint, wird man auch eine Lösung für den Tempelberg finden müssen. Es ist unvorstellbar, dass Palästinenservertreter einen eigenen Staat ohne den Tempelberg akzeptieren werden. Andererseits beharren die meisten Israelis auf Jerusalem als „ungeteilte Hauptstadt“ ihres Landes – also inklusive der 1967 eroberten und 1980 annektierten Altstadt. Derzeit wird im israelischen Parlament über einen Gesetzentwurf beraten, der eine Rückgabe Ostjerusalems und der Altstadt in Zukunft deutlich erschweren würde. Es ist wie so oft in der Welt: Je länger ein Konflikt andauert, desto stärker werden die Radikalen auf beiden Seiten.

Weitere Themen

Das Orakel der Madame Dionkong

FAZ Plus Artikel: Senegal : Das Orakel der Madame Dionkong

Senegal ist der muslimische Musterstaat in Westafrika, tolerant, weltoffen und trotzdem fest in seinen Traditionen verwurzelt – ein Land, in dem für monumentale Moscheen ebenso Platz ist wie für animistische Dorfkönige.

Ist Banksy in Venedig? Video-Seite öffnen

Rätselhaftes Video : Ist Banksy in Venedig?

Auf Instagram kündigte der Streetart-Künstler, dessen Identität geheim bleibt, an, mit einem eigenen Stand auf der Biennale in Venedig vertreten zu sein. Die Kunstschau in Venedig zählt zu den größten Weltweit

CDU benutzte ungefragt Videomaterial von ARD und ZDF

Auf Youtube : CDU benutzte ungefragt Videomaterial von ARD und ZDF

Auf ihren Youtube-Kanal warb die CDU mit Videos ihrer Politiker aus Talkshow-Auftritten in den öffentlichen Kanälen. Abgesprochen hatte sie das nicht – und damit offenbar gegen Urheberrecht verstoßen. Aufgefallen ist das einem Satiriker und Politiker.

Topmeldungen

Lencke Steiner, Spitzenkandidatin der Bremer FDP für die Bremer Bürgschaftswahl, könnte einem Jamaika-Bündnis im Wege stehen.

FDP in Bremen : Im Reich des Tschakka

Die aus dem Fernsehen bekannte Spitzenkandidatin der Bremer FDP, Lencke Steiner, gilt als Marketingtalent, aber auch als Hindernis für eine Jamaika-Koalition – beides steht in einem Zusammenhang.
Der Lautsprecher Amazon Echo ermöglicht den Kontakt mit Alexa – viele Menschen werden mit ihr bald mehr sprechen als mit ihrem Umfeld, glaubt die Unesco.

Kritik von der Unesco : Alexa, förderst du Vorurteile über Frauen?

Eine Frauenstimme, die jeder Bitte folgsam nachkommt: Laut einem Bericht der Unesco tragen Sprachassistenten wie Alexa und Siri zur Verbreitung von Geschlechterklischees und der Akzeptanz von sexistischen Beleidigungen bei.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.