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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum ein Brand wie in London in Deutschland unwahrscheinlich ist

Ausgebrannt: Der Grenfell-Tower in London ging in kurzer Zeit in Flammen auf. Bild: AFP

Die Bilder des brennenden Hochhauses in London waren furchterregend und werden so schnell nicht in Vergessenheit geraten. Wie sicher sind die Häuser hier in Deutschland?

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          Wovor haben heutzutage viele Leute Angst? Terroranschläge, Bomben, Flugzeugabstürze – das sind die Gefahren, die die meisten Menschen fürchten. Feuer gehört eigentlich nicht mehr dazu,  schließlich sind unsere Häuser nicht mehr aus Holz. Trotzdem gab es in London einen enormen Brand, der ein gesamtes, riesiges Hochhaus unbewohnbar gemacht und sehr viele Menschen das Leben gekostet hat. Müssen wir jetzt wieder Angst vor Feuer haben? Nein, sagen Brandschutzexperten. In Deutschland ist es sehr unwahrscheinlich, dass so ein großes Gebäude wie in London abbrennt. Das hat verschiedene Gründe:

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          1. Das Material

          Der Grenfell Tower, der in London lichterloh brannte, besteht aus brennbarem Material. Das wurde zum Beispiel für die Hauswände benutzt. Dabei handelt es sich meist um Material, das der Wärmedämmung dient. Die als „nicht brennbar“ klassifizierten Materialien sind viel teurer, deshalb wurden sie in London wahrscheinlich nicht benutzt. In Deutschland sind solche brennbaren Stoffe beim Bau von Hochhäusern über 22 Metern verboten. Das klingt immer noch ziemlich hoch, aber bis zu genau dieser Höhe schafft es die Feuerwehr mit ihrer Leiter und kann also die Eingeschlossenen retten.

          2. Die Rettungswege

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          Aufzüge funktionieren in Brandfällen häufig nicht mehr und sollten bei Feueralarm auch nicht benutzt werden. Der benötigte Strom fällt nämlich meist schnell aus, so dass Aufzugfahrende feststecken. Für sie wird gerade der giftige Rauch gefährlich. Im Hochhaus in London gab es aber neben zwei Aufzügen nur eine Treppe. So kamen die Leute nur schlecht aus dem Haus und die Rettungskräfte nur schwer rein. Wenn man in den 24. Stock rennen muss, ist man ja sowieso erst einmal ziemlich aus der Puste – und dann mussten die Feuerwehrleute auch noch Leben retten. In Deutschland sind alle Neubauten mit einem Extra-Feuerwehraufzug versehen. Mit dem kann die Feuerwehr Verletzte in Sicherheit bringen und besser an den Notfallort gelangen. Auch gibt es in Deutschland in allen Neubauten zwei Sicherheitstreppenhäuser, die nicht vom Resthaus abhängig sind. Über diese können Bewohner leichter fliehen.

          3. Die Warnvorkehrungen

          Die Brandmelder, die jeder in seiner Wohnung haben muss, sind ja bekannt. Diese helfen allerdings nur bedingt gegen Feuer: Sie warnen Bewohner vor einem Brand und können dabei unterstützen, dass ein brennendes Gebäude schneller und besser organisiert verlassen wird. Zusätzlich sind neue Hochhäuser in Deutschland mit Sprinkleranlagen versehen, das sind Anlagen, die an Zimmer- oder Flurdecken angebracht sind und im Brandfall Wasser verspritzen. Dadurch verhindern sie, dass sich ein Feuer zu einem Großbrand entwickelt. In London gab es solche Sprinkleranlagen nicht, sodass sich das Feuer noch schneller ausbreiten konnte.

          4. Die Regeln

          Dass die Deutschen besonders streng und genau sind, ist ein Vorurteil, das man bestimmt nicht auf jede Lebenslage übertragen kann. Beim Brandschutz kommt uns diese Genauigkeit jedoch zugute: In Deutschland gelten generell strengere Brandschutzregeln als in anderen europäischen Ländern. Seit 2008 ist es gesetzlich vorgeschrieben, dass bei einem Hochhausbau folgende Sicherheitsvorkehrungen eingebaut werden: Sprinkleranlagen, Brandmeldeanlagen, mindestens zwei separate Sicherheitstreppen und ein Feuerwehraufzug – also all die Dinge, die im abgebrannte Hochhaus in London gefehlt haben oder unvollständig waren. Es ist also nicht besonders wahrscheinlich, dass in Deutschland ein ähnlicher Brand wie in London zustande kommt.

          5. Die Konsequenzen aus dem Brand in London

          Der schreckliche Brand in London hat Brandschutzexperten und Bau-Behörden in ganz Europa aufmerksam werden lassen. In Wuppertal in Nordrhein-Westfalen mussten zum Beispiel gerade alle Bewohner eines Hochhauses ausziehen. Bei der Überprüfung des Hauses wurde nämlich festgestellt, dass das Material – obwohl es verboten ist – so ähnlich wie das des Londoner Hochhauses sein könnte. Viele Hochhäuser werden jetzt noch einmal überprüft, damit eine weitere Katastrophe wie die in London verhindert wird. Es gilt also, wie so oft: So lange wir vorsichtig sind und auf die Sicherheit achten, müssen wir keine Angst haben.

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