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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Wann der Spaß aufhört

Um seinen Fall soll sich jetzt sogar der Bundesrat kümmern: Fernsehmoderator Jan Böhmermann Bild: Picture-Alliance

War doch nur Spaß: Das hört man oft, wenn sich jemand beleidigt oder bedroht fühlt und der andere zur Rede gestellt wird. Gerade ist es so bei Erdogan und Böhmermann. Wann ist eigentlich Schluss mit lustig?

          Einer sagt über einen anderen Gemeinheiten, der andere fühlt sich beleidigt und will das nicht auf sich sitzen lassen. Die einen sagen, das sei doch nur Spaß gewesen, die anderen finden, bei solchen Gemeinheiten sei wirklich Schluss mit lustig: Was gerade mit dem deutschen Fernsehmoderator Jan Böhmermann und türkischen Staatspräsidenten Erdogan passiert, erleben wir in ganz ähnlicher Weise jeden Tag auf dem Pausenhof. Nur dass sich darüber dann nicht alle aufregen und Anwälte und Politiker nur sehr selten damit zu tun bekommen.

          Jan Böhmermann hat im Fernsehen eine ganze Reihe echter Gemeinheiten über Erdogan gesagt. Vorher hat er sich noch einmal erklären lassen, was eine Schmähkritik ist: "Wenn du einfach so untenrum argumentierst", hat sein Stichwortgeber erklärt, das könne bestraft werden. Und dann hat Böhmermann sein Gedicht vorgetragen, als Beispiel für eine solche verbotene Schmähkritik, voller übelster Beleidigungen. Wenn etwas "einfach so untenrum argumentiert" ist, dann das. Jetzt sagen die einen: Es war doch nur ein Beispiel dafür, was man nicht machen darf - kapiert ihr das denn nicht? Die anderen antworten: Schon klar, aber das sei doch nur ein ganz billiger Trick, um es eben doch zu sagen. Als würde man auf dem Schulhof nicht sagen: Deine Mutter stinkt. Sondern: Man darf natürlich nicht sagen, dass deine Mutter stinkt. Das tut dem, der es gesagt bekommt, vielleicht fast genau so weh.

          Provokation und Aufregung vor Publikum

          Gerade wichtige Leute, die Sachen machen, die gar nicht allen gefallen können, müssen bei uns damit leben, dass sie auch mal lächerlich gemacht oder unter der Gürtellinie angegriffen werden. Immer wieder werden beim Rosenmontagszug in Mainz Witzfiguren von Politikern mit nacktem Hintern gezeigt, und immer wieder zeigen Demonstranten in anderen Ländern Bilder deutscher Politiker, denen sie ein Hitler-Bärtchen aufgemalt haben, wenn sie das Gefühl haben, von Deutschland ungerecht behandelt zu werden. Die meisten unserer Politiker sagen dazu: gar nichts. Um der Provokation nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu bescheren.

          Der türkische Präsident, der sich auch vorher schon über Sachen im deutschen Fernsehen aufgeregt hat, ist jetzt richtig sauer. Unabhängig davon, wie leicht Erdogan in Wut gerät: In seinem Land fällt unangenehm auf, wer sich nicht wehrt, wenn er beleidigt wird. Das kann man doch nicht auf sich sitzen lassen, heißt es dann. Während bei uns eher Leute belächelt werden, die sich leicht provozieren lassen. Sie springen wohl auf jeden Arm, den man ihnen hinhält, sagt man dann.

          Es geht also nicht nur darum, wie sich derjenige, der beleidigt worden ist, selbst fühlt: ob er sich aufregt oder cool bleibt. Sondern es geht auch darum, was die anderen, die das mitbekommen, davon halten. Vielleicht hat Böhmermann den türkischen Präsidenten vorführen wollen: Alle sollen sehen können, wie maßlos der sich über etwas aufregt, von dem ja angeblich alle wissen, dass man das nicht darf. Und sie sollen sehen können, wer sich dann auf welche Seite schlägt und so. Vielleicht will aber auch Erdogan seinen Landsleuten – dazu denen, die in Deutschland leben, aber Wurzeln in der Türkei haben – bei der Gelegenheit zeigen, wie schlecht er und mit ihm alle Türken hierzulande behandelt werden. Um seinen Gegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen: Der Präsident wird nämlich bei uns nicht nur gelegentlich belächelt oder beleidigt, sondern auch kritisiert – weil er Journalisten verfolgt, die Sachen herausgefunden haben wollen, die ihm nicht passen, weil er gegen das Volk der Kurden kämpft, das zum Teil in der Türkei lebt, oder weil er einen Palast für ihn in ein Naturschutzgebiet hat bauen lassen.

          Niemand soll Angst haben müssen

          Und jetzt? Ist die Angelegenheit ein Fall für Anwälte und Richter. Es ist in Deutschland Gesetz, dass niemand beleidigt werden darf. Wer sich beleidigt fühlt, der kann Anzeige erstatten und verlangen, dass derjenige verfolgt wird, der ihn beleidigt hat. Dann gibt es noch ein Gesetz, dass speziell die Beleidigung von Vertretern ausländischer Staaten verbietet. Ob sich damit dann wirklich ein Gericht befasst, muss die Bundesregierung entscheiden. Auf der anderen Seite gibt es die Meinungsfreiheit: Niemand soll Angst haben müssen, für das bestraft zu werden, was ihm wichtig ist. Und die Pressefreiheit, nach der niemand, auch nicht die Regierungen, entscheiden darf, was in die Zeitung, ins Fernsehen oder ins Internet kommt und was eben nicht. Erdogan hat als Privatmann einen Anwalt beauftragt, für ihn Anzeige gegen Böhmermann zu erstatten. Und weil er türkischer Präsident ist, also Vertreter eines ausländischen Staats, hat erst die Bundesregierung entscheiden müssen, ob sie die Strafverfolgung zulassen will. Dass sie jetzt zugestimmt hat, bedeutet keine Bewertung oder gar Verurteilung, sondern schlicht, dass sie die Sache den Gerichten überlässt.

          Klar ist: Man darf nicht alles sagen, was man will, ob Beleidigung oder Drohung, und nachher (oder auch schon vorher) einfach behaupten, das sei doch nur Spaß gewesen. Das gilt für den Schulhof wie für das Geschäftsleben oder die Medien. Aber man sollte auch nicht jede Provokation ernst nehmen. Und vor allem sollte niemand Angst haben müssen um seine Familie und sich selbst, auch wenn er noch so unverschämt war oder frech. Dass es Gesetze und Vorschriften bei Beleidigungen gibt, schützt ja nicht nur die vermeintlichen Opfer, sondern auch die, von denen sie sich beleidigt fühlen – davor, dass ihnen selbst Gewalt angetan wird.

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