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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Was es heißt, neu zu sein

Erster Schultag: Neue Umgebung, neue Menschen und eine Riesenangst. Bild: dpa

Ob in der neuen Schule oder Klasse, im Sportverein oder im Job: Die meisten Menschen tun sich schwer damit, neu in eine Gruppe zu kommen. Warum das so ist und warum diese Angst ganz natürlich ist.

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          „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, dieser Satz stammt von dem Schriftsteller und Dichter Hermann Hesse. Der Satz macht deutlich, jeder Neubeginn hat etwas Spannendes, etwas Unvorhersehbares und damit auch etwas Beängstigendes.

          Lucia Schmidt
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wer kennt dieses Gefühl nicht, jetzt, wo vielerorts die Schule wieder beginnt, für manche Erstklässler gar zum ersten Mal. Jetzt, wenn nach den Sommerferien die neue Fußballmannschaft der E-Jugend zusammengestellt wird oder neue Kollegen plötzlich im Lehrerzimmer warten. Immer wenn wir auf eine Gruppe Menschen treffen, die wir noch nicht kennen oder in eine Situation geraten, die wir so vorher noch nicht erlebt haben, ruft das meist Unsicherheit und Unwohlsein hervor.

          Manche Menschen beginnen in solchen Momenten zu schwitzen, andere spüren ein Grummeln im Bauch oder atmen besonders schnell. Diese Reaktionen des Körpers passieren unabhängig davon, ob wir uns auf die neue Lebenssituation und die fremden Menschen freuen oder eher keine Lust oder gar Bammel davor haben. Warum ist das eigentlich so?

          Menschliche Urinstinkte

          Psychologen können erst einmal beruhigen, denn sie erklären: Dieses Verhalten ist ganz natürlich. Genau genommen, ist uns Menschen dieses Verhalten sogar in die Wiege gelegt. Die Angst vor Unbekanntem hat nämlich ihren Sinn. Das hat die Natur so vorgesehen. Eine gewisse Anspannung macht uns etwa aufmerksamer und leistungsstärker. Das Gefühl von Angst hilft uns, uns selbst zu erhalten, so drücken es zumindest die Experten aus.

          Das soll heißen: Vor vielen Jahrtausenden als die Menschen auch in unseren Breiten noch viel enger mit wilden Tieren oder bewaffneten Feinden zusammengelebt haben, war es wichtig, dass sie mit einer gewissen Furcht und Aufmerksamkeit fremde Wälder durchstreiften oder andere Ortschaften erkundeten. Die Angst vor dem Neuen ließ sie vorsichtig sein und im schlimmsten Fall schnell flüchten.

          Heute müssen wir zumindest in Deutschland normalerweise nicht mehr so häufig vor wilden Tieren flüchten, aber die Situation, sich vor einer neuen Klasse oder einer anderen fremden Gruppe präsentieren zu müssen, ruft dieselben Reaktionen in unserem Organismus hervor. Es sind Urinstinkte.

          Vorbereitung zum Sprinten

          Wir wollen zwar dann heute nicht mehr unbedingt möglichst schnell wegrennen (wobei auch dieses Gefühl mal aufkommen kann), sondern wir wollen ein gutes Bild von uns abgeben, die beste Leistung bringen, uns nicht blamieren, schnell Kontakte knüpfen oder Freunde finden. Wenn wir nicht wenigstens ein bisschen angespannt wären, sondern uns alles egal wäre, würden wir vielleicht die Situation nicht so gut meistern, vermuten Psychologen.

          Für die körperlichen und psychischen Reaktionen, die in unserem Körper bei neuen und veränderten Situationen hervorgerufen werden, ist das sogenannte sympathische Nervensystem zuständig. Es ist dafür da, den Organismus auf körperliche und geistige Leistungen vorzubereiten.

          Dafür schüttet es Stresshormone aus, die dafür sorgen, dass das Herz schneller schlägt, die Atemwege sich erweitern und die Muskeln angespannt sind. Alles Dinge, die wir brauchen, um schnell und aufmerksamer reagieren zu können – früher auch, um schneller wegsprinten zu können.   

          Die Klugheit der Natur

          Lampenfieber zählt übrigens auch zu diesen Stressreaktionen des Körpers vor öffentlichen Auftritten. Es gibt auch Menschen, die leiden unter der Angst vor neuen Situationen und Menschengruppen so sehr, dass sie diese meiden und im schlimmsten Fall gar nicht mehr das Haus verlassen. Mediziner sprechen dann von einer sozialen Phobie. Wenn die Angst so schlimm ist, sollten Betroffene Hilfe bei einem Arzt oder Psychotherapeuten suchen.

          Aber in den allermeisten Fällen sind Angst und Aufregung vor Neuem und neuen Gruppen eben offensichtlich ganz normal. Man kann darüber also ruhig auch mal sprechen mit Freunden, Eltern und Geschwistern. Das kann erstens guttun, zweitens merkt man, dass es anderen auch so geht und drittens helfen sie einem vielleicht, mit diesem Unwohlsein besser umzugehen.

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          Gemeinsam kann man etwa üben, auf andere zuzugehen oder sich Themen für ein Gespräch zu überlegen. Denn zumindest in einem bestimmten Rahmen kann man den Umgang mit fremden Umständen und Menschen trainieren, um in unbekannte Situationen mit mehr Sicherheit zu starten.

          Denn wie heißt ein anderer allseits bekannter Satz: „Übung macht den Meister“. Aber gänzlich verschwinden wird die Angst und Nervosität vor fremden Gruppen oder Situationen nie. Und das hat die Natur auch klug so eingerichtet.

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