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Erziehungsstile : Bei Papa darf ich das aber!

Kind vor dem Fernseher: Mama sagt Ja, Papa sagt Nein. Bild: dpa

Süßes vor dem Abendbrot? Streng geregelte Zeiten vor der Glotze? Bei der Erziehung ihrer Kinder sind Eltern häufig uneins. Das kann zu Konflikten führen – und schlimmstenfalls zu einer handfesten Krise.

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          Wenn ihre zwei und vier Jahre alten Söhne sich morgens anziehen, legt Julia Kramer jedem von ihnen sechs Hosen raus, zur Auswahl. Wenn ihnen keine davon gefällt, auch noch mehr. Ihr Mann Florian sagt dann: „Es gibt doch Kriterien wie zum Beispiel das Wetter, von denen die Auswahl abhängt.“

          Katrin Hummel
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und sofort ist der Konflikt da. Julia Kramer denkt dann, ihr Mann unterstelle ihr, dass sie komplett antiautoritär sei, und Florian Kramer verteidigt sich, „und dann gehe ich oft mit dem Gefühl zur Arbeit, dass wir uns gerade als Personen gegenseitig komplett in Frage gestellt haben“, erzählt Florian Kramer, der wie alle Eltern in diesem Text eigentlich anders heißt.

          Auch Andrea Esser, Mutter zweier Töchter von vier und fünf Jahren, hat mit ihrem Mann oft Ärger wegen der Erziehung. Zum Beispiel haben die beiden unterschiedliche Ansichten über Abendrituale. Andrea Esser findet, dass die Kinder ein Anrecht auf eine Gutenachtgeschichte und ein Gespräch haben. „Ich will sie nicht verhätscheln, aber sie sollen behütet und in Sicherheit aufwachsen“, sagt sie.

          Ohne Ritual ins Bett

          Ihr Mann Roland hingegen schickt die Kinder einfach ohne Ritual ins Bett, „weil er zu bequem ist, von seinem Fernsehsessel aufzustehen“, schimpft sie. Er hingegen meint: „Die kommen schon klar, sie müssen doch auch unterschiedliche Verhaltensweisen bei uns Eltern kennenlernen.“

          Gegen unterschiedliches Verhalten von Vater und Mutter ist in der Tat nichts einzuwenden. Problematisch wird es dann, wenn die Eltern unterschiedliche Erziehungsstile haben. In der Pädagogik verbreitet ist eine Einteilung in vier verschiedene: den vernachlässigenden, den autoritären, den permissiven und den autoritativen Stil, bei dem die Eltern den Kindern klare Grenzen setzen, ihnen aber gleichzeitig auf Augenhöhe erklären, warum sie das tun. Der autoritäre Erziehungsstil hingegen setzt strenge Grenzen, ohne zu erklären, warum, und wirkt dadurch von oben aufgedrückt.

          Gar keine oder zu wenige Grenzen setzt der permissive Erziehungsstil. „Prinzipiell braucht man für eine gelungene Erziehung Wärme, Zuneigung und Liebe auf der einen Seite und Kontrolle und Strenge auf der anderen“, sagt Alexandra Langmeyer, Leiterin der Fachgruppe „Lebenslagen und Lebenswelten von Kindern“ am Deutschen Jugendinstitut in München. Der autoritative Erziehungsstil verbinde beides in idealer Weise: Er wird daher auch „Freiheit in Grenzen“ genannt.

          Keine Erziehung sondern Faulheit

          Gerade darum aber ranken sich bei Julia und Florian Kramer die Konflikte. Die Mutter erlaubt den Kindern in den Augen des Vaters fast alles, der Vater ihnen in den Augen der Mutter zu wenig. Beispiel Süßigkeitenkonsum, Beispiel Fernsehzeiten, Beispiel Fernsehinhalte. Die Kinder der Kramers besuchen einen zweisprachigen Kindergarten.

          Deswegen haben die Kramers gemeinsam beschlossen, dass ihre Kinder abends nicht deutsches Fernsehen, sondern französische Kindersendungen auf Youtube gucken sollen. „Aber wenn ich dann von der Arbeit komme, hocken sie doch vor der deutschen Glotze. Wenn ich dann frage, warum, sagt meine Frau: ,Die Kinder wollten es so‘“, erzählt Florian Kramer. In seinen Augen ist das kein Erziehungskonzept, „sondern Faulheit“.

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