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Videoportal „YouNow“ : Zeig doch mal deine Beine

  • -Aktualisiert am

Screenshot von YouNow. Die meisten Zuschauer bleiben anonym. Bild: Screenshot http://www.younow.com

Film dich und zeig das live im Internet! So lockt die Seite „YouNow“. Jugendliche lieben es. In Deutschland machen Tausende mit. Was passiert da? Protokoll einer Stunde mit Jasmina, 14.

          Es ist Freitagnachmittag. Jasmina, 14, wahrscheinlich das hübscheste Mädchen der Klasse, jedenfalls sehr hübsch, sitzt zu Hause auf dem Bett und stellt die Webcam an. Jasminas Bild läuft jetzt live im Internet, auf der Seite YouNow. 149 Leute schauen zu. Sie können Jasmina Sachen fragen oder sie zu etwas auffordern, indem sie in ein kleines Chatfenster schreiben. Jasmina antwortet vor der Kamera oder macht irgendwas. Sie ist kein Star auf YouNow, nur ein Mädchen von vielen. Was passiert in einer Stunde mit ihr?

          Jasmina sitzt fast regungslos da. Man sieht nur ihre obere Hälfte: die langen, dunklen Haare hat sie hochgesteckt, die Augen hinter der zu großen Brille schwarz geschminkt, riesige Ohrringe angelegt. Der graue Pulli ist ihr ein bisschen von der Schulter gerutscht. Jasmina hat schmale, eckige Kinderschultern. Sie liest laut die Chatnachrichten ihrer Zuschauer vor, gerade schreibt einer: „Hab jetzt bei einigen geschaut, aber du bist die Hübscheste.“ Jasmina lächelt ganz kurz und sagt: „Danke“. Ein anderer schreibt: „Wie alt?“ Jasmina lächelt überhaupt nicht und sagt: „14.“ Dann schreibt einer: „Lächel mal.“ Jasmina liest vor, als spräche sie mit sich selbst: „Lächel mal“. Sie lächelt nicht.

          Wenn sie vom Mobbing spricht, zittert ihre Stimme vor Wut

          Jasmina geht es ganz offensichtlich schlecht. Die Leute merken das. Derselbe, der eben ein Lächeln wollte und dass Jasmina ihre Brille abnimmt, fragt jetzt, ob das Internet einsam mache. „Ja“, sagt Jasmina, dann schweigt sie erst mal. Warum sie dann nicht dahin gehe, wo das echte Leben stattfinde? „Ich treff’ mich nicht mit Freunden, das finde ich komisch, ich bin viel zu Hause.“ Ein Zuschauer schreibt: „Mach mal bitte wieder deine Haare auf!“ Jasmina liest es vor und sagt leise nein. Sie rutscht ein bisschen auf dem Bett hin und her, dabei kommen für einen Moment ihre Beine ins Bild. Jasmina trägt einen kurzen Rock und dunkle Strümpfe, die ihr bis übers Knie reichen. Die Leute schreiben: „Kniestrümpfe? Zeig mal please.“ Und: „Zeig mal deine Beine.“ Und: „Super, und nu runter mit dem Fummel.“ Jasmina liest das alles vor und sagt nichts dazu. Aber sie erzählt auf einmal etwas anderes. Es ist das erste Mal in dieser Stunde, dass sie mehrere Sätze am Stück spricht.

          Jasmina sagt, dass sie als Kind gemobbt wurde. Darum sei ihr Selbstbewusstsein bis heute nicht sehr groß. „Die haben gedacht, ich bin schüchtern, weil ich immer alleine auf der Bank saß. Und weil ich hässlich war. Und weil ich gerne Röcke angezogen hab. Und weil meine Hände groß sind.“ Ein Zuschauer schreibt: „Du und hässlich?“ Jasmina spricht weiter, ihr Gesicht ist jetzt ganz finster, und ihre Stimme zittert vor Wut. Es ist keine böse Wut, eher eine Fassungslosigkeit, wie sie Kinder haben, wenn etwas unerklärlich Schreckliches passiert. „Wegen dummen, unnötigen Sachen wird man gemobbt. Die sind eifersüchtig und versuchen cool zu sein oder so was. Ich wurde gemobbt, weil ich groß bin, aber es gab noch viel größere in meiner Klasse, und die wurden nicht gemobbt.“ Jasmina beugt sich nach vorn, um zu lesen, was die Zuschauer schreiben. „Ignoriere sie, du bist das Beste, die sind nur neidisch.“ Herzchen. Herzchen. Jasmina sagt: „Danke.“

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