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Familie und Trennung : „Wir telefonieren jeden Tag“

Für viele ist es noch immer gewöhnungsbedürftig, wenn die Kinder nach der Trennung beim Vater bleiben. In den seltensten Fällen verlässt die Mutter ihre Kinder. Bild: dpa

Eine Mutter lebt das Leben vieler geschiedener Väter: Tina hat ihre Kinder nur am Wochenende bei sich. Ein Gespräch über Vermissen, Anfeindungen und gleiche Rechte.

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          Tina, als „normal“ gilt es in unserer Gesellschaft noch immer, dass Kinder nach einer Trennung bei der Mutter bleiben. Wie kamen Sie zur gegenteiligen Entscheidung?

          Julia Bähr

          Audience Managerin bei FAZ.NET.

          Anfangs bin ich auch wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass die Kinder bei mir wohnen werden. Ich suchte eine Wohnung, die groß genug für uns drei war. Dann sagte mein Mann: „Und was, wenn ich möchte, dass sie bei mir leben?“

          Kam das überraschend für Sie?

          Jein. Ich dachte mir schon, dass er sich nicht mit jedem zweiten Wochenende zufriedengeben würde. Dass er das dann allerdings in dieser Konsequenz auf die Beine stellen würde, hat mich dann schon überrascht. Positiv.

          War es beruflich für ihn unkompliziert möglich?

          Ja. Er arbeitet jetzt in einem reduzierten Umfang, wie ich es früher getan habe. Die neue Situation hat seinen Fokus verändert: Er ist nicht mehr der Vollzeit berufstätige Familienernährer, sondern in erster Linie Vater, der sehr vieles möglich machen muss. Und wenn alle Stricke reißen, hat er die Großeltern in der Nähe.

          Gab es neben der Nähe zu den Großeltern weitere praktische Argumente für diese Variante?

          Ich bin nach der Trennung in die nächste größere Stadt gezogen, zurück zu meinem gefühlten Lebensmittelpunkt. Es hätte mich sehr geschmerzt, die Große so kurz vor ihrer Einschulung aus ihrer gewohnten Umgebung zu reißen. Sie hätte das geschafft, keine Frage. Aber es wäre ein harter Schnitt gewesen. So kommt sie in die Schule und kennt die Kinder; ich denke, das macht es wesentlich komfortabler für sie.

          Wie wäre es mit einem 50/50-Modell gewesen?

          Das kam für uns beide nicht in Frage, darüber haben wir nicht einmal gesprochen. Ich finde es wichtig, dass die Kinder einen Lebensmittelpunkt haben, um den sich alles dreht.

          Waren Sie gleich mit dem Vorschlag ihres Mannes einverstanden?

          Ich denke, wir haben dieselben Rechte, dieselbe Elternschaft. Deshalb konnte ich ohne Widerstand bejahen, darüber zu reden, es in Betracht zu ziehen und schlussendlich auch so zu entscheiden. Nichtsdestotrotz war es hart. Nach dem Gespräch und dem darauffolgenden Abendessen musste ich mehrfach hinausgehen, weil mir immer wieder die Tränen kamen, wenn ich die Mädels ansah.

          Ihren vollen Namen will Tina lieber nicht in der Zeitung lesen.
          Ihren vollen Namen will Tina lieber nicht in der Zeitung lesen. : Bild: privat

          Wie hat Ihr Umfeld auf diese ungewöhnliche Konstellation reagiert?

          Eine gute Freundin hat sehr intensiv über meine Situation nachgedacht und dann vorsichtig angefragt, ob sie ihre Bedenken mit mir teilen darf. Sie hatte Angst, dass ich die Kinder verliere, falls mein Mann und ich uns mal nicht mehr so einig wären. Und sie befürchtete, ich würde in dieser emotional belasteten Situation eine falsche Entscheidung treffen, und wollte mich schützen. Sie hat nicht verurteilt, war sensibel und sprach mit mir auf Augenhöhe. Das habe ich sehr geschätzt. Das gab es durchaus auch anders.

          Mit welchen Argumenten?

          Am wichtigsten war, was andere denken könnten. Es hieß: „Warum machst du das, wo du doch weißt, dass die Gesellschaft dagegen ist?“

          Hat jemand versucht, Sie nach der Entscheidung zu bekehren?

          Ein Bekannter erklärte mir, ich würde karmische Gesetze verletzen: Kinder gehörten zur Mutter, deshalb müsste ich entweder meine Ehe wieder in Ordnung bringen oder die Kinder zurückholen.

          Wie haben Sie auf solche Äußerungen reagiert?

          Ich habe mir das angehört und im Grunde gar nicht reagiert. Er hat seine Meinung geäußert, vielleicht eine ungewöhnliche Meinung, aber er hat mich nicht persönlich angegriffen oder herabgesetzt. Diese Art von Konfrontation kenne ich auch - und da reagiere ich dann schon, beende diese Art von „Gespräch“ und grenze mich ab.

          Was machen Sie denn jetzt mit all der kinderfreien Zeit?

          Ich bin noch dabei, mich in meinem neuen Leben einzurichten. Direkt nach der Trennung habe ich mich ein paar Tage in meiner neuen Wohnung vergraben und tagelang DVDs geschaut. Ich mache wieder Sport und habe auf zweiunddreißig Wochenarbeitsstunden aufgestockt. Dadurch konnte ich neue Projekte übernehmen, das macht mir viel Freude und füllt mich aus.

          Wie oft sehen Sie Ihre Töchter im Monat?

          Zweimal die Woche hole ich sie vom Kindergarten ab. Jedes zweite Wochenende übernachten sie bei mir, das heißt, zwei- bis viermal die Woche sehen wir uns. Aber wir telefonieren jeden Tag.

          Wie fühlt es sich an, seine Kinder so selten zu sehen?

          „So selten“ empfinde ich als wertend, und das ist ein Punkt, den ich im Gespräch mit Freunden gleich aufgreifen würde. Es mag sich überempfindlich anhören, aber es sind diese kleinen Details, die es ausmachen zwischen neutraler und bewertender Frage. Ich sehe meine Töchter seltener, ja. Aber im Vergleich zu dem üblichen Jedes-zweite-Wochenende-Modell habe ich einen guten Kontakt zu ihnen und sehe sie überdurchschnittlich oft. Nichtsdestotrotz: Es gibt Tage, die sind leicht, und da ist es in Ordnung, so wie es ist. Und es gibt Tage, die fühlen sich einfach falsch und schwer an. Ob diese Tage weniger werden? Ich weiß es nicht.

          Wie haben Sie den Kindern Ihre Entscheidung erklärt?

          Ich habe sie vom Kindergarten abgeholt und da schon angedeutet, dass ich mit ihnen reden muss. Wir haben Gebäck gekauft, und ich habe ihnen Kakao gemacht. Ihnen war wohl klar, dass es was Wichtiges sein muss, denn sie waren sehr aufmerksam. Wir waren ein paar Wochen zuvor auf einer Hochzeit, und ich habe der Großen erklärt, dass man heiratet, wenn man für immer zusammenbleiben möchte. Daraufhin fragte sie, ob wir Eltern auch für immer zusammenbleiben wollten. Daran konnte ich anknüpfen. Ich erklärte, dass wir uns als Paar trennen, aber als Mama und Papa immer zusammenbleiben und immer für sie da sein werden.

          Wie haben die beiden Mädchen reagiert?

          Sachlich bis gar nicht. Die Große hat mit ihren fast sechs Jahren schon sehr gut verstanden und viele organisatorische Fragen gestellt: „Wo wohnst du denn dann? Da musst du ja viele neue Sachen kaufen!“ Meine Kleine hat gar nicht reagiert; ich glaube, in ihrem Alter hat sie nicht begreifen können, was das wirklich für sie heißt. Das große Verstehen kam dann erst eine Woche vor meinem Auszug. Da fing die Große unmittelbar im Auto an zu weinen und sagte, sie möchte nicht, dass ich ausziehe, und dass sie sich das irgendwie anders vorgestellt hätte.

          Sie machen das nun schon einige Zeit. Wie lebt es sich mit diesem Modell?

          Nachdem die erste Zeit nach dem Auszug sehr von organisatorischen Dingen geprägt war, ging es. Ich war sehr damit beschäftigt, in meinem neuen Leben anzukommen. Die Situation war okay, ich kam gut klar. Offensichtlich ein Verdrängungsmechanismus, denn ein paar Wochen später saß ich im Büro, und mich traf das Vermissen schlagartig. In solchen Momenten muss ich häufig an die Väter denken. Meistens ziehen sie ja aus und leben fortan allein. Ich unterstelle einfach mal, dass Väter denselben Trennungsschmerz empfinden, wie ich es tue. Ich möchte nicht alle in einen Topf werfen, aber ich bin mir sicher, es gibt Väter, die sehr darunter leiden, ihre Kinder nun nur noch jedes zweite Wochenende zu sehen oder sehen zu dürfen, und das durchaus nicht als Privileg empfinden, wie es ihnen vielleicht unterstellt wird. Jede Medaille hat eben zwei Seiten.

          Wollen Sie das Modell auch in Zukunft beibehalten?

          Das jetzige Modell ist für mich nicht in Stein gemeißelt. Jetzt konnten die Kinder nicht mitentscheiden, diese Entscheidung trafen wir als Eltern. Sie sind noch zu klein, um sich zwischen Mama oder Papa zu entscheiden, ohne in einen großen Loyalitätskonflikt zu geraten. Aber wenn sie älter sind und es anders haben wollen, kann ich mir schon vorstellen, dass wir noch mal nachdenken. Vielleicht wird es einmal interessant, wenn sie in die weiterführenden Schulen kommen.

          Kind, Mann, Frau

          Kinder gehören zur Mutter - das ist auch heute bei vielen Menschen noch wie ein unumstößliches Gesetz im Kopf verankert. Auch wenn nach 96 Prozent aller Scheidungen des Jahres 2013 sich beide Elternteile das Sorgerecht für die minderjährigen gemeinsamen Kinder teilten, kümmern sich doch meistens die Frauen um den Nachwuchs: Lediglich 7,9 Prozent der 1,3 Millionen Alleinerziehenden sind Männer. Damit liegt der Prozentsatz der Wochenendmütter weit unter zehn Prozent, und im Gegensatz zu den alleinerziehenden Vätern erhalten sie für ihren Exotenstatus wenig Anerkennung. Im Gegenteil stoßen Frauen, die die Erziehung den Vätern überlassen, auf mehr Unverständnis als Männer, die ihre Kinder von der Mutter großziehen lassen - sogar dann, wenn sie gar nicht getrennt oder geschieden sind. Die Bundestagsabgeordnete Simone Peter etwa gab der Zeitschrift „Bunte“ im Februar ein Interview, in dem sie erzählte, Mann und Kind seien im Saarland geblieben, obwohl sie in Berlin arbeitet. Samstags oder sonntags sehe sie ihren achtjährigen Sohn. „Sechs Tage Karriere, ein Tag für das Kind“, titelte die Zeitschrift anschließend. Die Grünen-Politikerin kritisierte daraufhin, dass dieses Modell bei ihr als Frau problematisiert würde, während es bei einem männlichen Kollegen nicht einmal einer Erwähnung wert gewesen wäre.

           

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