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Debatte um Unterrichtsbeginn : Lasst sie doch noch etwas schlafen

  • -Aktualisiert am

Nicht nur der Schlaf der Vernunft, sondern auch Schlafmangel gebiert Ungeheuer, oft in Gestalt schlechter Noten. Bild: ddp Images

Schlafmangel wirkt sich massiv auf Gesundheit und Lernfähigkeit von Jugendlichen aus. Das belegen neue Studien. Der Unterrichtsbeginn in Mittel- und Oberstufe sollte endlich den biologischen Rhythmen angepasst werden.

          Im Januar 2006 machte der damalige Ministerpräsident Günther Oettinger, heute EU-Kommissar für die Digitalwirtschaft, Schlagzeilen. Die Schule solle eine halbe oder ganze Stunde später beginnen, forderte er – und erntete weitgehend Unverständnis und Spott. Nur eine Gruppe von Wissenschaftlern hörte ihm wirklich zu: Schlafforscher und Chronobiologen, also Menschen, die erkunden, wie wichtig Schlaf ist, und sich mit biologischen Rhythmen wie dem Schlaf-Wach-Zyklus beschäftigen.

          Diese Experten kannten schon damals zuverlässige Daten, die nahelegten, dass zumindest ältere Schüler, die um 8 Uhr oder früher in der Schule sein müssen, biologisch gesehen, mitten in der Nacht unterrichtet werden. Seitdem ist die Studienlage immer eindeutiger geworden. „Es besteht kaum noch ein Zweifel, dass sich die Gesundheit, Lernfähigkeit und Leistung der allermeisten Schüler schlagartig verbessern würden, ließe man sie morgens länger schlafen“, sagt Thomas Kantermann, Chronobiologe an der Universität von Groningen. Mit Kollegen hat Kantermann jetzt eine besonders große, aussagekräftige Studie zum Thema im „Journal of Biological Rhythms“ vorgelegt. Die Forscher baten 741 niederländische Schüler im Alter von elf bis achtzehn Jahren, den Münchner Chronotyp-Fragebogen aus der Arbeitsgruppe von Till Roenneberg auszufüllen. So wusste man genau, ob die Schüler aufgrund ihrer angeborenen biologischen Rhythmik eher in Richtung Frühaufsteher (Lerchen) oder Spätzubettgeher (Eulen) tendieren, wie viel Schlaf sie benötigen und wie viel sie tatsächlich bekommen.

          Wie nicht anders zu erwarten, passte selbst der vergleichsweise moderate Schulbeginn um 8:15 Uhr nicht zu dem biologisch vorgegebenen Schlaf-Wach-Zyklus der allermeisten Schüler. Im Durchschnitt schliefen diese ohne äußeren Zwang ungefähr von Mitternacht bis 9Uhr, sagt Kantermann, wobei die älteren Schüler „sogar noch deutlich später ticken“. In der Realität werden die Jugendlichen an Schultagen also in einen nach vorne verlagerten Schlafrhythmus genötigt. Dieser entspricht indes nicht den angeborenen physiologischen Vorgaben ihrer inneren Uhr. „Zwingt man die Schüler, noch früher schlafen zu gehen, bringt das gar nichts“, sagt Kantermann, „sie schlafen dann einfach noch nicht ein.“

          „Eulen“ leiden am meisten unter Schlafmangel

          Anstatt des eigentlich benötigten Schlafpensums durchschnittlicher Jugendlicher von neun Stunden brachten es die Teilnehmer der Studie im Mittel deshalb nur auf sieben Stunden und fünfzig Minuten. Und das an fünf Tagen in der Woche. Unzählige Fachpublikationen aus den vergangenen fünfzehn Jahren belegen jedoch, wie wichtig ausreichender Schlaf gerade für die Gesundheit und Lernfähigkeit von Heranwachsenden ist. So verfestigt das schlafende Gehirn die tags zuvor aufgenommenen Informationen. Und chronischer Schlafmangel beeinträchtigt praktisch alle geistigen Parameter, vor allem Reaktions- und Konzentrationsfähigkeit. Es gibt auch Hinweise, dass permanente Unausgeschlafenheit und ein Leben im falschen Rhythmus das Risiko für das Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) erhöhen.

          Jede Minute zusätzlicher Schlaf am Morgen sei für die Schüler kostbar, so Kantermann. Die Chronobiologen werteten auch die Resultate von Klassenarbeiten der befragten Schüler aus. Insgesamt kamen 4734 Noten in die Statistik. Verglichen wurden die Leistungen der eher eulenhaften Hälfte mit jenen der lerchenhafteren Schüler. Dabei zeigte sich, dass die Spätzubettgeher umso schlechter abschnitten, je früher am Morgen die Klausuren geschrieben wurden. Erst bei Klausurterminen um die Mittagszeit hatte der Chronotyp eines Schülers keinen Einfluss mehr auf das Ergebnis. Besonders ungerecht geht das System übrigens mit jenen Schülern um, die nur sieben Stunden oder weniger pro Nacht oder besonders spät schlafen, wobei sich diese Faktoren gegenseitig natürlich bedingen. Der Heidelberger Pädagogik-Professor Christoph Randler hat schon vor fast zehn Jahren an 132 Studenten gezeigt: Je eulenhafter die Studenten, desto schlechter war ihr Abitur gewesen. Seine Daten belegten keinesfalls, dass Frühaufsteher intelligenter oder fleißiger seien als Spätzubettgeher, kommentierte Randler. Sie zeigten nur, „dass diese jungen Leute das Glück hatten, in jenen Stunden des Tages herausgefordert zu werden, in denen sie munter waren“.

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