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Debatte um Unterrichtsbeginn : Lasst sie doch noch etwas schlafen

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Auch die Erfahrungen aus so unterschiedlichen Ländern wie Jamaika, Tansania, Chile, Island, Malaysia, Griechenland und Kroatien passen ins Bild. Sie gehören zu jenen Staaten, die wegen eines Mangels an Lehrern oder Schulen zumindest für eine gewisse Zeit ein Zweischichtsystem beim Schulunterricht eingeführt haben. Die eine Hälfte der Schüler wurde oder wird von 8 bis 14Uhr unterrichtet, die andere von 14 bis 20Uhr. Jede Woche wird gewechselt. Warum es die Evolution so eingerichtet hat, dass Menschen mit dem Einsetzen der Pubertät bis ins frühe Erwachsenenalter abends nicht rechtzeitig müde werden und morgens bis in die Puppen schlafen können, ist unklar. Fest steht: Dieses biologische Programm existiert – und es läuft den Anforderungen der Erwachsenenwelt zuwider. Doch warum müssen sich die Schüler an die Gesellschaft anpassen, fragt Kantermann: „Die Gesellschaft könnte doch auch Rücksicht auf die Schüler nehmen. Im eigenen Interesse.“

Pilotprojekte haben Erfolg

Niemand kann es jedenfalls gutheißen, dass derzeit praktisch alle älteren Schüler für ihre inneren Uhren viel zu früh und noch dazu völlig unausgeschlafen aufstehen. Bis zum Schulbeginn werden die wenigsten von ihnen richtig wach, und gerade diejenigen, die biologisch besonders spät ticken, fallen bei ihren Prüfungen höchstwahrscheinlich durch. Denn zusätzlich zum Schlafmangel werden sie auch noch Stunden vor ihrem geistigen Leistungshoch gefordert. Kantermann und Kollegen folgern aus ihren Zahlen, man solle allein schon aus Gerechtigkeitsgründen ernsthaft über einen späteren Schulbeginn nachdenken. Außerdem solle man Klausuren nur noch am frühen Nachmittag ansetzen, um die Diskriminierung der späten Chronotypen zu verhindern und allen Schülern gleiche akademische Möglichkeiten zu eröffnen. Beide Ideen versucht sein Team derzeit an zwei niederländischen Schulen, in denen die Daten gesammelt wurden, umzusetzen. Auch mit Schulen in Bad Kissingen ist Kantermann im Gespräch. Der Kurort hat sich vergangenes Jahr zur „Chronocity“ ernannt. Er möchte vermehrt auf die innere Rhythmik seiner Bevölkerung Rücksicht nehmen.

Sollten die Pilotprojekte Erfolg haben, lassen sich womöglich immer mehr Schulen hierzulande von den Ideen überzeugen. Die St.George’s High School in Middletown, Rhode Island, hat längst auf solche Hinweise reagiert. Sie verschob den Schulbeginn ab Klasse neun für drei Monate von 8Uhr auf halb neun und vermeldete im Jahr 2010 Erfolge: Hatte vorher nur ein Sechstel der 201 untersuchten Teenager mindestens acht Stunden pro Nacht geschlafen, war es nun über die Hälfte. Außerdem erwiesen sich die Schüler als aufmerksamer, sie gingen seltener zum Schularzt und waren weniger trübsinnig. Im Sommer 2014 schloss sich sogar der Verband der amerikanischen Kinderärzte an und verlangte, die Schule dürfe für Kinder im Alter ab zehn Jahren grundsätzlich nicht vor 8:30 Uhr beginnen.

Die Ergebnisse sind eindeutig

Die größten politischen Veränderungen löste bislang eine Schweizer Studie aus. Der Basler Psychologe Sakari Lemola befragte im Jahr 2013 mit Kollegen 2716 Jugendliche nach ihren Schlafgewohnheiten und Schulanfangszeiten. Jene, die weniger als acht Stunden schliefen, zeigten in der Schule schlechtere Leistungen, äußerten eine negativere Lebenseinstellung und litten tagsüber vermehrt unter Müdigkeit.

Das spannendste Ergebnis brachte indes der Blick auf den Schulanfang: 343 Schüler mussten erst um 8 Uhr in der Schule sein, der Rest bereits um 7.40 Uhr. Die zwanzig Minuten machten sich klar bemerkbar: Im Mittel schliefen die Schüler, die später anfangen mussten, pro Nacht eine Viertelstunde länger als die anderen und fühlten sich im Unterricht deutlich wacher und aufmerksamer.

All das zeigt, dass Jugendliche viel Schlaf benötigen. Und es widerlegt das Argument vieler Eltern und Pädagogen, die Schüler würden abends ja nur noch später zu Bett gehen, wenn man sie morgens länger schlafen ließe. Im Kanton Basel-Stadt beginnen nun noch mehr Schulen erst um 8Uhr. Und die Stadt Bern plant ein Pilotprojekt, bei dem Schüler ab der siebten Klasse nicht vor der zweiten Schulstunde unterrichtet werden sollen.

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