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„Gespensterjäger“ im Kino : Schön grün, dieser schleimige Geist

Geisterfahrt: Anke Engelke als Hedwig Kümmelsaft. Milo Parker als Tom und Hugo in einer Szene des Films „Gespensterjäger“. Bild: dpa

Mit „Gespensterjäger“ ist ein frühes Erfolgsbuch von Cornelia Funke fürs Kino verfilmt worden. Eine Riege Stars veredelt das Projekt, doch wirklich gut ist allein die animierte Figur Hugo.

          Eigentlich schreibe ich hier nur über Animationsfilme, aber der wichtigste Teil von „Gespensterjäger“ ist ja animiert: Hugo, ein MUG, wie die auf ihn zutreffende Kategorie lautet, ein Mittelmäßig Unheimliches Gespenst. So kennt man es aus Cornelia Funkes „Gespensterjäger“-Serie, die 1993 begonnen wurde, also noch bevor die Autorin ein großer Star der internationalen Kinderbuchliteratur wurde, aber immerhin im selben Jahr, als auch der erste Band der „Wilden Hühner“ erschien. Vier Bücher hat Cornelia Funke insgesamt über die Gespensterjäger geschrieben, das letzte allerdings schon 2001, so dass wohl kaum noch mit einer weiteren Fortsetzung zu rechnen ist. Es sei denn, die jetzige Verfilmung würde sehr erfolgreich.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das ist nicht unbedingt zu erwarten, obwohl zwei echte Stars entscheidend daran mitwirken: Anke Engelke in der Rolle der Hedwig Kümmelsaft und Bastian Pastewka als Stimme von Hugo, dessen grünglibberige Gestalt recht liebevoll in den Realfilm hinein animiert wurde. Und weil diese beiden Comedy-Größen mitwirken, durfte auch Tobi Baumann Regie führen, der sich dafür vor allem dadurch qualifiziert hat, dass er an den Fernsehserien „Ladykracher“ (mit Engelke) und „Pastewka“ (mit, nun ja, Pastewka) beteiligt war.

          Ein Schreckmoment fürs kindliche Publikum

          Handwerklich macht Baumann nichts falsch, aber auch nichts besonders gut. Das muss aber auch gar nicht sein, denn Funkes Vorlage liefert genug Spektakuläres. Vor allem natürlich das Trio der titelgebenden Gespensterjäger, zu denen mit Hugo eben auch ein Geist gehört. Dritter im Bunde neben ihm und Hedwig Kümmelsaft ist der elfjährige Tom Tomsky, den hier mit Milo Parker ein Kinderdarsteller spielt, der die Ängstlichkeit dieser Figur sehr schön auf die Leinwand bringt. Ansonsten wurde gegenüber dem ersten Band der „Gespensterjäger“, der weitgehend die Vorlage für den Film abgibt, doch einiges verändert; vor allem wurde aus dem UEG (Unglaublich Ekelhaftes Gespenst) des Buchs ein UEG des Films, dessen Akronym sich nunmehr als Urzeitliches Eisgespenst entpuppt.

          Damit ist prompt die ganze Welt von Vereisung bedroht, und dass Hugo sich von dieser Monstrosität aus dem angestammten Spukhaus jagen lässt, versteht man gleich viel besser, denn mit dem UEG des Films ist noch weniger zu spaßen als mit dem des Buchs. Deshalb wird es am Ende auch vernichtet statt verkleinert, und all die tief verängstigten Kinder im Publikum, die zuvor die eisige Schreckgestalt erdulden mussten, dürften dann einigermaßen beruhigt sein. Wobei es harter Tobak bleibt, wie das UEG Frau Kümmelsaft verschlingt.

          Vater Tomskys Déjà-Vu

          Gleichfalls neu ist das Centrale Gespensterbekämpfungsinstitut, das nicht nur eine spannungsfördernde Konkurrenz zum Dreierteam der Gespensterjäger darstellt, sondern dessen unvermeidliche Abkürzung – CGI – auch eine augenzwinkernde Hommage an jenes technische Verfahren ist, mit dem in der Branche die Errungenschaft bezeichnet, die es erlaubt, Figuren wie Hugo in einen Film hineinzuzeichnen: Computer Generated Images. Dass man dabei kein amerikanisches Niveau erwarten darf, versteht sich bei einer deutsch-österreichisch-irischen Koproduktion von selbst. Da muss ja schon Frankfurt als geheimnisvolle Metropole herhalten, in deren Untergrund sich das Hauptquartier des CGI findet. Das Spukhaus von Hugo sieht dagegen eher aus wie ein kleines Loire-Schloss. Wo werden die Produzenten das bloß aufgestöbert haben? Irland? Bayern? Österreich?

          Dem Geist Hugo sieht man gern zu, und seine dem früher einmal sehr populären Kinderekelspielzeug „Green Slime“ nachempfundene Gestalt wird auch dadurch legitimiert, dass sich Toms Vater (gespielt von Christian Ulmen) angesichts Hugos just an dieses Element seiner eigenen Kindheit erinnert fühlt. So vom Drehbuch augenzwinkernd eingeräumt, macht eine ersichtlichen Übernahme Freude.

          Was haben die Schauspieler nur?

          Das gilt weniger für die gleichfalls offensichtlichen Anleihen bei den Kino-Hits „Ghostbusters“ und „Men in Black“. Gut, wie sollte man bei dem Thema von „Gespensterjäger“ auch diese beiden Megaerfolge vermeiden? Dann doch wirklich lieber offensiv wie im Falle des ersten Blicks ins CGI-Hauptquartier, das „Men in Black“ bis in dramaturgische Kleinigkeiten zitiert. Aber macht so etwas Kindern Spaß, an die sich der Film eindeutig richtet? Denn für Erwachsene wiederum gibt es zu wenige solcher Anspielungen, und sie sind auch einfach zu billig geraten.

          Pastewka (der ja gerade auch seine Stimme für die Hauptfigur in der deutschen Version von „Home – Ein smektakulärer Trip“ hergibt) macht seine Sache gut, und Engelke spielt zwar überdreht, aber lustvoll. Christian Tramitz, der sogar am Drehbuch mitgeschrieben hat, Ulmen und Karoline Herfurth dagegen haben als weitere prominente Teile der Besetzung nur Nebenrollen, und wie so oft in Kinderfilmen wird von ihnen als erwachsenen Schauspielern chargiert, dass es eine Unlust ist. Wann versucht endlich mal jemand, diesem kindischen Treiben Einhalt zu gebieten? Die Kinderdarsteller tun es doch auch nicht.

          Im Trickfilm dagegen ist Overacting normal, weil wir ja gar nicht erst den Vergleich zu realen Figuren anstellen. Deshalb wäre diesem Stoff ein komplett animierter Film besser bekommen – auch im Hinblick auf die Abgrenzung zu „Ghostbusters“. Aber so etwas ist selbstverständlich viel teurer als eine Realverfilmung, also für den deutschen Markt nicht lohnend genug. Und auch wenn „Gespensterjäger“ offenbar mit einem internationalen Publikum liebäugelt (Cornelia Funke ist allemal berühmt genug dafür), dürfte das ein Wunschtraum bleiben. Dieser Film ist in Inszenierung, Besetzung und Dekors typisch deutsch. Schön für uns als heimisches Publikum; ein anderes aber dürfte sich wundern. Für sie bliebe nur noch der Reiz des grünen Hugo.

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