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„Ronja Räubertochter“ als Oper : Frostige Dissonanzen im Räuberwald

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Mehr als Freunde: Geschwister. Maria Kataeva als Ronja und Heidi Elisabeth Meier als Birk in der Duisburger Uraufführung Bild: Hans Jörg Michel

An der Deutschen Oper am Rhein hat Jörn Arnecke eine fulminante Oper für die ganze Familie komponiert: „Ronja Räubertochter“ mixt Stile zur Begeisterung des Publikums.

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          Jeder auch noch so junge Hörer begreift es an diesem Uraufführungsmorgen im Duisburger Theater sofort: Ronja und die Räuber - das kann nicht gutgehen. Während der Gesetzlosenhaufen ein Lied übers Raufen und Saufen anstimmt, polyrhythmisch versetzt, begleitet von einer zünftigen Blechbläserlinie, singt die Räubertochter ihre träumerische, in die Zwölftönigkeit schweifende Erkennungsmelodie. Es ist, als ob sie selbst schon in einer freien Welt lebt, während die durchaus sympathischen Räuber in der immer gleichen ungeschliffenen Dissonanz steckenbleiben.

          Die Oper „Ronja Räubertochter“, komponiert von Jörn Arnecke, ist ein Auftragswerk der Jungen Oper Rhein-Ruhr. Sie startete in Duisburg, wird weiterwandern nach Düsseldorf, Bonn und Dortmund und trägt den Untertitel: „Familienoper“. Auch die Vorlage von Astrid Lindgren ist ja längst ein generationenübergreifend beliebtes Werk. Erzählt wird die Geschichte von der draufgängerischen Ronja, die auf den Jungen Birk trifft, der einer verfeindeten Räuberbande angehört, und sich mit ihm geschwisterlich verbündet. Das sorgt für Konflikte in den Familienclans, mit einem Hauch Shakespeare dabei, nur mit glücklicherem Ende. Und allerhand Fabelwesen treiben im Wald, dem Rückzugsort der Kinder, ihr Unwesen.

          Vielleicht eine Spur melodiöser, pointierter

          Arnecke komponiert effektvoll, malerisch. Er hat schon etliche Opern geschrieben, einer seiner größten Erfolge bei der Ruhrtriennale, der Gesellschaftskrimi „Unter Eis“, nach einem Text von Falk Richter, ist noch in bester Erinnerung. Seine neue „Ronja“-Komposition wirkt vergleichsweise wie ein Stilmix, oft freitonal, dann wieder melodiegebunden oder zwölftönig.

          Im Wald sind die Rumpelwichte: Maria Kataeva in einer Szene mit Vergrößerungseffekt

          Behutsam verwendet Arnecke Leitmelodien für seine Protagonisten, oder er nutzt wiederkehrende Elemente, wie das „Wolfslied“, und baut damit seine fließenden musikalischen Übergänge. Fein instrumentiert ist diese Musik, auch dadurch gelingt es ihr, das Kinderpublikum mitzunehmen. Es ist, zum Beispiel, ein wahrer Ohrenöffner (und ein Aha-Moment im jungen Publikum), als sich nach den ersten Szenen in der engen Räuberburg plötzlich die Gemäuer in die Luft erheben und die Bühne sich weitet zum schimmernden Wald - auch die Musik kennt jetzt keine begrenzenden Zieltöne mehr und lässt die Räuberdissonanzen zurück.

          Ungezwungen impressionistisch bauen Streicher und Blechbläser ein hellgefärbtes Naturbett. Darin imitieren die doppelt besetzten Flöten und Klarinetten die Waldvögel, Sergej Prokofjews „Peter und der Wolf“ zitierend. Vielleicht ist das ein Zugeständnis, fallen solche Stellen eine Spur melodiöser, auch pointierter aus als in den „Erwachsenen“-Opern Arneckes. Dass aber diese neue Musik, ohne jemals plakativ zu tönen und betont vereinfacht zur „Kindermusik“ zu werden, von den jungen Besuchern bei der Premiere so jubelnd angenommen wird, spricht für sich.

          Eine klassisch-kindgerechte Erstinszenierung

          Zum Erfolg trägt auch das Sängerensemble seinen Teil bei. Mezzosopranistin Maria Kataeva gibt die abenteuerlustige Ronja stimmlich forsch und immer kräftig genug, um es mit ihren Eltern, insbesondere Räuberhauptmann Mattis aufzunehmen. Den singt Torben Jürgens ruppig und autoritär, in den versöhnlichen Momenten dann umso liebevoller. Überzeugend auch sein Gegenspieler Cornel Frey als Borka. Marta Marquez wirkt mit ihrer leise-distanzierten Verkörperung der Jovis wenig mütterlich. Mit ihrem hellen Sopran ist Heidi Elisabeth Meier ein lyrisch-weicher Birk, der von der dominanten Ronja naturgemäß manchmal in den Schatten gestellt wird, freilich: in den kurzen Duetten gehen die beiden „Kinderstimmen“ harmonisch gut zusammen.

          Holger Potocki kürzte die Buchvorlage von Astrid Lindgren an einigen Stellen, so erhalten die verträumten Waldszenen viel Raum. Dieser Wald sieht zu jeder Jahreszeit einfach großartig aus. Regisseur Johannes Schmid hat diese Erstinszenierung vor allem klassisch kindgerecht gestaltet, die Wild-Drude schwebt als überdimensionaler Dracula herein, was für Getuschel in den Reihen sorgt. Einmal bauen winzige Rumpelwichte Ronjas Fuß in ihre Wohnzimmerdekoration, eine Szene wie unter dem Vergrößerungsglas. Ein andermal tanzen Ronja- und Birk-Doubles durch den Zuschauerraum, das fällt aus dem Rahmen der Inszenierung, wozu und weshalb, bleibt offen.

          Immer wieder atemlose Aufmerksamkeit

          Zum Höhepunkt gerät dann die Konfrontation der Räuberbanden: ein fulminanter Chorwettstreit. Der Herrenchor der Deutschen Oper am Rhein ist eine prächtige, wilde Horde, immer wieder heizt er die Stimmung an. Die Duisburger Philharmoniker unter Lukas Beikircher bewältigen das Zwei-Stunden-Werk mit Feingefühl in den lyrischen, aber auch der nötigen Derbheit in den dramatischen Szenen. Stefan Wilkening als Glatzen-Per hat eine Sprechrolle, er unterhält das junge Publikum nach Buffo-Art mit derben Reden. Denn in der Räuberwelt wird wohl naturgemäß viel beleidigt.

          Die Duisburger Schulklassen, die den größten Teil des Uraufführungspublikums stellen, reagieren direkt und spontan. Der Begeisterungskreischpegel am Ende erinnert an Popkonzerte. Zwischendurch war es freilich auch mal unruhiger, vielleicht, dass den Kindern der ein oder andere gesungene Dialog zu lange dauerte. Doch immer wieder gelingt es der Musik Jörn Arneckes, atemlose Aufmerksamkeit zu erzielen. Zwischen den effektvoll untermalten Räuber-, Fabelwesen- und Kampfszenen sind es vor allem die zurückgenommenen, feinen Töne, die fesseln. Es wird frostig im Wald von Ronja und Birk, vereinzelte Streicher rotten sich in erfrierenden Sekundtrauben zusammen, dazu tönen hohe, harte, fundamentlose Dissonanzen. Und einige hundert Acht- bis Vierzehnjährige, die im Foyer noch herumgetobt waren, als wäre gleich Sportunterricht statt Opernbesuch, sitzen still und gespannt da und hören einfach zu. Das ist wunderbar.

          Weitere Termine im März:

          Mittwoch, 4. 3.: 11 Uhr, Theater Duisburg
          Donnerstag, 5. 3: 11 Uhr, Theater Duisburg

          Samstag, 21. 3., 10 Uhr, Opernhaus Düsseldorf: Familienopernwerkstatt

          Donnerstag, 26. 3.: 11 Uhr, Opernhaus Düsseldorf

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