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Fahrradfahren als Kind : Wer zuerst bremst, hat verloren

Easy Radler: Für Kinder ist das Fahrrad eine Verlockung. Bild: Picture-Alliance

Am ersten eigenen Rad hängen die schönsten Kindheitserinnerungen der Unabhängigkeit. Und am ersten Rad des eigenen Kindes die Ängste heutiger Eltern.

          4 Min.

          In der Erinnerung hat die Szene längst unglaubwürdige Züge angenommen, sie ist zu einem Standbild erstarrt und zeigt den Jungen auf dem Fahrrad im Licht eines Novembernachmittags. Den graubraunen Steg hat er gerade hinter sich gelassen, er schwebt über dem See, gleich wird er hineinplatschen. Waghalsig wie James Dean beim Hasenfußrennen in „. . . denn sie wissen nicht, was sie tun“, entschlossen wie Elliott aus „E.T.“, als er den armen Außerirdischen auf seinem BMX-Rad rettet. Dabei hatten wir damals, Ende der siebziger Jahre, beide Filme gar nicht sehen können, den einen, weil wir dafür noch zu klein waren, den anderen, weil es ihn noch gar nicht gab. Es gab einen Plattenweg an der Badestelle des Dörfchens, in dem wir aufwuchsen. Er führte die Liegewiese hinab geradewegs auf einen Steg, und ausgerechnet, wenn das Wasser schon richtig kalt war und der Holzsteg einigermaßen glatt, kamen wir auf die Idee, mit den Rädern die Wiese hinabzujagen: Wer zuletzt bremst, gewinnt.

          Ich weiß nicht mehr, ob der Junge, der in meiner Erinnerung so majestätisch über dem Wasser schwebt, überhaupt gebremst hat. Aber ich weiß noch, mit welcher Begeisterung wir den tropfnassen Gewinner nach Hause begleitet haben, voller Anerkennung und voller Neugier, wie sein Vater das Rad wohl wieder aus dem See bekommen würde.

          So war es ganz bestimmt

          Daran, dass es Ärger geben könnte, haben wir keinen Gedanken verschwendet. Wir waren eine kleine Kinderhorde, höchstens zwei, drei Jahre auseinander, das Dorf, die Felder und Wälder, der See waren unser Spielplatz. Und das Fahrrad war unsere Freiheit: Auf den Rädern preschten wir vom einen Ende des Dorfs zum anderen, raus zu den zwei, drei Bauernhöfen, die einzeln lagen, raus an den Waldrand, vor dem die Eltern eines Freundes einen Schrottplatz betrieben. In den Autowracks spielten wir Verfolgungsjagden, setzten uns danach auf unsere Räder und spielten einfach weiter.

          Wenn ich an die Sommer meiner Kindheit zurückdenke, sehe ich die Freunde mit braungebrannten Rücken und hochgereckten Armen beim Wettkampf im Freihändigfahren, sehe ich Bierdeckel in den Speichen, sehe ich ein Bonanza-Rad im Staub der Schotterpiste liegen. Das Hinterrad dreht sich noch, als sei jemand in voller Fahrt einfach abgesprungen. Dabei hatte nur der ältere Bruder des einen Freundes ein solches Rad. Der Freund durfte es manchmal ausleihen und musste es pfleglich behandeln.

          So musste es ja kommen

          Jetzt ist mein Sohn so alt, wie ich damals war. Mehr als dreißig Jahre liegen zwischen uns, er wächst in der Großstadt auf, in einem Viertel ohne Fahrradwege, in einer Welt mit Helmpflicht, wenigstens für Kinder. Den ersten Unfall hatte er mit zwei Jahren auf dem Laufrad. Ich war gerade mit einer Spielplatzbekanntschaft in ein Gespräch über die Vorzüge des Laufradfahrens vertieft, schwärmte von der Selbstverständlichkeit, mit der die Kleinen sich auf diesen Gefährten bewegten, und von der Leichtigkeit, mit der sie dann später einmal auf ein Rad mit Pedalen wechseln würden. Und sah nur aus den Augenwinkeln, wie sich das Lenkrad verdrehte und das Rad des Jungen halb nach vorne, halb seitlich wegkippte. Zu seiner großen Empörung. Den zweiten Unfall, Jahre nach dem ersten, hörte ich nur.

          Denn der Umstieg aufs Fahrrad war nicht ganz so leicht wie erwartet. Allerdings wurde der Bewegungsradius größer. Auch dank einer Teleskopstange, mit der sich das Kinderrad mit leicht angehobenem und festgestelltem Vorderrad hinter meinem Rad fixieren ließ. Derart aneinander montiert, waren wir auf dem Weg zum Kindergarten, als mich ein hässliches Geräusch hinter mir auf der Straße bremsen ließ. Der Junge hatte aus einer Laune heraus versucht, freihändig zu fahren, und war bei der ersten Unebenheit aus dem Gleichgewicht geraten. Zu seiner großen Empörung.

          So kann es nicht gewesen sein

          Auf dem Pausenhof seiner Grundschule ist jetzt ein Fahrradparcours markiert. Ein Polizist kam die Klasse besuchen, um mit den Kindern das Fahrradfahren zu üben. Vor ein paar Tagen hatten sie die theoretische Prüfung: einen Test mit Fragen zum Linksabbiegen, zu Pedalreflektoren und Verkehrsschildern. Danach werden sie mit allen Wassern der Verkehrserziehung gewaschen sein. Und schlecht in Übung. Welche Eltern lassen ihr Kind wohl allein mit dem Fahrrad durch Frankfurt fahren? Und schon jetzt oder erst nach der praktischen Prüfung? Welche Eltern haben überhaupt schon diese Phase hinter sich gelassen, in der sie von der Fahrbahn aus über die parkenden Autos hinweg ihren auf dem Bürgersteig radelnden Kindern unablässig Kommandos und Ermunterungen zurufen?

          Manchmal frage ich mich, wie ich reagieren würde, wenn mein Kind tropfnass, aber strahlend vor dem Haus stünde, umringt von einer begeisterten Freundesschar. Was ich machen würde, wenn ich von einer Fahrradwette hörte, wie ich sie als Kind selbst eingegangen bin, ohne mit der Wimper zu zucken. Wenn es an mir wäre, sein Rad wieder aus dem Teich zu fischen. Wo uns doch schon beim Gedanken mulmig wird, das Kind könnte ohne erwachsene Begleitung mit dem Rad in der Gegend herumfahren. Das Fahrrad als Freiheit? Nicht für unsere Kinder. Die Freiheit unserer Kindheit ist etwas, das uns unsere Eltern zugestanden haben. Übriggeblieben ist davon nicht viel mehr als der Widerwille, mit dem wir heute einen Fahrradhelm aufsetzen, wie wir es von den eigenen Kindern verlangen.

          Vielleicht ist die Erinnerung aber auch verklärt. Das Standbild, mit dem ich mich an den Fahrradflug über dem See erinnere, hätte man so nur vom Wasser aus sehen können. Ich stand am Strand. Und anders als Elliott vor dem Vollmond hat der Junge, der nicht bremste, bestimmt keinen malerischen Bogen beschrieben, bevor er ins Wasser fiel. Die Aufgabe jedenfalls, das Rad wieder an Land zu holen, blieb heikel. Wir Schaulustigen hatten uns an den Steg gestellt, in Erwartung des Vaters, der bestimmt in einer Wathose in den See stiefeln, sich vielleicht unüberlegt bücken und dabei mit dem Latz der Hose ins Wasser kommen würde, die daraufhin volllaufen musste. Stattdessen kam er mit einer Hochseeangel. Warf den Pilk zwei-, dreimal aus, bis der sich im Rad verfing, kurbelte leise lächelnd und zog das Rad an den Strand.

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