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Fahrradfahren als Kind : Wer zuerst bremst, hat verloren

Denn der Umstieg aufs Fahrrad war nicht ganz so leicht wie erwartet. Allerdings wurde der Bewegungsradius größer. Auch dank einer Teleskopstange, mit der sich das Kinderrad mit leicht angehobenem und festgestelltem Vorderrad hinter meinem Rad fixieren ließ. Derart aneinander montiert, waren wir auf dem Weg zum Kindergarten, als mich ein hässliches Geräusch hinter mir auf der Straße bremsen ließ. Der Junge hatte aus einer Laune heraus versucht, freihändig zu fahren, und war bei der ersten Unebenheit aus dem Gleichgewicht geraten. Zu seiner großen Empörung.

So kann es nicht gewesen sein

Auf dem Pausenhof seiner Grundschule ist jetzt ein Fahrradparcours markiert. Ein Polizist kam die Klasse besuchen, um mit den Kindern das Fahrradfahren zu üben. Vor ein paar Tagen hatten sie die theoretische Prüfung: einen Test mit Fragen zum Linksabbiegen, zu Pedalreflektoren und Verkehrsschildern. Danach werden sie mit allen Wassern der Verkehrserziehung gewaschen sein. Und schlecht in Übung. Welche Eltern lassen ihr Kind wohl allein mit dem Fahrrad durch Frankfurt fahren? Und schon jetzt oder erst nach der praktischen Prüfung? Welche Eltern haben überhaupt schon diese Phase hinter sich gelassen, in der sie von der Fahrbahn aus über die parkenden Autos hinweg ihren auf dem Bürgersteig radelnden Kindern unablässig Kommandos und Ermunterungen zurufen?

Manchmal frage ich mich, wie ich reagieren würde, wenn mein Kind tropfnass, aber strahlend vor dem Haus stünde, umringt von einer begeisterten Freundesschar. Was ich machen würde, wenn ich von einer Fahrradwette hörte, wie ich sie als Kind selbst eingegangen bin, ohne mit der Wimper zu zucken. Wenn es an mir wäre, sein Rad wieder aus dem Teich zu fischen. Wo uns doch schon beim Gedanken mulmig wird, das Kind könnte ohne erwachsene Begleitung mit dem Rad in der Gegend herumfahren. Das Fahrrad als Freiheit? Nicht für unsere Kinder. Die Freiheit unserer Kindheit ist etwas, das uns unsere Eltern zugestanden haben. Übriggeblieben ist davon nicht viel mehr als der Widerwille, mit dem wir heute einen Fahrradhelm aufsetzen, wie wir es von den eigenen Kindern verlangen.

Vielleicht ist die Erinnerung aber auch verklärt. Das Standbild, mit dem ich mich an den Fahrradflug über dem See erinnere, hätte man so nur vom Wasser aus sehen können. Ich stand am Strand. Und anders als Elliott vor dem Vollmond hat der Junge, der nicht bremste, bestimmt keinen malerischen Bogen beschrieben, bevor er ins Wasser fiel. Die Aufgabe jedenfalls, das Rad wieder an Land zu holen, blieb heikel. Wir Schaulustigen hatten uns an den Steg gestellt, in Erwartung des Vaters, der bestimmt in einer Wathose in den See stiefeln, sich vielleicht unüberlegt bücken und dabei mit dem Latz der Hose ins Wasser kommen würde, die daraufhin volllaufen musste. Stattdessen kam er mit einer Hochseeangel. Warf den Pilk zwei-, dreimal aus, bis der sich im Rad verfing, kurbelte leise lächelnd und zog das Rad an den Strand.

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