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Arbeit eines Kinderpsychiaters : Was für Kinder möchten wir haben?

Der Hamburger Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort im Gespräch mit einem jungen Patienten. Am Empfangstresen ist eine kleine Treppe installiert, damit junge Patienten auf Augenhöhe mit den Ärzten sprechen können. Bild: Lucas Wahl

Auch Kinder können an Burnout, Depression und Phobien leiden. Michael Schulte-Markwort sieht sich jeden Tag kleinen Patienten gegenüber, die über Erschöpfung klagen. Einblicke in die Arbeit eines Kinderpsychiaters.

          8 Min.

          Die Tage, an denen Michael Schulte-Markwort einen weißen Kittel trägt, sind selten. Es sind Tage, an denen sich der Kinderpsychiater ganz bewusst für den Griff zum Garderobenständer vor seinem Sprechzimmer entscheidet, an dem sein Kittel für gewöhnlich hängt.

          Lucia Schmidt
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          An diesen Tagen wird ihm irgendwie alles zu eng, dann gehen ihm die Kinderschicksale besonders nahe. In solchen Momenten braucht er den langen weißen Stoff mit Knopfleiste genau dafür, wofür er ihn sonst so verachtet: für die Distanz zu seinen kleinen Patienten. Der weiße Kittel - den gerade Psychiater oft ablegen - ist dann für ein paar Stunden zugleich Schutzweste und Tarnanzug für ihn. Das aber wird Schulte-Markwort erst viel später an diesem Tag erzählen, und dann wird man sich denken: Das passt zu ihm.

          Donnerstagmorgen, Viertel nach acht, Hamburg ist mit einer dünnen Schneeschicht überzogen. Es ist kalt an diesem Februartag. Schulte-Markwort hat seine dunkle Daunenjacke an den Haken neben den weißen Kittel gehängt. Er trägt Jeans, polierte Lederschuhe, Hemd, Schlips und Jackett. Um neun Uhr beginnt wie jeden Donnerstag seine Sprechstunde als Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychosomatik am Altonaer Kinderkrankenhaus.

          Besuche in den Schulen der Patienten

          Sein erster Patient ist der neunjährige Emil*, der unter ADHS leidet, der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung. Mit seiner zappligen Art macht er in der Schule die Lehrer verrückt, mit seinen Wutanfällen zu Hause Eltern und Geschwister. Freunde zu finden und sich sozial zu integrieren fällt Emil schwer. Den Jungen mit dem dunkelroten Wuschelkopf kennt Schulte-Markwort schon länger; heute soll besprochen werden, welche weitere Behandlung sinnvoll ist.

          Emil hat Schulte-Markwort sein Halbjahreszeugnis mitgebracht, es kann sich sehen lassen. Viele Zweier. Emils Mutter glaubt, dass das auch an Schulte-Markworts Besuch in der Schule liegt. Je nach Möglichkeit macht der Kinderpsychiater sich die Mühe und fährt zu den Lehrern seiner kleinen Patienten. Er erklärt ihnen, was mit den Kindern los ist und was sie brauchen, und er beantragt persönlich einen Nachteilsausgleich, wenn das Kind aufgrund seiner Erkrankung Schwierigkeiten hat, Buchstaben zu erkennen oder Zahlen zu addieren. Zu oft hat er erlebt, dass der Ausgleich erst mit Nachdruck berücksichtigt wurde.

          Überforderte Lehrer geben den Druck weiter

          Nicht nur das ärgert ihn an den Schulen; kommt das Thema auf sie, fängt die sonst eher sanfte Stimme des Mediziners leicht an zu beben. In den Augen von Schulte-Markwort funktioniert das System Schule in unserem Land nicht mehr. Überforderte Lehrer gäben Druck und Schuld an Misserfolgen an die Schüler weiter. Ein sinnstiftender Dialog zwischen Lehrern, Schülern und Eltern fehle. Schulte-Markwort ist davon überzeugt, dass steigende Leistungsansprüche und fehlerhafte Strukturen in der Schule mitverantwortlich sind für viele psychische Erkrankungen bei Kindern, unter anderem für die Diagnose Burnout.

          Über sie hat er ein Buch geschrieben, das nun in den Buchhandlungen steht. „Burn-out-Kids“ klingt nach einem zeitgenössischen Titel, mit dem bei Helikopter-Eltern und Sorgen-Muttis die Angst geweckt und Geld verdient werden kann. Schulte-Markwort ist sich bewusst, dass solche Vorwürfe kommen können. Es sei sein erstes populärwissenschaftliches Buch - und die Angst sei da, damit in die Reihe der Panikmacher eingeordnet zu werden, ganz besonders von seinen wissenschaftlichen Kollegen.

          Aber es sei am Ende das Leid der Heranwachsenden gewesen, das ihn davon überzeugt habe, dass es diese Diagnose wirklich gibt bei Kindern. Dazu motiviert, das Buch zu schreiben, hätten ihn die Zehn- oder Zwölfjährigen, die über Erschöpfung klagen. Kinder, die sagen: „Ich schaffe das alles nicht, ich genüge nicht den Anforderungen.“ Sie sieht er regelmäßig donnerstagmorgens zwischen neun und zwölf Uhr in seiner Ambulanz - immer mehr von ihnen und immer jüngere. Für sie will er eine Diskussion anstoßen, der Gesellschaft die Frage stellen: Was für Kinder möchten wir haben?

          Erklären, was die Kinder fühlen

          Jetzt aber sitzen ihm erst einmal Thilos* Eltern gegenüber. Thilo selbst ist gerade in der Schule, aber seine Eltern suchen Rat. Ihr Elfjähriger rastet immer wieder aus, vor allem, wenn sich an einem Plan eine Kleinigkeit ändert. Schlägt Thilos Mutter vor, lieber zur Schule zu laufen, statt mit dem Fahrrad zu fahren, fängt Thilo an zu brüllen und zu schimpfen. Verschiebt sich der Ausflug ins Kino von Samstag auf Sonntag, wird Thilo aggressiv.

          Schulte-Markwort versucht den Eltern zu erklären, was in solchen Moment in Thilos Gedankenwelt los ist. Aufgrund seines Krankheitsbilds brauche ihr Sohn klare Strukturen, spontane Veränderungen könne er nicht verarbeiten, sagt der Psychiater. Seine Wut setze Thilo nicht gezielt gegen die Eltern ein, darüber müssten sie sich klarwerden - und Planänderungen vermeiden.

          Einen, der Eltern erklärt, was Kinder eigentlich fühlen und denken, würden sich wohl viele Töchter und Söhne wünschen - ob krank oder nicht. Schulte-Markwort nimmt diese Aufgabe ernst; einfühlsam und beharrlich versucht er, Kindergedanken eine Stimme zu geben. Er übersetzt kindliches Verhalten in Erwachsenensprache, vermittelt und verteidigt.

          Stigmatisierung hat abgenommen

          Dass er genau das machen möchte, wusste Schulte-Markwort schon vor Beginn des Studiums. Ursprünglich wollte er zwar als Kinderarzt arbeiten. Seine Zivildienstzeit in einem Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hannover hat ihn aber so beeindruckt, dass sie mit dem Wunsch endete, Kinderpsychiater zu werden. „Ich habe schon immer gerne ,dahinter‘ geschaut“, erzählt der gebürtige Osnabrücker. „Als Kind im Zirkus habe ich nie beobachtet, was in der Arena passiert, sondern versucht, einen Blick hinter den Vorhang zu erhaschen.“

          Vor seiner Sprechzimmertür warten an diesem Donnerstag noch zwei weitere Patienten. Bei einem von beiden steht nach Testungen die Diagnose „Dyspraxie“ im Raum. Den Achtjährigen überfordert es, einen Turm aus Bausteinen zu stapeln. Augen und Hände wollen einfach nicht aufeinander hören. Auch Schnürsenkelbinden oder Fahrradfahren fällt ihm schwer. Als „Syndrom des ungeschickten Kindes“ wird die Diagnose auch bezeichnet. Ist sie stark ausgeprägt, sind die Kinder nicht einfach nur „tollpatschig“ und haben keinen Spaß an Basteln und Handwerken, sondern schon Probleme bei der Koordination von ganz alltäglichen Dingen wie Waschen, Ankleiden und Essen. Alles klappt nur langsamer. Für diese Kinder habe er ein ganz besonderes Verständnis, erzählt Schulte-Markwort, denn etwas tollpatschig sei er selbst als Kind und Feinmotorik nicht unbedingt seine Stärke gewesen.

          Jeden neuen Patienten fragt Schulte-Markwort am Beginn, ob er freiwillig da ist und ob er weiß, wer der Mediziner vor ihm ist. Zwar habe die Stigmatisierung der Psychiatrie in den vergangenen Jahren abgenommen, trotzdem erlebe er immer wieder Eltern, die nicht ganz offen zu ihrem Sohn oder ihrer Tochter seien. „Die Kinder sind dabei nicht das Problem“, sagt Schulte-Markwort. „Für sie ist es selbstverständlich, dass auch die Seele leiden kann.“ Mit den Kindern ehrlich reden, ihnen erklären, was mit ihnen los ist, sie in Entscheidungen einbeziehen, das ist Schulte-Markwort wichtig. „Wenn man Kindern authentisch und auf Augenhöhe begegnet, öffnen sie sich einem“, sagt er.

          Moderne Sessel und antike Gegenstände

          Zu einem respektvollen Umgang gehören für Schulte-Markwort auch die Umgebung, die Einrichtung, das Äußere. Verniedlichende Gegenstände, Tapeten mit Comicfiguren oder Aufkleber von Tierköpfen - wie auf anderen Stationen der Kinderklinik durchaus üblich - findet er unangebracht, teilweise sogar grausig und furchtbar.

          Mit solchen Haltungen stößt er bei vielen seiner Kollegen auf Unverständnis, „völlig übertriebene Ansichten“ werfen sie ihm vor. Und man kann diese Aussagen nachvollziehen, wenn man über den Holzboden der Ambulanz und Tagesklinik läuft. Die Türen sind den Originalen von Anfang des zwanzigsten Jahrhundert nachgebildet. An den Wänden hängen gerahmte Fotos, bis in die Dekoration ist alles in Form und Farbe aufeinander abgestimmt. Die Stühle im Wartezimmer und Büro sind aus Designerhänden. Hat der Patient den Raum verlassen, rückt Schulte-Markwort die Stühle wieder gerade an den geschmackvollen Holztisch. An den Fenstern dahinter hängen weiße lange Gardinen.

          Er hat viele Male bei der Klinikleitung dafür gekämpft, all das so umsetzen zu können. Preiswert war es nicht. „Für mich gehören Inneres und Äußeres aber einfach zusammen, sie wirken aufeinander“, sagt Schulte-Markwort. „Man kann nicht gesund werden und die Seele therapieren, wenn man sich nicht wohl fühlt.“ Wohler als in kargen Sprechzimmern mit Neonlicht und grauem Linoleumboden fühlt man sich in diesen Räumen allemal. Zwischen modernen Sesseln und antiken Gegenständen treffen Schulte-Markworts persönlicher Geschmack und seine therapeutischen Absichten anschaulich zusammen. Die Frage, ob es in unserem auf Sparflamme geschalteten Gesundheitssystem aber gleich Designerstühle sein müssen, bleibt offen zurück in dem stilvollen Büro, während der Mediziner sich kurz vor zwölf Uhr von Altona in Richtung Universitätsklinikum Eppendorf aufmacht. Dort leitet er das Zentrum für Psychosoziale Medizin und ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik.

          Fahrt in eine andere Welt

          Als Leiter von gleich zwei Kliniken ist er viel am Pendeln. Bis vor einigen Wochen fuhr er die acht Kilometer mit seinem Porsche - schnelle Autos nennt er seine Schwäche. Und noch bevor man es selbst aussprechen kann, fügt er lächelnd an: „Ganz der Stereotyp-Chefarzt.“ Heute fährt er Smart, aus praktischen Gründen.

          Schulte-Markwort macht kein Geheimnis daraus, dass er sich etwas leisten kann, dass er in seiner Position Freiheiten genießt, dass er Projekte durchsetzen und vorantreiben kann: Gütesiegel für die Patientenzufriedenheit, von Unternehmen unterstützte Lichtforschung, neue Klinikgebäude auf Spendenbasis, umfangreiche Vortragsreihen, Mitgliedschaft in Stiftungen und Beiräten. Er hat was erreicht im Leben, und das zeigt er.

          Die Fahrt von Altona zur Uniklinik ist für Schulte-Markwort auch die Fahrt in eine andere Welt, in seinen zweiten Haushalt, wie er es nennt. Rein äußerlich muss er nur sein Namensschild wechseln, aber an der Uniklinik erwarten ihn mehr Kollegen, mehr Organisation, zum Teil schwerer kranke Patienten als in Altona. Und außerdem eine Klinik, die nicht nach seinen Vorstellungen eingerichtet ist.

          Im Sinne der Kinderseelen

          Frisch tapezierte Wände sind Fehlanzeige. Tischen, Stühlen und Schränken mangelt es an Besonderheit. Der Mief von Krankenhaus liegt in der Luft, und so manche wackelnden Lichtschalter oder Türgriffe machen Schulte-Markwort sichtlich wütend. Nur sein eigenes Büro im obersten Stock der Klinik vermittelt mit dem schwarzen Ledersofa, den Modellautos auf der Fensterbank und den ausgewählten Möbeln einen Hauch von Altona. Das Büro wurde eigens für ihn vergrößert - das mindeste, was Schulte-Markwort gefordert hatte.

          Auf dem Ledersofa sitzt jetzt ein Vater, der gerade in Scheidung lebt und Rat sucht, wie er seinem Vierjährigen in dieser Phase am besten begegnen kann. Wieder schlüpft der Neunundfünfzigjährige in die Gedanken- und Gefühlswelt eines Kindes. Plausibel erklärt er dem besorgten Vater, wie der Junge die Situation vermutlich wahrnimmt, wie die Wünsche, Handlungen und Ängste des Kleinen zu deuten sind. Auch solche Gespräche sieht Schulte-Markwort - im Sinne der Kinderseelen - als seinen Job.

          Hat er bisher an diesem Donnerstag vor allem mit Kindern gesprochen und für Kinder übersetzt, die unter verhältnismäßig leichten psychischen Erkrankungen und Entwicklungsstörungen leiden, ist er jetzt auf dem Weg zur Visite auf der Station, auf dem Weg zu Kindern, die Stimmen hören, deren Eltern Straftaten begangen haben, die so abgemagert sind, dass ihr Leben gefährdet ist. Viele von ihnen müssen manchmal über Monate in der Klinik bleiben, um wieder gesund zu werden; einige bringen sich selbst so sehr in Gefahr, dass sie hinter verschlossenen Türen behandelt werden müssen.

          Lebens- und Leidensgeschichten

          Vor ihnen kehrt Schulte-Markwort mehr den Arzt raus als am Morgen in Altona. Vermutlich ist das nötig, denn diesen Kindern muss er zum Teil strenge Regeln vorgeben, sie davon überzeugen, ihre Medikamente zu nehmen, ihnen wieder Boden unter den Füßen geben. Aber es gelingt ihm meist, auch diese Gespräche auf Augenhöhe zu halten. Kein „Ich sage dir, wie es geht“, mehr ein „Was können wir tun, um dir zu helfen?“.

          Es ist 17 Uhr, den ganzen Tag sind zahlreiche Lebens- und Leidensgeschichten auf Schulte-Markwort eingeprasselt. In seinem Büro warten nun unbeantwortete E-Mails und Whatsapp-Nachrichten auf ihn. Manchen Patienten gibt er seine Handynummer, um Kontakt zu halten zwischen den Terminen, um zu erfahren, ob sie wirklich in der Schule waren und wie sich das Leben heute anfühlt. Dann können sie ihn auch erreichen, wenn der zweifache Familienvater abends im Theater sitzt, wenn er am frühen Morgen im Fitnessstudio trainiert oder am Wochenende den HSV anfeuert.

          Auch mal weinen

          Zurück am Schreibtisch, bringt Schulte-Markwort außerdem noch zu Papier, was er von den kleinen Patienten heute erfahren hat. Seit einiger Zeit adressiert er seine Arztbriefe nicht mehr an die Eltern, sondern an die Kinder selbst - ganz im Sinne einer Kommunikation auf Augenhöhe. Jeder dieser Briefe endet mit dem Satz: „Danke für Dein Vertrauen.“

          Sein eigener Tag wird heute irgendwann gegen 20 Uhr am heimischen Küchentisch enden. Tagsüber zwischen den Gesprächen isst Schulte-Markwort kaum etwas. Seine Frau übrigens ist auch Psychiaterin. Die Klassikerpaarung unter Ärzten, für Schulte-Markwort aber vor allem eine große Bereicherung. Denn seine Frau versteht, dass es Patientenschicksale gibt, die einem auch nach vielen Berufsjahren noch nahegehen. Bei ihr, so sagt Schulte-Markwort, kann er auch mal weinen - besonders an Tagen, an denen er zum weißen Kittel greifen musste.

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