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Arbeit eines Kinderpsychiaters : Was für Kinder möchten wir haben?

Die Fahrt von Altona zur Uniklinik ist für Schulte-Markwort auch die Fahrt in eine andere Welt, in seinen zweiten Haushalt, wie er es nennt. Rein äußerlich muss er nur sein Namensschild wechseln, aber an der Uniklinik erwarten ihn mehr Kollegen, mehr Organisation, zum Teil schwerer kranke Patienten als in Altona. Und außerdem eine Klinik, die nicht nach seinen Vorstellungen eingerichtet ist.

Im Sinne der Kinderseelen

Frisch tapezierte Wände sind Fehlanzeige. Tischen, Stühlen und Schränken mangelt es an Besonderheit. Der Mief von Krankenhaus liegt in der Luft, und so manche wackelnden Lichtschalter oder Türgriffe machen Schulte-Markwort sichtlich wütend. Nur sein eigenes Büro im obersten Stock der Klinik vermittelt mit dem schwarzen Ledersofa, den Modellautos auf der Fensterbank und den ausgewählten Möbeln einen Hauch von Altona. Das Büro wurde eigens für ihn vergrößert - das mindeste, was Schulte-Markwort gefordert hatte.

Auf dem Ledersofa sitzt jetzt ein Vater, der gerade in Scheidung lebt und Rat sucht, wie er seinem Vierjährigen in dieser Phase am besten begegnen kann. Wieder schlüpft der Neunundfünfzigjährige in die Gedanken- und Gefühlswelt eines Kindes. Plausibel erklärt er dem besorgten Vater, wie der Junge die Situation vermutlich wahrnimmt, wie die Wünsche, Handlungen und Ängste des Kleinen zu deuten sind. Auch solche Gespräche sieht Schulte-Markwort - im Sinne der Kinderseelen - als seinen Job.

Hat er bisher an diesem Donnerstag vor allem mit Kindern gesprochen und für Kinder übersetzt, die unter verhältnismäßig leichten psychischen Erkrankungen und Entwicklungsstörungen leiden, ist er jetzt auf dem Weg zur Visite auf der Station, auf dem Weg zu Kindern, die Stimmen hören, deren Eltern Straftaten begangen haben, die so abgemagert sind, dass ihr Leben gefährdet ist. Viele von ihnen müssen manchmal über Monate in der Klinik bleiben, um wieder gesund zu werden; einige bringen sich selbst so sehr in Gefahr, dass sie hinter verschlossenen Türen behandelt werden müssen.

Lebens- und Leidensgeschichten

Vor ihnen kehrt Schulte-Markwort mehr den Arzt raus als am Morgen in Altona. Vermutlich ist das nötig, denn diesen Kindern muss er zum Teil strenge Regeln vorgeben, sie davon überzeugen, ihre Medikamente zu nehmen, ihnen wieder Boden unter den Füßen geben. Aber es gelingt ihm meist, auch diese Gespräche auf Augenhöhe zu halten. Kein „Ich sage dir, wie es geht“, mehr ein „Was können wir tun, um dir zu helfen?“.

Es ist 17 Uhr, den ganzen Tag sind zahlreiche Lebens- und Leidensgeschichten auf Schulte-Markwort eingeprasselt. In seinem Büro warten nun unbeantwortete E-Mails und Whatsapp-Nachrichten auf ihn. Manchen Patienten gibt er seine Handynummer, um Kontakt zu halten zwischen den Terminen, um zu erfahren, ob sie wirklich in der Schule waren und wie sich das Leben heute anfühlt. Dann können sie ihn auch erreichen, wenn der zweifache Familienvater abends im Theater sitzt, wenn er am frühen Morgen im Fitnessstudio trainiert oder am Wochenende den HSV anfeuert.

Auch mal weinen

Zurück am Schreibtisch, bringt Schulte-Markwort außerdem noch zu Papier, was er von den kleinen Patienten heute erfahren hat. Seit einiger Zeit adressiert er seine Arztbriefe nicht mehr an die Eltern, sondern an die Kinder selbst - ganz im Sinne einer Kommunikation auf Augenhöhe. Jeder dieser Briefe endet mit dem Satz: „Danke für Dein Vertrauen.“

Sein eigener Tag wird heute irgendwann gegen 20 Uhr am heimischen Küchentisch enden. Tagsüber zwischen den Gesprächen isst Schulte-Markwort kaum etwas. Seine Frau übrigens ist auch Psychiaterin. Die Klassikerpaarung unter Ärzten, für Schulte-Markwort aber vor allem eine große Bereicherung. Denn seine Frau versteht, dass es Patientenschicksale gibt, die einem auch nach vielen Berufsjahren noch nahegehen. Bei ihr, so sagt Schulte-Markwort, kann er auch mal weinen - besonders an Tagen, an denen er zum weißen Kittel greifen musste.

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