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Arbeit eines Kinderpsychiaters : Was für Kinder möchten wir haben?

Jeden neuen Patienten fragt Schulte-Markwort am Beginn, ob er freiwillig da ist und ob er weiß, wer der Mediziner vor ihm ist. Zwar habe die Stigmatisierung der Psychiatrie in den vergangenen Jahren abgenommen, trotzdem erlebe er immer wieder Eltern, die nicht ganz offen zu ihrem Sohn oder ihrer Tochter seien. „Die Kinder sind dabei nicht das Problem“, sagt Schulte-Markwort. „Für sie ist es selbstverständlich, dass auch die Seele leiden kann.“ Mit den Kindern ehrlich reden, ihnen erklären, was mit ihnen los ist, sie in Entscheidungen einbeziehen, das ist Schulte-Markwort wichtig. „Wenn man Kindern authentisch und auf Augenhöhe begegnet, öffnen sie sich einem“, sagt er.

Moderne Sessel und antike Gegenstände

Zu einem respektvollen Umgang gehören für Schulte-Markwort auch die Umgebung, die Einrichtung, das Äußere. Verniedlichende Gegenstände, Tapeten mit Comicfiguren oder Aufkleber von Tierköpfen - wie auf anderen Stationen der Kinderklinik durchaus üblich - findet er unangebracht, teilweise sogar grausig und furchtbar.

Mit solchen Haltungen stößt er bei vielen seiner Kollegen auf Unverständnis, „völlig übertriebene Ansichten“ werfen sie ihm vor. Und man kann diese Aussagen nachvollziehen, wenn man über den Holzboden der Ambulanz und Tagesklinik läuft. Die Türen sind den Originalen von Anfang des zwanzigsten Jahrhundert nachgebildet. An den Wänden hängen gerahmte Fotos, bis in die Dekoration ist alles in Form und Farbe aufeinander abgestimmt. Die Stühle im Wartezimmer und Büro sind aus Designerhänden. Hat der Patient den Raum verlassen, rückt Schulte-Markwort die Stühle wieder gerade an den geschmackvollen Holztisch. An den Fenstern dahinter hängen weiße lange Gardinen.

Er hat viele Male bei der Klinikleitung dafür gekämpft, all das so umsetzen zu können. Preiswert war es nicht. „Für mich gehören Inneres und Äußeres aber einfach zusammen, sie wirken aufeinander“, sagt Schulte-Markwort. „Man kann nicht gesund werden und die Seele therapieren, wenn man sich nicht wohl fühlt.“ Wohler als in kargen Sprechzimmern mit Neonlicht und grauem Linoleumboden fühlt man sich in diesen Räumen allemal. Zwischen modernen Sesseln und antiken Gegenständen treffen Schulte-Markworts persönlicher Geschmack und seine therapeutischen Absichten anschaulich zusammen. Die Frage, ob es in unserem auf Sparflamme geschalteten Gesundheitssystem aber gleich Designerstühle sein müssen, bleibt offen zurück in dem stilvollen Büro, während der Mediziner sich kurz vor zwölf Uhr von Altona in Richtung Universitätsklinikum Eppendorf aufmacht. Dort leitet er das Zentrum für Psychosoziale Medizin und ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik.

Fahrt in eine andere Welt

Als Leiter von gleich zwei Kliniken ist er viel am Pendeln. Bis vor einigen Wochen fuhr er die acht Kilometer mit seinem Porsche - schnelle Autos nennt er seine Schwäche. Und noch bevor man es selbst aussprechen kann, fügt er lächelnd an: „Ganz der Stereotyp-Chefarzt.“ Heute fährt er Smart, aus praktischen Gründen.

Schulte-Markwort macht kein Geheimnis daraus, dass er sich etwas leisten kann, dass er in seiner Position Freiheiten genießt, dass er Projekte durchsetzen und vorantreiben kann: Gütesiegel für die Patientenzufriedenheit, von Unternehmen unterstützte Lichtforschung, neue Klinikgebäude auf Spendenbasis, umfangreiche Vortragsreihen, Mitgliedschaft in Stiftungen und Beiräten. Er hat was erreicht im Leben, und das zeigt er.

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