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Arbeit eines Kinderpsychiaters : Was für Kinder möchten wir haben?

Aber es sei am Ende das Leid der Heranwachsenden gewesen, das ihn davon überzeugt habe, dass es diese Diagnose wirklich gibt bei Kindern. Dazu motiviert, das Buch zu schreiben, hätten ihn die Zehn- oder Zwölfjährigen, die über Erschöpfung klagen. Kinder, die sagen: „Ich schaffe das alles nicht, ich genüge nicht den Anforderungen.“ Sie sieht er regelmäßig donnerstagmorgens zwischen neun und zwölf Uhr in seiner Ambulanz - immer mehr von ihnen und immer jüngere. Für sie will er eine Diskussion anstoßen, der Gesellschaft die Frage stellen: Was für Kinder möchten wir haben?

Erklären, was die Kinder fühlen

Jetzt aber sitzen ihm erst einmal Thilos* Eltern gegenüber. Thilo selbst ist gerade in der Schule, aber seine Eltern suchen Rat. Ihr Elfjähriger rastet immer wieder aus, vor allem, wenn sich an einem Plan eine Kleinigkeit ändert. Schlägt Thilos Mutter vor, lieber zur Schule zu laufen, statt mit dem Fahrrad zu fahren, fängt Thilo an zu brüllen und zu schimpfen. Verschiebt sich der Ausflug ins Kino von Samstag auf Sonntag, wird Thilo aggressiv.

Schulte-Markwort versucht den Eltern zu erklären, was in solchen Moment in Thilos Gedankenwelt los ist. Aufgrund seines Krankheitsbilds brauche ihr Sohn klare Strukturen, spontane Veränderungen könne er nicht verarbeiten, sagt der Psychiater. Seine Wut setze Thilo nicht gezielt gegen die Eltern ein, darüber müssten sie sich klarwerden - und Planänderungen vermeiden.

Einen, der Eltern erklärt, was Kinder eigentlich fühlen und denken, würden sich wohl viele Töchter und Söhne wünschen - ob krank oder nicht. Schulte-Markwort nimmt diese Aufgabe ernst; einfühlsam und beharrlich versucht er, Kindergedanken eine Stimme zu geben. Er übersetzt kindliches Verhalten in Erwachsenensprache, vermittelt und verteidigt.

Stigmatisierung hat abgenommen

Dass er genau das machen möchte, wusste Schulte-Markwort schon vor Beginn des Studiums. Ursprünglich wollte er zwar als Kinderarzt arbeiten. Seine Zivildienstzeit in einem Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hannover hat ihn aber so beeindruckt, dass sie mit dem Wunsch endete, Kinderpsychiater zu werden. „Ich habe schon immer gerne ,dahinter‘ geschaut“, erzählt der gebürtige Osnabrücker. „Als Kind im Zirkus habe ich nie beobachtet, was in der Arena passiert, sondern versucht, einen Blick hinter den Vorhang zu erhaschen.“

Vor seiner Sprechzimmertür warten an diesem Donnerstag noch zwei weitere Patienten. Bei einem von beiden steht nach Testungen die Diagnose „Dyspraxie“ im Raum. Den Achtjährigen überfordert es, einen Turm aus Bausteinen zu stapeln. Augen und Hände wollen einfach nicht aufeinander hören. Auch Schnürsenkelbinden oder Fahrradfahren fällt ihm schwer. Als „Syndrom des ungeschickten Kindes“ wird die Diagnose auch bezeichnet. Ist sie stark ausgeprägt, sind die Kinder nicht einfach nur „tollpatschig“ und haben keinen Spaß an Basteln und Handwerken, sondern schon Probleme bei der Koordination von ganz alltäglichen Dingen wie Waschen, Ankleiden und Essen. Alles klappt nur langsamer. Für diese Kinder habe er ein ganz besonderes Verständnis, erzählt Schulte-Markwort, denn etwas tollpatschig sei er selbst als Kind und Feinmotorik nicht unbedingt seine Stärke gewesen.

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