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Haustiere und die Pandemie : Auf einmal Zeit für Hund und Katz

  • -Aktualisiert am

Tierisch beliebt: Katzen und Hunde in Zeiten von Corona Bild: dpa

Monatelang saß die halbe Republik im Homeoffice. Möglicherweise ist auch deshalb die Nachfrage nach Haustieren gestiegen.

          3 Min.

          Erinnerungen an eine Zeit vor der Pandemie. In der morgens gegen halb acht die Kinder zum Schulbus rennen und ihre Eltern auf dem Weg zur Arbeit im Stau stecken bleiben. Die Ganztagsschule geht bis fünf, ein Elternteil steht auf dem Nachhauseweg wieder mal im Stau, das andere macht Überstunden. Eigentlich hätte der Nachwuchs gern ein Haustier, aber Mutter und Vater wimmeln ab, keine Zeit.

          Im Frühjahr 2020 sieht die Situation auf einmal anders aus. Coronabedingt sitzen viele Eltern wochenlang im Homeoffice, die Schulen haben geschlossen. Auf einmal ist die Zeit für einen Hund, eine Katze, einen Hamster, ein Meerschwein, eine Schildkröte oder einen Goldfisch vorhanden. Wie viele Menschen sich beispielsweise während der Pandemie einen Hund zugelegt haben, wissen die Behörden und Hundeschultrainer zu berichten. Anders in den Tierheimen. Hier hat die Nachfrage nach herrenlosen Vierbeinern auch während und nach dem Lockdown nicht zugenommen.

          Ende September erreichte die Zahl der Hundeanmeldungen bei der Stadt Frankfurt mit 598 Tieren überdurchschnittliche Ausmaße, berichtet eine Sprecherin auf Anfrage. So viele waren es in den vergangenen fünf Jahren nicht. Zuletzt lag die Zahl im Jahr 2017 ähnlich hoch mit 548, damals allerdings auf zwölf Monate bezogen. Besonders wenige Hunde wurden im Vorjahr in Frankfurt neu angemeldet, gerade einmal 156. Wer sich einen Hund anschafft, muss diesen innerhalb von zwei Wochen beim zuständigen Bürgeramt melden. Mit dem Papierkram muss es dann aber noch längst nicht getan sein, eine Hundehaftpflichtversicherung soll gegen mögliche finanzielle Schäden durch ein Fehlverhalten der Vierbeiner schützen. Die R&V-Versicherung meldet für September einen Anstieg von rund 30 Prozent bei der Nachfrage nach solchen Abschlüssen.

          Egal ob Bello, Emma oder Snoopy, die frisch angemeldeten Familienmitglieder müssen auch erzogen werden. Corinna Dammann führt zusammen mit Stefanie Simon und Conny Harms die Hundeschule am Schwanheimer Wald. Legen sich so viele Leute wie in diesem Jahr einen Hund zu, schlägt sich das auch hier deutlich in der Zahl der Kunden nieder. „Es gab in den letzten Monaten einen regelrechten Run auf die Hundeschule“, sagt Dammann. Mittlerweile werde eine dritte Welpenstunde in der Woche angeboten, damit die Kurse nicht zu voll seien.

          Tierheime erfahren keinen Ansturm

          Ein Ansturm auf die Tierheime der Stadt ist hingegen bisher ausgeblieben. Offensichtlich ziehen es die meisten Menschen vor, ihren Hund oder ihre Katze anderswo zu erstehen. Welch merkwürdige Blüten die Tierliebe bisweilen treiben kann, stellten die Mitarbeiter der Tierheime und der Tierschutzvereine vor allem in der Anfangsphase der Pandemie fest. „Wir hatten einige Anfragen, ob man sich ein Tier ausleihen und nach dem Homeoffice zurückgeben könne“, sagt Sabine Urbainsky, Leiterin des Tierschutzvereins Frankfurt. Die Anrufer hätten sogar noch geglaubt, sie könnten mir ihrer Offerte dem Tier etwas Gutes tun, ihm quasi einen schönen Urlaub bereiten. Über solche Vorstellungen kann Urbainsky nur den Kopf schütteln. „Man mag es kaum glauben, aber auch Tiere haben Gefühle.“ Nach drei, vier Wochen habe sich ein Hund oder eine Katze nun einmal an die neue Umgebung gewöhnt, dann könne man ihn nicht einfach wieder ins Tierheim zurückbringen.

          Auch in der Tierschutzanlage Nied im Frankfurter Westen hatten zu Beginn der Corona-Krise Menschen angefragt, ob sie sich ein Tier ausleihen könnten. „Ein Tier auf Zeit, das machen wir nicht“, sagt Petra Decken bestimmt. Sie ist die Vorsitzende des Tierschutzvereins Schwalbach und Frankfurt West und Leiterin des Tierheims. Siebzig Katzen, acht Kaninchen und zwei Vögel leben hier. In den vergangenen Monaten kamen kaum Abgabe- und Fundtiere dazu. Decken findet das sehr ungewöhnlich. „Zum Sommer füllt es sich hier in der Regel.“ Diesmal habe sich die Zahl der Tiere erst im September wieder erhöht, in dem Monat also, in dem die Urlaube vorbei waren und die meisten Kinder wieder regelmäßig zur Schule gehen konnten. Glücklicherweise arbeiteten mittlerweile wieder drei Viertel der Besetzung täglich im Tierheim, auch wenn immer noch nur fünf Menschen gleichzeitig aufs Gelände dürften, sagt Urbainsky.

          Während also die Tierheime nicht unbedingt mehr Anfragen als sonst bekommen, wird es auf dem Hundeplatz immer voller. Vermehrt würden Tiere aus dem Ausland importiert, aber auch Hunde direkt bei Züchtern gekauft, vermutet Dammann. Als Konsequenz aus der steigenden Nachfrage seien die Preise für Welpen enorm in die Höhe gegangen. Nicht jeder Käufer allerdings ist auf den neuen vierbeinigen Mitbewohner ausreichend vorbereitet. Dammann berichtet von Familien, die ihr Haustier wegen Überforderung nach kurzer Zeit wieder abgeben mussten. Wie beispielsweise jenen Hund, dessen Züchter kaum Wert darauf gelegt hatte, ihn mit der Welt „da draußen“ in Berührung zu bringen und der deshalb auf jedes fremde Geräusch mit Bellen reagierte.

          Dammann züchtet selbst Australian Shepherds, hat bei ihren Tieren aber in diesem Jahr auf Nachwuchs verzichtet – trotz hoher Nachfrage. Dammann sind die Verhältnisse zu unsicher, sie möchte ihre Welpen in guten Händen wissen. „Viele Leute wollen jetzt einen Hund und wissen eigentlich gar nicht, wie es mit ihrer Arbeit weitergehen wird, ob sie noch lange im Homeoffice sitzen werden oder nicht.“

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