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Literatur in der Schule : Warum Klassiker?

Enger Literaturbegriff?

Was qualifizierte einen Autor dazu, in die illustre Reihe aufgenommen zu werden? Warum fanden Lessing und Herder darin mit umfangreichen Werkausgaben Platz, während Fontane und Heine außen vor blieben? „Es wäre ein langweiliges Unternehmen geworden, wenn man wieder nur die altbekannten Klassiker neu ediert hätte“, sagt Wolfgang Kaußen, der die Reihe als Lektor vom Anfang bis zum Ende begleitet hat: „Das Konzept sah vor, den Begriff der klassischen Literatur deutlich zu erweitern. Deswegen kam es zur Planung von Ausgaben, die zunächst nicht nahelagen, wie zum Beispiel Varnhagen von Ense oder eine sehr großzügig konzipierte Ausgabe von Ludwig Tieck in zwölf Bänden, aber auch eine Bibliothek der Geschichte und Politik.“ Wo - wie im Fall von Heine, Jean Paul oder Fontane - andernorts ambitionierte Werkausgaben oder sogar historisch-kritische Editionen vorlagen beziehungsweise im Entstehen waren, nahm man von einer weiteren im DKV zunächst Abstand. Ausnahmen bildeten von vornherein Goethe und Schiller, ohne die man, sagt Kaußen, „keine Klassiker-Bibliothek auflegen und ankündigen kann“.

Falsche Freunde

Das honorierten auch die Kunden: Goethes „Faust“, herausgegeben und kommentiert von dem legendären Germanisten Albrecht Schöne, ist bis heute einschließlich diverser Sonderausgaben einer der meistverkauften Bände des Verlags. Andere Titel verkauften sich weit weniger als die kalkulierten 3000 Exemplare, und so, sagt Kaußen, „zeigte sich schon Ende der 1990er Jahre, dass wir für diesen Verlag eine sanfte Landung brauchten“. Einige Werkausgaben wurden nicht zu Ende geführt, 51 der insgesamt erschienenen 196 Titel erlebten noch eine Zweitverwertung im Taschenbuch.

Es ist verführerisch, das Schicksal des DKV als Sinnbild dafür zu wählen, wie es gegenwärtig um die Klassikerrezeption steht. Jene bildungsbürgerliche Schicht, die einst bereitstand, derart aufwendige und teure Bücher zu erwerben, ist nicht mehr groß genug, damit sich der Verlag trägt. Eltern, denen nichts zu kostspielig ist, wenn es um Reitstunden, Ballettunterricht oder das Auslandsjahr ihrer Kinder geht, schenken zur Konfirmation oder zum Studienbeginn nur noch selten eine teure Klassikerausgabe. Vielleicht aber liegt das Problem auf einer anderen Ebene: Denn Klassiker sind ja durchaus präsent in der Populärkultur, vom wörtlichen Zitat in Büchern, Zeitungen oder Sendungen über die Werbung bis hin zur stofflichen Adaption etwa im Kosmos von Entenhausen, wo Donald immer wieder in Rollen wie „Doktor Duckenfaust“ schlüpft oder Werke der Weltliteratur wie das „Kalevala“ oder „El Cid“ persifliert werden. Die zugrundeliegenden Texte aber werden nicht mehr rezipiert. Eine Ursache dafür ist der Sprachwandel: Wenn bereits ein gut hundert Jahre altes Buch wie „Unterm Rad“ heutigen Gymnasiasten Verständnisprobleme bereitet, wird man, was Texte aus noch abgelebteren Epochen angeht, nicht allzu optimistisch sein.

Hürden der Literaturgeschichte

Über längere Zeitabschnitte, sagt der Freiburger Linguist Hans-Martin Gauger, „wimmelt es vor allem im Wortschatz von größeren oder kleineren Veränderungen. Und natürlich tragen diese Veränderungen mehr zur Erschwerung des Verständnisses bei als die in der Morphologie“, also in der Gestalt der einzelnen Wörter. Gefährlich sind vor allem die sogenannten falschen Freunde, Begriffe in älteren Texten, die wir zu verstehen glauben, obwohl sich ihre Bedeutung seither gewandelt hat. So ist etwa eine „umständliche Erklärung“ in Werken der Goethezeit noch ganz neutral eine vollständige und nachvollziehbare Erläuterung.

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