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Literatur in der Schule : Warum Klassiker?

Wandelbarer Kanon

Natürlich geschieht eine solche Einordnung nicht anhand einer Vielzahl von Texten, sondern an beispielhaften Werken, die man „Klassiker“ nennt und die einen Kanon bilden. Ursprünglich stammt der Begriff aus der Antike und leitet sich von der höchsten Steuerklasse („classis prima“) ab. Speziell auf die „Deutsche Klassik“ der Goethezeit wurde er vom Literaturhistoriker Georg Gervinus übertragen, nachdem die Epoche mit Goethes Tod bereits Geschichte geworden war. Allgemein gilt für klassische Werke, dass sie erst aus der Rückschau zu solchen werden. Sie sind die Texte, die noch gelesen werden, wenn andere, die gleichzeitig entstanden waren, bereits vergessen sind - es ist also eher ein Rezeptionsphänomen und weniger, dass eine ästhetische Norm eingeführt und für alle Zeiten als gültig betrachtet würde. Deshalb gibt es auch Klassiker, die diesen Status wieder einbüßen, und andere, die erst von einer späteren Zeit so recht gewürdigt werden - in der deutschen Literatur zum Beispiel Georg Büchner und Friedrich Hölderlin.

Einen verbindlichen Kanon gibt es nicht. Auch wenn es nicht an Versuchen mangelt, ihn zu definieren. Zum Beispiel über den Buchmarkt, in dem Verlage ihre Angebote zur Wiederlektüre früher entstandener Texte machen und damit zur Kanonbildung beitragen können.

Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg bedienten sie damit ein Bedürfnis der Leser. Die Verluste in Bibliotheken und privaten Büchersammlungen waren groß, und einschlägige Verlage wie etwa Winkler, Hanser und Insel brachten im großen Stil Klassikerausgaben heraus, um diese Verluste auszugleichen. Sie legten besonderen Wert auf eine gediegene Ausstattung und signalisierten schon vor der Lektüre, dass es sich um besondere Texte handeln müsse, die auf diese Weise publiziert würden.

Ziegenleder und Papier

Heute sind Klassiker, sofern ihre Urheber länger als siebzig Jahre tot und die Rechte an den Texten erloschen sind, überall im Internet zu finden, in den meisten Fällen umsonst. Oft handelt es sich dabei um Digitalisate älterer Editionen oder um Texte, die irgendwann irgendjemand abgetippt und online gestellt hat. Es werden riesige Editionen zu Dumpingpreisen als E-Book angeboten, ohne dass die editorische Grundlage benannt würde, von einem Kommentar ganz zu schweigen. So gesehen, mutet ein Unternehmen wie der Deutsche Klassiker Verlag (DKV) wie das Relikt einer versunkenen Epoche an. Dabei liegt seine Gründung gerade einmal 35 Jahre zurück, die ersten Bände erschienen vor 30 Jahren, der letzte reguläre vor eineinhalb Jahren im Herbst 2013.

Als der Verlag an den Start ging, sollte sich das Klassiker-Konzept, also das aus heutiger Sicht Bewahrenswerte zu versammeln, auf die Auswahl der Werke ebenso beziehen wie auf die Erarbeitung korrekter Texte an den Quellen, auf die Kommentierung und nicht zuletzt auf die Ausstattung: Die Leinenbände sind einheitlich in Blau gehalten, das allerdings je nach Literaturepoche heller oder dunkler getönt war, für die Lederbände ließen Radja-Ziegen ihr Leben, und das einheitlich verwendete Dünndruckpapier „Persia K“ wurde eigens für den Verlag entwickelt.

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