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Literatur in der Schule : Warum Klassiker?

Leben vs. Schule

Ist diese umfassende Fürsorge, diese vorweggenommene Rezeption nun im Sinn der Schüler? Entspricht sie den Wünschen, die sie an ihre Ausbildung hegen? Oder geht die Sache womöglich noch nicht weit genug?

Aufschlussreich ist da ein vieldiskutierter, knapp dreißigtausend Mal geteilter Tweet, den eine Kölner Abiturientin namens Naina am 10. Januar dieses Jahres publizierte. „Ich bin fast 18“, schrieb sie, „und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“ Das klingt nach Fundamentalkritik am Bildungssystem: zu viel nutzloses Wissen, zu wenig Lernstoff, mit dem man wirklich etwas anfangen kann. Es ist auch ein Beitrag in einer Diskussion, die seit der Antike geführt wird, als der römische Philosoph Seneca die „Lebensweisheit“ gegenüber der „Schulweisheit“ in Stellung brachte und fand, die „überflüssigen Fragen“, mit denen sich die Philosophen in den Bildungseinrichtungen beschäftigten, hülfen nicht dabei, „richtig zu leben“, sondern nur, „gelehrt zu reden“. Sein Fazit: „Non vitae, sed scolae discimus“, nicht für das Leben, sondern (bloß) für die Schule lernen wir. Sehr zu Senecas Missfallen.

Verschiedenen Lebensentwürfe

Nainas Tweet aber zeigt vor allem, dass die Schülerin denjenigen Bildungspolitikern gut zugehört hat, die derzeit länderübergreifend daran arbeiten, die Relevanz schulischer Lerninhalte an den vermuteten Anforderungen zu messen, die auf die Absolventen zukommen werden. „Die Vorbereitung unserer Schüler auf ein erfolgreiches privates und auch berufliches Leben in unserer Gesellschaft“, sagt etwa Anja Schöpe, Referentin im Gymnasialreferat des Hessischen Kultusministeriums, sei das Ziel, das Schule nun mal verfolge.

Schön - aber was ist das, ein erfolgreiches Leben? In einer, wie Schöpe sagt, „globalisierten Gesellschaft, in der Wissen so schnell veraltet, in der Werte in keiner Weise mehr klar sind und immer wieder neu hinterfragt werden“. Wie bringt man da die verschiedenen Lebensentwürfe der Schüler unter einen Hut, wie soll die Schule den jeweiligen Erfolg befördern? Im Privaten wie im Beruf?

Verfahrens-, Problemlösungs- und Lernkompetenzen

Die Antwort, die Bildungspolitiker heute am liebsten geben, trägt den Namen „Kompetenz“. Es gehe nicht mehr primär darum, Schülern Wissen zu vermitteln, sondern sie in die Lage zu versetzen, sich in der Welt zurechtzufinden - so könnte man das Konzept zusammenfassen, das an die Stelle von zwingend zu behandelnden Inhalten nun das Erwerben sogenannter Verfahrens-, Problemlösungs- oder Lernkompetenzen setzt. Die Schulen hat es längst erreicht. So ist inzwischen in manchen Bundesländern nur noch ein einziges Werk vorgeschrieben, das alle Abiturienten im Verlauf ihrer Schulzeit zwingend gelesen haben müssen - Goethes „Faust“. Und wer beispielsweise im vergangenen Jahr in Bayern sein Abitur im Fach Deutsch schrieb, konnte dafür ein Gedicht Durs Grünbeins, einen Auszug aus Schillers „Don Karlos“ oder aus

E. T. A. Hoffmanns „Das öde Haus“ interpretieren. Er konnte aber auch eine Rede zur Eröffnung einer fiktiven Ausstellung über den literarischen Expressionismus entwerfen oder anhand eines Textes von F. C. Delius die „Funktion von Kunst und Literatur in der heutigen Gesellschaft“ erörtern. Ausdrücklich nach dem literaturgeschichtlichen Hintergrund wurde nur in zwei der fünf Aufgabestellungen gefragt, die übrigen zielen auf textimmanente Interpretation oder auf den Vergleich mit beigefügten Ausschnitten anderer Werke. Aber wie weit reicht das Verständnis für eine Novelle oder ein Gedicht überhaupt, wenn man sie außerhalb der Literaturgeschichte betrachtet?

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