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Staatliche Bevormundung : Der furchtbar fürsorgliche Vater Staat

Fürsorge oder Kontrolle: der Grat ist schmal; derzeit stehen Bürger und vor allem Familien wohl etwas zu häufig unter Generalverdacht. Bild: dpa

Familien stehen im Fokus der Behörden. Ständig sagt man ihnen, wie sie leben sollen, vom Essen bis zur Zahnhygiene. Wachsamkeit ist wichtig, aber nur in Maßen. Nimmt die Fürsorge überhand, ist sie Übergriffigkeit. Ein Kommentar.

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          Der Staat kümmert sich um seine Bürger. Das ist gut, es ist ja seine Aufgabe. Inzwischen kümmert er sich aber zu sehr. Und das ist schlecht für unsere Gesellschaft. Ein Beispiel: In Frankfurt klebten Plakate, die das Foto einer jungen Mutter mit Kinderwagen zeigen. Die Frau starrt auf ihr Handy. Daneben der Slogan: „Sprechen Sie lieber mit Ihrem Kind.“ Um sicherzugehen, dass nicht jemand die unmissverständliche Botschaft am Ende doch missverstand, erläuterte die Stadt auf ihrer Internetseite, die Plakate sollten Eltern „dazu ermutigen, sich statt dem Handy lieber ihrem eigenen Kind zuzuwenden“.

          Wer die Sache mit gesundem Menschenverstand betrachtet, hätte einen Aufschrei erwartet: Was ist das bitte schön für ein Bild vom Bürger? Hält der Staat uns alle für Dummerchen, die nicht in der Lage sind, selbständig über ihr Kommunikationsverhalten zu entscheiden? Ja, schlimmer noch: die blind sind für die Gefahr, dass Kinder vor unseren Augen verwahrlosen, weil unsere Augen nicht unentwegt auf ihnen ruhen - so wie die von Vater Staat auf uns allen, damit nichts aus dem Ruder läuft? Es gab aber keinen Aufschrei, es gab nur Jubel.

          13.000 Euro aus Bundesmitteln verballert

          Die Kampagne, für die das Frankfurter Sozialdezernat 13.000 Euro aus Bundesmitteln verballerte, wurde im ganzen Land gelobt: Schlimm, diese Daddel-Eltern, hieß es; immer online, immer abgelenkt, und das arme Kind kann gar nicht einordnen, mit wem Mama gerade spricht. Richtig daran ist natürlich: Es gibt Eltern, deren Kinder wirklich in Gefahr sind. Aber nur ganz wenige. Deshalb sind Aktionen wie die in Frankfurt unverhältnismäßig. In diesem Fall sogar nutzlos: Wer dauernd aufs Handy schaut, blickt nicht auf, um Plakate zu lesen. Allen anderen drängt sich die Kampagne auf. Das ist nicht ermutigend, sondern übergriffig.

          Ähnlich bekommen Eltern, die selbstverständlich mit ihren Kindern zu allen Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt gehen, vor jeder dieser Untersuchungen doppelt Post: vom Vorsorgezentrum und von der Krankenkasse. Freundliche Mahnungen, dass die nächste Untersuchung anstehe, die übrigens „verbindlich vorgeschrieben“ sei. Es gibt sogar eine App des Bundesfamilienministeriums, die Eltern an den Zeitpunkt der nächsten „U“ erinnert. Eine andere App des Hauses liefert Spielideen mit Kartoffeln, Löffeln und Papier - und stellt ebenfalls alle Familien unter Generalverdacht: „Eltern finden so einfach eine Alternative zur Spielkonsole oder dem Computer.“

          Was wir denken und essen sollen

          Auch das Ernährungsministerium sagt den Leuten gerne, was sie zu denken haben, zum Beispiel: „Stillen – was sonst?“ Ja, was sonst? Na ja, zum Beispiel gibt es hin und wieder auch gute Gründe für Milch aus der Flasche. Aber statt dass mal jemand auf den Tisch haut und sagt, hört auf, die Leute zu indoktrinieren, wird so lange das Stillen gerühmt, bis Mütter in Tränen ausbrechen, wenn es nicht gleich klappt. Aber darüber können sie dann ja mit ihrer Nachsorge-Hebamme reden. Das geplante Präventionsgesetz will deren kassenfinanzierte Hausbesuche nach der Geburt um noch ein paar Wochen aufstocken.

          Familien stehen besonders im Fokus des furchtbar fürsorglichen Staats. Bis zu einem gewissen Grad ist Wachsamkeit natürlich auch richtig. Schließlich hat der Staat für Kinder eine besondere Schutzpflicht – deshalb die flächendeckenden Zahnputzübungen und Mundkontrollen in Kindergärten. Aber auch alle Erwachsenen hat die Politik immer im Blick. Sie ruft Betriebe auf, die Gesundheit ihrer Mitarbeiter mit Programmen zu fördern. Nachweise von staatlich anerkannten Kursen geben Bonuspunkte bei der Krankenkasse, die private Joggingrunde aber nicht. Unter einem Nationalen Diabetesplan wollen es viele Politiker gar nicht erst machen, wenn es darum geht, die Volkskrankheit zu bekämpfen.

          Ständig werden wir freundlich ermahnt, wie wir uns verhalten sollen: auf Plakaten, Flyern, Ministeriumsseiten. Der konforme Bürger mag deutsches Obst und Gemüse: „Kommt von hier, schmeckt auch dir!“ Falls er sich am nächsten Freitag die Sonnenfinsternis anschaut, wird er das nur mit einer Schutzbrille der „DIN-EN-Norm 1836 und CE-Symbol“ tun. Beim Alkohol kennt er sein exaktes Limit (als Frau maximal ein Glas pro Tag, an zwei Tagen der Woche gar nichts). Er hat einen Organspendeausweis („das trägt man heute“) und weiß, welche Essensreste zu gut für die Tonne sind.

          Das alles kommt als Angebot daher, nicht als Zwang. Aber auf subtile Weise stanzt sich der Staat so einen leicht kontrollierbaren Musterbürger zurecht. Ein wenig haben wir das schon adaptiert - und geben es an unsere Kinder weiter. Setzen ihnen vorgedruckte Übungshefte vor, statt auf ihre Phantasie zu vertrauen. Ziehen ihnen im Schwimmbad Noppenschuhe an, statt ihnen zu zeigen, wie man nicht ausrutscht. Verbieten ihnen, auf Bäume zu klettern, statt sie lernen zu lassen, wie man fällt. Wir sollten anfangen, all das schrecklich gut Gemeinte in Frage zu stellen. Sonst schlittern wir in eine Gesellschaft, in der sich niemand mehr traut, so zu leben, wie er es für richtig hält.

          Florentine Fritzen
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

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