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„Shaun das Schaf“ im Kino : Der Schock mit Shaun

Hinter Gittern: Nur ein geringer Teil der Handlung von „Shaun das Schaf“ spielt auf dem vertrauten Bauernhof. Bild: Studio Canal

Im Kino gewesen, gelacht. Doch mit mir saßen achthundert weitere Zuschauer im Saal, von denen etliche nicht gelacht haben, weil sie noch zu klein sind, um „Shaun das Schaf“ als Kinofilm zu genießen. Eine Warnung aus gegebenem Anlass.

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          Wenn mich eines nicht wundert, dann dass „Shaun das Schaf“ gerade die Spitze der aktuellen deutschen Kinobesucherrangliste erklommen hat. Denn als ich am Sonntagnachmittag eine Vorstellung des britischen Trickfilms besuchte, war der größte Kinosaal der Stadt proppenvoll. Und zwar zum Gutteil mit Klein- und Kleinstkindern. Den Rest füllten Eltern, wobei auffällig viele Väter als Begleitpersonen vertreten waren.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Nun ist „Shaun das Schaf“ tatsächlich für fast alle Altersgruppen geeignet. Auch Oma und Opa dürften auf ihre Kosten kommen, denn was das Aardman-Studio da mit seinen Kindergeschichten um ein schlaues Schaf veranstaltet, ist so anspielungsreich, dass  jeder, der sich für Literatur- oder Filmgeschichte begeistert, genau richtig ist. Und gleichzeitig muss man nicht zum Beispiel Orwells „Animal Farm“ gelesen haben, um sich an der Tyrannei von drei Schweinen zu delektieren, die die Abwesenheit des Bauern schamlos ausnutzen. Man muss nicht einmal Walt Disney animierten Kurzfilm  „Die drei  kleinen Schweinchen“ von 1933 kennen, auf den das wilde Trio auch anspielt. Aber wenn man es tut, hat man noch mehr Spaß.

          Kinder haben den sowieso. In Deutschland dürfte „Shaun das Schaf“ ohnehin noch populärer sein als in seinem Ursprungsland, weil die Trickfilmserie hier in der „Sendung mit der Maus“ läuft, und mehr Kinder erreicht man in Deutschland nur schwerlich. Überdies ist die „Sendung mit der Maus“ so etwas wie ein Nationalheiligtum und gilt auch als für alle Altersstufen kindgerecht. Zu Recht, gerade auch im Hinblick auf die dort ausgestrahlten Episoden von „Shaun das Schaf“. Für die Verfilmung aber kann man das nicht so einfach sagen.

          Wann wird es endlich wie im Fernsehen?

          Denn Aardman gestaltet seine langen Trickfilme inhaltlich anders als die kurzen – gerade weil das Studio mit seinen Werken auch Erwachsene ins Kino ziehen will. Nun sind zwar die abendlichen Vorstellungen von „Shaun das Schaf“  deutlich weniger stark frequentiert als die am Vor- oder Nachmittag, aber gut besucht sind auch sie immer noch, das Rezept mit dem Allgenerationenfilm geht also offenbar auf. Aber mehr im Hinblick auf die Älteren als auf die Jüngsten.

          Letztere sitzen nämlich reichlich konsterniert in „Shaun das Schaf“. Zwar durfte ich mich eine Viertelstunde lang über eine piepsige Stimme hinter mir amüsieren, die immer wieder verkündete: „Jetzt wird’s lustig!“, doch irgendwann fiel mir auf, dass es sich dabei wohl eher um einen Hilferuf als um eine Prophezeiung handelte. Denn lustig war es schon die ganze Zeit – für mich, den Erwachsenen. Und unüberhörbar auch für viele Kinder von - sagen wir - sechs Jahren aufwärts. Aber nicht für diesen kleinen Mann von vielleicht vier Jahren, der das vermisste, was er aus dem Fernsehen kannte: eine leicht verständliche Geschichte, die in sieben Minuten mit  überschaubarem Personal (acht Schafe, Bauer, Hofhund) und klar definiertem Handlungsort (Bauernhof) erzählt wird. Im Kino warten fast  neunzig Minuten, und die wollen mit mehr gefüllt werden. Selbst wenn die erste Viertelstunde noch ganz im von Fernsehen her vertrauten Rahmen angesiedelt ist, wird dort schon so viel vom künftig Geschehenden vorbereitet, dass man Kleinkinder damit überfordert. Deshalb die verzweifelte Beschwörung des einen von ihnen: „Jetzt wird’s lustig!“

          Fünf Minuten Harmonie am Ende reichen nicht

          Doch für diesen Knirps hinter mir wurde es das nie. Irgendwann verlagert sich die Handlung in die Großstadt, und da gibt es viel zu sehen und zu lachen – für Ältere. Für den kleinen Mann dagegen gab es viel zu fragen: „Was macht der Bauer da?“, „Was macht Shaun da?“, „Wo bleibt der Hund?“, „Ist das der Bauer?“ und so weiter, und jede Frage gerechtfertigt aus der Perspektive eines etwa Vierjährigen, der in einem Film sitzt, der auch Vierzigjährigen einiges bieten will. Weshalb der Junge spätestens dann auch schockiert ist, wenn Shaun ins Gefängnis kommt oder ein Tierfänger auftritt, der sich reichlich bösartig benimmt. Im Kino flossen irgendwann Tränen, und nicht wenige. Es gab sogar Angstschreie.

          Filmtrailer „Shaun das Schaf“ : Auf der Flucht

          Das alles war nicht anders, als 1942 „Bambi“ in die Kinos kam. Der berüchtigten Moment, als die Mutter des Rehkitzes starb, hat ganze Generationen von Kleinkindern geschockt. Aber das stand am Beginn des Films, und danach kamen achtzig Minuten großartig kindgerechter Trickfilm. Am Schluss war dann alles vergessen, und selbst wenn die Erinnerung doch wieder hochkam, konnte sie mit der nachfolgenden positiven Wendung verkraftet werden. Bei „Shaun das Schaf“ aber reichen die fünf harmonischen Minuten zum Schluss einfach nicht aus, um die düsteren Szenen so weit vergessen zu machen, dass alle Zuschauer frohgemut das Kino verlassen.

          Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Dieser Film ist großartig – für Zuschauer von vielleicht sechs Jahren an. Sollten Ihre Kinder jedoch jünger sein, ersparen Sie ihnen und sich selbst den gemeinsamen Besuch. Gehen Sie allein oder mit den älteren Geschwistern ins Kino. Und dann in ein paar Jahren wartet die DVD des Langfilms „Shaun das Schaf“ auf diejenigen, die jetzt noch zu jung sind. Solange können sie ja die DVDs mit den Kurzfilmen schauen.

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