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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum Fleisch nicht billig sein kann

Aus der Massentierhaltung in die Schlachtfabrik: Geflügelfleisch vor der Verpackung Bildbeschreibung einblenden Podcast starten 03:49

Aus der Massentierhaltung in die Schlachtfabrik: Geflügelfleisch vor der Verpackung Bild: Picture-Alliance

Gerade reden alle über die schlimmen Zustände in unseren Schlachthöfen. Was dabei nicht so gern gesagt wird, ist eine unangenehme Wahrheit: dass diese Zustände zwei ganz klare Ursachen haben.

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          Um über diese schlimme Sache zu sprechen, stellt man sich am besten erst einmal etwas ziemlich Schreckliches vor: Wenn man acht oder neun Jahre alt ist, glücklich und kerngesund, kommt jemand, der will, dass man ganz schnell so groß wird wie die Mädchen und Jungen aus der Schule, die gerade Abitur gemacht haben. Deswegen verteilt dieser Jemand lauter Pillen und grässliches Essen, das gar nicht gut für den Körper ist und dafür sorgt, dass man sich fürchterlich schlecht fühlt. Aber das Zeug wirkt, und siehe da, nach wenigen Jahren sind die Kinder tatsächlich wie wild gewachsen und so groß geworden wie die Abiturienten, obwohl das ohne die Pillen viel, viel länger gedauert hätte.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Niemand käme auf den Gedanken, so etwas mit Menschen zu machen, das wäre ja verrückt. Mit den meisten Tieren, die in Deutschland gegessen werden, passiert aber genau das. In unseren industriellen Fleischzuchtbetrieben, in denen Zehntausende von Tieren auf engstem Raum großgezogen und mit Futter für ein Turbo-Wachstum gemästet werden, sind die Hühnchen schon nach dreißig Tagen ausgewachsen, dreimal schneller, als es die Natur eigentlich vorsieht. Ferkel werden in nur neunzig Tagen von 25 Kilo Gewicht auf 125 Kilo gemästet. Dann werden diese armen Tiere geschlachtet und kommen auf unseren Teller. Das ist nun wirklich keine schöne Vorstellung.

          Gerade reden alle über die schlimmen Zustände in unseren Schlachthöfen, die Nachrichten sind voll davon. Was aber dabei nicht so gern gesagt wird, ist eine unangenehme Wahrheit: dass diese Zustände zwei ganz klare Ursachen haben, nämlich Geiz und Gier. Geiz, weil sehr viele Menschen in Deutschland nach billigem Fleisch verlangen und nicht bereit sind, einen angemessenen Preis für ihre Wurst und ihr Schnitzel zu zahlen: Sie gehen zum Discounter, schauen auf die Preisschilder und kaufen immer das Günstigste, ohne sich zu fragen, warum es so günstig ist und ob vielleicht etwas nicht stimmen kann mit diesem Fleisch. Und Gier, weil die Leute, die unser Fleisch herstellen, trotz der niedrigen Preise sehr viel Geld verdienen wollen. Deswegen müssen die meisten Tiere zusammengepfercht in engen Ställen hausen und Futter für ein rasantes Wachstum fressen, weil das viel billiger ist, als sie langsam auf der Weide an der frischen Luft groß werden zu lassen. Und in den Schlachthöfen müssen Menschen fast wie Sklaven schuften, damit unser Fleisch so wenig kosten kann wie Hundefutter.

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          Das alles ist wirklich sehr schlimm. Und deswegen müssen wir begreifen, dass billiges Fleisch aus vielen Gründen schlechtes Fleisch ist. Wir dürfen nie vergessen, dass es von Lebewesen kommt – von Lebewesen, wie auch wir es sind. Deswegen ist es falsch und unanständig, beim Fleisch nur auf den Preis zu achten. Wenn wir das tun, ist das am Ende schlecht für alle: Die Tiere haben ein unwürdiges Leben, die Schlachter haben es auch, und der Geschmack leidet genauso stark, weil Fleisch aus der Massentierhaltung einfach nicht schmeckt. So ist es mit allem in der Natur: Das, was in Ruhe und Frieden wachsen darf, wird stark und gesund und schmackhaft noch dazu. Wenn man aber die Natur verhöhnt und gegen ihre Regeln verstößt, muss man einen hohen Preis dafür zahlen – auch wenn der Preis auf den ersten Blick niedrig erscheint.

          Wer will, kann einfach mal das Experiment machen, ein Tiefkühlhuhn vom Discounter und ein Freilandhuhn vom Bauernmarkt zusammen zu braten und zu essen. Jeder merkt sofort, welches Huhn tausendmal besser schmeckt, weil es so groß werden dufte, wie es seine Natur will. Es kostet auch ein bisschen mehr, doch das tut es mit allem Recht und Grund. Wer das ausprobiert, wird nach diesen beiden Hühnern sagen: Wir wollen nie wieder billiges Industriefleisch essen. Jede Wette.

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