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Kinderbücher : Das Glück zwischen zwei Buchdeckeln

Markus Weber ist ein Büchernarr und ein Kaufmann zugleich. Weshalb über den Aktenordnern im Moritz-Verlagsbüro die persönlichen Grüße seiner Autoren an ihn hängen. Bild: Lucas Bäuml

Gute Bücher für Kinder verkaufen: Klingt einfach, ist aber gar nicht so leicht. Dem Frankfurter Moritz Verlag gelingt das seit 25 Jahren.

          3 Min.

          Wie viele Kinder wohl jeden Abend mit „Gute Nacht, Gorilla“ zu Bett gehen? Peggy Rathmanns Buch vom Gorilla, der mit den anderen Zootieren zusammen davonschleicht, um im Schlafzimmer des Zoowärters und seiner Frau ein kuschliges Plätzchen zu finden, ist ein moderner Klassiker. Der Frankfurter Moritz Verlag verkauft das handliche Buch jetzt in der 20. Auflage.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mit vielen Entscheidungen hätte der Verlag „einfach Glück gehabt“, sagt Markus Weber, der Gründer und Leiter des Verlags. Es geht aber auch nicht ohne das richtige Gespür. Bei „Gute Nacht, Gorilla“ etwa hatte Weber in Kanada ein Aha-Erlebnis. Es war auf Deutsch schon als Bilderbuch bei einem anderen Verlag erschienen. An der Kasse einer kanadischen Buchhandlung aber lag eine Ausgabe in kleinerem Format, mit dicken Seiten. „Da war mir klar: Das ist kein Bilderbuch, das muss ein Pappbuch sein!“ So ist es – und der Papp-„Gorilla“ seit der Neuausgabe 2006 aus dem Moritz Verlag nicht wegzudenken. Für Thé Tjong-Khing wiederum hat Weber beharrlich beim belgischen Originalverlag vorgesprochen, bis er die Rechte hatte. Thés Bilderbuch „Die Torte ist weg“ wurde mittlerweile eine Erfolgsreihe mit gut 100 000 verkauften Exemplaren.

          Wie alles angefangen hat

          Der Vorteil im Kinderbuchgeschäft sei die Langlebigkeit der Bücher, so Weber. „Darum beneiden uns die Belletristik-Verlage.“ Allerdings war es am Anfang auch für ihn nicht leicht, als Neuling in den Buchhandlungen zwischen all den „Steadysellern“ zu landen, die da seit 15 Jahren schon standen.

          Die erste gute Entscheidung, die Weber getroffen hat, war es, vor 25 Jahren überhaupt anzufangen. Weber, 60 Jahre alt, in Meisenheim am Glan aufgewachsen, gelernter Buchhändler und in der Schweiz bei Diogenes im Verlagsgeschäft ausgebildet, war fast zehn Jahre lang beim Kinderbuchverlag Beltz & Gelberg für das Auslandsgeschäft mit den Lizenzen zuständig. Damals hatte er viel mit dem französischen Traditionsverlag l’école des loisirs zu tun. So kam er dazu, deren deutsche Tochter Moritz aufzubauen und zu leiten.

          Zur Buchmesse 1994 erschienen die ersten 14 Titel, alles Lizenzen der französischen Mutter. Nadjas „Blauer Hund“ etwa, vor 30 Jahren im französischen Original erschienen, ist längst ein Klassiker. Für Weber auch Inbegriff dessen, was er für ein gutes Bilderbuch hält: phantasievoll, stark in der Aussage, anregend, künstlerisch anspruchsvoll. Es muss den Kindern gefallen und den „Käufern, die möchten, dass ihre Kinder mit etwas Gutem aufwachsen“.

          Besondere Bücher für Erstleser

          Kaufleute seien still, lacht Weber, aber: „Wir stehen erfreulich gut da“, so viel verrät er. Mit langem Atem und seiner Mischung aus Idealismus und Geschäftssinn hat der Verlag auch die „Bilderbuchkrise“, die um die Jahrtausendwende über den Kinderbuchmarkt hereinbrach, trotz einer bedrohlichen Durststrecke überstanden. Dann kam der „Pisa-Schock“, und die Deutschen interessierten sich plötzlich für gute Kinderbücher.

          Seit 2010 gibt es bei Moritz Bücher für Erstleser, die Bände von Ulf Nilsson oder Rose Lagercrantz heben sich ab vom Üblichen: „Unser Gedanke war, dass wir diese zurechtgeschnittenen Bücher ohne Trennungen, ohne Nebensätze und im Flattersatz, dass wir all diese Vorgaben nicht beachten. Ich möchte Erstleser so behandeln, wie ich als erwachsener Leser behandelt werden will. Und da scheint uns doch etwas gelungen zu sein“, sagt Weber. Auch wenn er bisweilen Bücher, die ihm sehr am Herzen liegen, bei einer ersten Auflage belassen muss – oder verscherbeln. Die Jubiläumsbroschüre des Verlags breitet 25 Bücher aus 25 Jahren aus und verschweigt auch nicht, welches Buch Erwachsene scheuen, obwohl Kinder es lieben, oder den „unbegreiflichsten Misserfolg“ des Verlagsprogramms.

          Seit dem ersten Verlagsjahr dabei: Nadjas „Blauer Hund“ ist ein Klassiker. Bilderstrecke

          „Drei Schreibtische, von vier Leuten bespielt“ machen den Kern des Verlags aus, der in ein überschaubares Büro an der Frankfurter Kantstraße passt. Viele verlagsübliche Tätigkeiten sind ausgelagert, und einen eigenen Vertrieb hat Moritz auch nicht. Seit geraumer Zeit arbeitet das Unternehmen dafür mit dem Netz von Beltz & Gelberg. Schon kurz nach der Gründung kamen selbst aufgespürte Rechte an internationalen Autoren hinzu – und ein paar Jahre später begann Weber, Autoren zu gewinnen. Jörg Mühle etwa, Frankfurter Autor und Illustrator, ist mit der „Hasenkind“-Reihe einer der internationalen Erfolgsautoren des Verlags geworden: „Nur noch kurz die Ohren kraulen“ liegt derzeit in der 16. Auflage auf Deutsch vor und ist in viele Sprachen übersetzt worden, umgekehrt haben Mühles zauberhafte Tiere Megumi Iwasas Erstleser-Buch „Viele Grüße, Deine Giraffe“ in der deutschen Ausgabe erst zu dem preisgekrönten Erfolg gemacht, dessen dritter Band soeben erschienen ist.

          Hätte Weber in Polen nicht zufällig Aleksandra und Daniel Michielinski kennengelernt, die ihm Skizzen des Architekturbuchs „Treppe Fenster Klo“ zeigten, gäbe es weder dieses noch das Landkartenbuch „Alle Welt“, eines der erfolgreichsten überhaupt des Verlags. Und jetzt ist „Wie das klingt“ erschienen, die Michielinskis erzählen zusammen mit zwei Musikautoren die moderne Musikgeschichte für Kinder. Dafür arbeitet der Verlag crossmedial: Die Musikbeispiele gibt es auf einer Internetseite zum Nachhören.

          Gorillas aus Plüsch oder Hasenkind-T-Shirts aber würde Weber nie anbieten: „Das passt zu Moritz nicht. Ich möchte einfach gute Bücher machen. Damit haben wir genug zu tun.“ Zum Jubiläum aber macht der Verlag dann doch noch etwas anderes: Am 17. November gibt es im Frankfurter Literaturhaus einen großen Kinderbuch-Sonntag mit Lesungen, Workshops und Begegnungen mit den Autoren des Verlags, unter anderen mit Chen Jianghong, Antje Damm, Jörg Mühle und Thé Tjong-Khing.

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